Margarita Pritzel-Mußeleck

„Ich nehme die Leute, wie sie sind“

Es war Dienstagnachmittag, als wir zu dem Mann in die Wohnung kamen, und beinahe wäre es zu spät gewesen. Er war sehr hungrig gewesen und hatte versucht, sich selbst etwas zu kochen. Aber mit dem Herd gab es Probleme, er konnte ihn nicht richtig bedienen, und beinahe hätte er seine ganze Wohnung abgefackelt und sich lebensgefährlich verletzt. Naja, geschimpft habe ich nicht mit ihm, es hätte auch wenig gebracht, er kann ja nichts dafür. Er ist alleinstehend, und es war beinahe rührend, wie er da auf seinem Sofa saß und aß. Man sah, wie es ihm schmeckte. Ich habe dann erst einmal die Fenster weit aufgerissen, damit frische Luft in die Wohnung kommt, und dann bin ich ans Aufräumen gegangen. So etwas ist zwar nicht gerade alltäglich in meinem Beruf, aber in mittlerweile 30 Jahren im Pflegedienst habe ich einiges erlebt.
Ob ich nach so einem Tag erschöpft bin? Momentan geht das eigentlich gar nicht, denn ich habe besonders viel zu tun. Ich arbeite bei einem sogenannten interkulturellen Pflegedienst hier in Hamburg. Bisher ist es so, dass wir die Patienten zu Hause besuchen, aber mein Chef möchte expandieren. In Zukunft wollen wir auch stationäre Tagespflege anbieten. Deswegen kommen bei mir gerade 60 bis 70 Stunden in der Woche zusammen. Die neuen Büroräume und Behandlungszimmer müssen hergerichtet werden, es gibt viel Organisatorisches zu erledigen, hinzu kommt die ständige Weiterqualifizierung im Pflegedienst. Gerade schlage ich mich mit bürokratischen Monstern wie dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz herum. Ich will hier nicht über die vielen Übel unseres Gesundheitswesens schimpfen, aber eines habe ich gerade wieder festgestellt: Das Ausreichende ist oft nicht genug.
Abends nach Dienstschluss wartet dann noch ein langer Heimweg auf mich, ich wohne nämlich am Stadtrand von Hamburg, mitten im Grünen. Das ist mir wichtig, da kann ich abschalten und mich erholen. Für die Leute dort bin ich zwar in all den Jahren immer eine Fremde geblieben, weil ich anders bin. Ich mache mir nichts aus Schützenfesten und Feuerwehrbällen und habe auch keine Zwerge im Garten stehen. Das gehört hier alles mit dazu. Inzwischen kommen die Einheimischen und ich aber gut miteinander aus. Sie nehmen mich, wie ich bin, und ich akzeptiere deren Naturell. Dass man das ganz spezielle Wesen eines Menschen akzeptiert, auch wenn man es sich nie zu eigen machen würde, ist meiner Meinung nach sehr wichtig. Das spüre ich jeden Tag aufs Neue in meinem Beruf.
Wegziehen von hier will ich nicht, schon gar nicht in die Hamburger Innenstadt, es ist mir zu laut und zu hektisch dort. Am Sonntag erst waren meine beiden Söhne mit ihren Lebensgefährtinnen da, sie wohnen ganz in der Nähe. Die beiden jungen Frauen haben beide ein Kind aus einer früheren Beziehung, aber ich finde das toll, damit bin ich eben so was Ähnliches wie eine Oma.
Vielleicht hängt das ja ein wenig mit ihrer eigenen Kindheit zusammen, dass meine Söhne gelernt haben, dass man sich als Familie zusammenfinden muss und das Glück miteinander nicht geschenkt bekommt. Ich war zweimal verheiratet, und mein zweiter Mann hat es wirklich versucht mit meinen Jungen. Mit dem Kleineren hat es auch ganz gut geklappt, aber der Größere und er bekamen einfach keinen Draht zueinander. Ich habe dann die Konsequenz gezogen und mich getrennt, so hart es auch war, aber meine Jungs gehen mir über alles. Ich selbst musste mir meine Familie auch förmlich zusammensuchen, meinen Vater habe ich erst als erwachsene Frau kennengelernt. Er und meine Mutter hatten sich ebenfalls sehr früh getrennt.
