Françoise Sharell

»Ich lehre nach eigener Methode«

Es macht mich nervös, wenn ich daran denke, wie schnell die Barmizwa meines Sohnes heranrückt. Wir werden sie im Sommer in Paris feiern, denn für meine Mutter ist die Reise nach München zu beschwerlich geworden. Dan lernt schon eifrig. Er freut sich sehr auf sein Fest und wir uns mit ihm. Aber ich bin mit meinen Gedanken auch bei meinem nächsten Konzert, einem Klavierkonzert für vier Hände, das ich mit einer Freundin im Mai geben werde. Wir spielen diesmal nicht bei mir zu Hause, sondern in einem Pfarrsaal, den mir meine Nachbarin vermittelt hat. Sie leitet einen Kirchenchor. Donnerstag und Freitag sind meine Unterrichtstage. Ich gebe Kindern Klavierstunden. Entweder sie kommen zu mir, oder ich gehe zu ihnen. Ich lehre sie nach meiner eigenen Methode, schreibe für sie meine eigenen Übungen. Eigentlich unterrichte ich jedes Kind anders, weil jedes Kind eben anders ist. Mir ist wichtig, dass die Kinder es lernen, vom Blatt zu spielen und dass sie sich trauen zu improvisieren. Ich spiele den Bass, und sie legen eine eigene Melodie darüber.
Als ich zwölf Jahre alt war, eröffnete mein Klavierlehrer meinen Eltern, dass ich das absolute Gehör besitze. Wir lebten damals in einem Vorort von Paris. Der Lehrer erklärte meinen Eltern, dass es für begabte Kinder wie mich die Möglichkeit gäbe, aufs Conservatoire National Supérieur de Musique zu kommen. Die Altersgrenze dafür lag bei 13 Jahren. Meine Eltern hatten schlaflose Nächte. Sie mussten sich schnell entscheiden. Sie haben mich gefragt: Was meinst du? Willst du wirklich von all deinen Freunden weg? Willst du dir diesen harten Eignungstest antun? Ich sagte: »Ja. Ja, ich will.« Mein Gott, das Conservatoire! Ich muss dahin, habe ich gedacht. Ich muss. Ich wurde aufgenommen und habe parallel zu der musikalischen Ausbildung mein Fernabitur gemacht. Als Musikstudentin lernte ich die Komponisten Pierre Boulez und Olivier Messiaen kennen. Beide Male hatte ich weiche Knie.
Woher ich meine Musikalität habe, weiß ich nicht. Vielleicht von meiner Mutter. Sie hat einmal zu mir gesagt, das Klavier habe den Krieg überlebt, weil es die Nazis nicht hatten auf den Rücken nehmen können. Mein Großvater und ein Onkel von mir sind in Auschwitz umgekommen. Meine Mutter war nicht begeistert, als ich vor mehr als acht Jahren nach Deutschland ging. Sie hatte Angst. Trotzdem kam sie mich sofort besuchen, und es hat ihr gefallen. Nur Menschen mit hohen schwarzen Stiefeln und langen Mänteln machten ihr ein mulmiges Gefühl.
Zunächst studierte ich also in Paris. Vielleicht könnte man das Fach »Musiktheorie« nennen oder »Hörausbildung«, etwas, was es in Deutschland so nicht gibt. Man lernt, Orchesterpartituren zu lesen, kennt alle sieben Schlüssel, und am Ende kann man transponieren, in Noten übersetzen, was man hört, und hören, was man auf dem Notenblatt liest. Ich brauche keine CDs, ich kann so gut wie alles vom Blatt spielen. Ich saß hier in München einmal im Publikum der Städtischen Musikschule, als mich ein Lehrer ansprach und mich bat, für eine Klavierspielerin, die begleiten sollte, einzuspringen. Kein Problem für mich! Ich helfe bei musikalischen Notständen. Das verdanke ich meiner Ausbildung.