Gestern war es besonders hart auf Arbeit, ich war bei einem unserer Vorstadt‐Casanovas zur Pflege eingeteilt. Der Name passt auf manche unserer älteren muslimischen Herren. Wir sind auf Patienten unterschiedlicher Religion spezialisiert, so ist unser Geschäftskonzept, aber das läuft nicht immer konfliktfrei. Stellen Sie sich nur mal die Situation vor, da kommt eine Jüdin zu einem körperbehinderten muslimischen Patriarchen und soll ihn im Intimbereich waschen. Da konzentriere ich mich dann immer ganz darauf, nur den Menschen und seine Bedürfnisse zu sehen und den Rest zu ignorieren. Hilft aber nicht immer. Da macht mir der Mann doch glatt ein unsittliches Angebot. Man muss sich in solchen Situationen zusammenreißen. Ich habe höflich, aber bestimmt abgelehnt.
Der schönste Tag der Woche ist für mich der Sonnabend. Ich habe mit meinem Chef ausgehandelt, dass ich da nur in dringendsten Notfällen eingesetzt werde. Als afghanischer Muslim hat er für solche religiös bedingten Einschränkungen großes Verständnis, es geht ihm selbst ja nicht viel anders. Überhaupt kommen wir beide gut miteinander aus – ist nicht selbstverständlich zwischen einem Muslim und einer Jüdin. Auch in dieser Woche liefen ja wieder schlimme Fernsehnachrichten über die Konflikte im Nahen Osten, aber das können wir beide in unserem Verhältnis ausblenden, irgendwie.
Wenn ich so zurückdenke, fällt mir eigentlich nicht ein, dass wir mal aus religiösen Gründen heftig aneinandergeraten wären. Obwohl, als ich am Donnerstag mit Schreibkram beschäftigt war, fiel mir eine Episode ein, die sich in unserer Buchhaltung ereignete, als ich gerade neu angefangen hatte. Bei uns arbeiten ja Frauen aus der ganzen Welt, und im Personalbogen steht dann auch immer die Nationalität, also beispielsweise „Afghanin“ oder „Türkin“, wenn es keine deutschen Staatsbürgerinnen sind. Und was tauchte da bei mir in der entsprechenden Rubrik auf? „Jüdin“! Als einzige von allen Kollegen wurde ich mit der Religionszugehörigkeit geführt, das kam mir merkwürdig vor. Aber ich habe mir dann eingeredet, das ist bestimmt der jungen Praktikantin aus Versehen passiert.
Wie gesagt, Sonnabend ist für mich der Tag zum Erholen. Ich gehe dann gern in die Synagoge, zum orthodoxen Gottesdienst sogar, auch wenn ich kein frommer Mensch im klassischen Sinne bin. Warum ich die sogenannten Liberalen nicht bevorzuge? Nun, zum einen hat es eine solche Strömung hier bei uns in Hamburg lange nicht gegeben, und dann kommt es ja nicht in erster Linie darauf an, es sich möglichst leicht zu machen. Als zweifach Geschiedene werde ich von einigen Frommen zwar manchmal schief angeschaut, aber ich fühle mich trotzdem wohl. Ich nehme die Leute, wie sie sind, und die meisten dort akzeptieren mich wie ich bin.
Zum Glauben habe ich erst spät gefunden, vor einigen Jahren. Ich sage mir immer, ich bin jetzt 53 Jahre alt, und die Selbstfindung liegt hinter mir. Ich muss nichts mehr werden, ich muss nur noch sein. Ich besuche die Gottesdienste vor allem, um Kraft zu tanken für den Alltag. Anschließend gehe ich mit meinen Freundinnen aus der Gemeinde zum gemeinsamen Essen in ein kleines vegetarisches Restaurant im Stadtteil Eppendorf. Dort essen und schwatzen wir, und nach einigen Stunden gehen wir wieder auseinander – und haben alle Kraft getankt für die Anforderungen der nächsten Woche.

Aufgezeichnet von André Paul

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