Nach dem Studium arbeitete ich als Lehrerin an Musikschulen. Konzertpianistin wollte ich nicht werden. Ich hatte fest vor, eine Familie zu gründen, da würde kaum Zeit bleiben, sechs bis sieben Stunden täglich Klavier zu üben. Auf der Hochzeit eines Cousins lernte ich Avy, meinen Mann, kennen, einen Deutsch‐Israeli, der damals noch in Haifa studierte. Wir heirateten, bekamen zwei Kinder, Dan und Clara, und mein Mann fand als Informatiker eine Stelle bei einer Firma, die ihn nach München schickte. Am Anfang war es hart für mich. Avy reiste beruflich in ganz Deutschland herum, und ich saß in München, konnte mit der fremden Sprache noch nichts anfangen, hatte zwei kleine Kinder, das dritte war unterwegs. Manchmal stapelten sich zu Hause die Briefe und Formulare, die ich nicht verstand. Ich geriet in Panik. Zum Glück gab es da die Schwiegermama in Frankfurt. Sie ist bei der WIZO engagiert und kennt eine Menge Leute. Sie hat für mich herumtelefoniert, Kontakte hergestellt, sodass ich mich nicht mehr so allein fühlte. Heute arbeitet Avy in München, und die drei Kinder sind schon recht groß. Der Jüngste, Uri, wird bald acht. Aus meinem eigenen Alter mache ich gern ein Geheimnis. Mit der deutschen Sprache geht es jetzt natürlich schon viel besser. Aber es gibt die Momente, in denen die Kinder untereinander oder mit Avy Deutsch reden und mit mir dann Französisch. Oh mein Gott, denke ich dann, ich bin eine Immigrantin, ich bin eine Immigrantin wie meine Großmutter.
Alle drei Kinder spielen ein Instrument: Geige, Flöte und Cello, und natürlich begleite ich sie am Klavier. Wegen der Musik sind wir viel unterwegs. Am Donnerstagvormittag klettere ich mit Uris Cello in den vierten Stock der Sinai‐Grundschule und stelle das Instrument ins Lehrerzimmer. Dort steht es dann, bis Uri nach Unterrichtsschluss ein paar Zimmer und Stockwerke weiter zu einer Klesmer‐Band geht. Eine andere Mutter bringt ihn später nach Hause, weil ich unterwegs bin, um Dan vom Sport abzuholen.
Einmal in der Woche gehe ich in einen Yogakurs. Lange habe ich dort nicht gesagt, dass ich jüdisch bin, bis es mir zu kompliziert wurde und ich langsam damit herausrückte. Eine Frau war richtig erschrocken. Wahrscheinlich hatte sie noch nie eine Jüdin gesehen. Viele denken nur an schwarz gekleidete Rabbiner, wenn sie vom Judentum hören. Auch meiner netten Babysitterin habe ich irgendwann gesagt, dass ich Jüdin bin. Auch sie war etwas irritiert. Ich sagte zu ihr, schau her, ich habe keine lange Nase, und was deine Großeltern getan haben, hat nichts mit dir zu tun.
Seit etwa zwei Jahren fühle ich mich in Deutschland, in Bayern, in München zu Hause. Es ist sehr komisch. Alles Jiddische, was ich bei meiner Großmutter gehört habe, ist mit der deutschen Sprache, die mich jeden Tag umgibt, wieder lebendig geworden. Challot gibt es hier als Hefezopf in fast jeder Bäckerei, und große Gurken findet man an jeder Ecke. In Paris bekam man beides nur im jüdischen Viertel. Und die Direktheit, mit der die Münchner auf kleine Kinder zugehen, kenne ich auch nur von dort. Ich spüre plötzlich, wo ich herkomme, ich spüre meine deutschen Vorfahren.
Ich fühle mich sicher in Deutschland, sicherer als in Frankreich. Sogar meine Mutter hat mir am Telefon gesagt, dass ich in München gut aufgehoben sei. Meine Mutter, die nicht wollte, dass ich nach Deutschland gehe! München tut alles, was es kann, um die Sache von damals zu reparieren. Das Gefühl habe ich. Nur Croissants und Camembert sind hier eine Katastrophe. Die vermisse ich. Und meine Familie.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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