ilan mor

»Ich habe vieles schätzen gelernt«

Herr Mor, Sie kehren nach fünf Jahren als Gesandter der israelischen Botschaft in Ihre Heimat zurück. Was werden Sie vermissen?
Die Kultur, die Menschen und die Arbeit hier. Vor allem die persönlichen Begegnungen mit Freunden Israels – und mit all denjenigen, die mit der israelischen Politik nicht so recht einverstanden sind. Ich werde auch die deutsche Politik vermissen. Sie ist nicht so kompliziert wie die in Israel, aber dennoch sehr spannend. Und ich werde ganz generell das Leben in Deutschland vermissen, das gemütliche Leben. Doch Israel ist nun mal mein Zuhause. Und das meiner Familie.

Das klingt ein wenig wehmütig.
So ist halt das Leben eines Diplomaten. Irgendwann ist es an der Zeit, wieder in das »normale« Leben zurückzukehren. Das fällt allerdings nicht immer leicht.

Ihre Bindung an Deutschland im Allgemeinen und Berlin im Besonderen ist sehr eng. Zum Beispiel sind Sie beim Saisonabschluss 2008/2009 von Fußballbundesligist Hertha BSC vor mehr als 74.000 Zuschauern verabschiedet worden. Was war das für ein Gefühl?
Das war großartig! Quasi alle Fans haben von mir Abschied genommen. So etwas ist selbst einem Diplomaten selten vergönnt. Ich war aber auch ein treuer Fan. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mal ein Heimspiel versäumt hätte. Ich bin sogar zu einigen Auswärtsspielen gefahren – als Fan. Und weil es Teil meiner Aufgabe ist, Land und Leute kennenzulernen.

Was halten Sie von Berlin als Metropole?
Ich habe nicht geahnt, wie vielfältig und energiegeladen die Stadt ist. Meine Familie und ich haben dann aber sehr schnell gemerkt, wie sehr Berlin zu uns passt. Ich kenne mich inzwischen gut in der Stadt aus. Das gilt auch für die jüdische Vergangenheit vor der Schoa. Und ich habe hier vieles schätzen gelernt, von der Philharmonie bis zum Olympiastadion. Aber auch die Besuche in Sachsenhausen und Hohenschönhausen haben mich tief beeindruckt.

Sie waren fünf Jahre lang in Deutschland tätig. Gab es auch Dinge, die Ihnen nicht gefallen haben?
Die gab es. Zum Beispiel, dass während des Gasakriegs vor allem viele Nicht‐Deutsche, die in dieser Stadt leben, mit antisemitischen und antizionistischen Parolen auf die Straße gegangen sind. Das ist Teil der Realität dieser und anderer Städte in Deutschland. Dagegen müssen wir energisch vorgehen, das gehört zu unserer Arbeit.

Kein einfacher Job.
Jedenfalls nicht immer. Kürzlich war ich zum Beispiel in Passau. Dort habe ich vor 250 Studenten gesprochen. Ein junger Mann vom Balkan wollte von mir wissen, wie aus dem »Land der Opfer das Land der Täter« werden konnte. Das war wie eine Ohrfeige für mich. Das ist purer Antisemitismus, und diese Gedanken sind leider nicht nur Randerscheinungen. Aber es waren eben auch 249 Studenten versammelt, die offenbar großes Interesse an Israel hatten.
Hat sich die Stimmung in Deutschland gegenüber Israel in den vergangenen fünf Jahren gewandelt?
Wir haben in dieser Zeit zwei Kriege erlebt: Mitte 2006 im Libanon und Anfang 2009 im Gasastreifen. Es ist nicht zu leugnen, dass das Verhältnis zu Israel zeitweise ein kritisches war. Wenn ich allerdings den Menschen erkläre, dass meine Landsleute sich nach Frieden sehnen und deshalb bereit sind, auch schmerzhafte Zugeständnisse zu machen, dann gibt es viel Zustimmung.

Auch auf parteipolitischer Ebene mangelt es nicht an Kritik gegenüber Israel.
Sicherlich. Der Kampf gegen die Hisbollah 2006 wurde zum Beispiel von einem führenden Politiker der Linkspartei als »Vernichtungskrieg« bezeichnet. Dem müssen wir zwingend etwas entgegenhalten. Doch grundsätzlich wird Israel von der großen Koalition und den Oppositionsparteien im Bundestag unterstützt. Das Existenzrecht des jüdischen Staates steht außer Zweifel –parteiübergreifend.

Prominente Mitglieder der Linkspartei haben während des Kriegs in Gasa an Veranstaltungen teilgenommen, bei denen zur Vernichtung Israels aufgerufen wurde.
Es gibt auch Stimmen in der Linken, die eine solche Haltung eindeutig kritisieren.

Was zählen Sie mit Blick auf das deutsch‐israelische Verhältnis zu Ihren Erfolgen?
Beide Staaten haben zum Beispiel im Juni 2009 ein Abkommen unterzeichnet, bei der Entwicklungshilfe zu kooperieren. Deutschland und Israel engagieren sich jetzt gemeinsam in Äthiopien. Es geht darum, Wasser effizient zu nutzen. Für dieses Projekt stehen insgesamt 1,5 Millionen Euro zur Verfügung.

Und wenn es unmittelbar um die israelisch‐deutschen Beziehungen geht?
Zunächst einmal müssen die erfolgreichen Regierungs‐Konsultationen erwähnt werden, die zum ersten Mal in der Geschichte der gemeinsamen Beziehungen stattgefunden haben – in Jerusalem. Wichtige Impulse für die positive Entwicklung der Beziehung kann auch die Wiederbelebung der gemeinsamen Schulbuchkommission geben, die nach kurzem Wirken in den 80er‐Jahren ihre Arbeit eingestellt hatte. Im November 2008 hat der Bundestag in einem Beschluss unter anderem dafür geworben, dass die Lehrpläne in Schulen um Themen zum heutigen, modernen Israel erweitert werden. Inzwischen ist vorgesehen, dass die Kommission 2010 ihre Arbeit wieder aufnehmen soll. Ich halte das für einen Meilenstein in der Entwicklung des Verhältnisses zwischen beiden Ländern.

In Israel regiert jetzt Benjamin Netanjahu, der im Nahostkonflikt als Hardliner gilt und das Wort »Zwei‐Staaten‐Lösung« ungern in den Mund nimmt. Ist es schwierig, als Diplomat eine solche Haltung zu vertreten?
Nein, die Äußerungen von Benjamin Netanjahu sind keine Kehrtwende in der israelischen Regierungspolitik. Fest steht doch: Wir wollen Frieden! Mit Ägypten und Jordanien ist uns das ja auch gelungen. Und wir wissen, dass die Besatzung ein Ende haben muss. Das ist nicht nur für die Palästinenser wichtig, sondern auch für Israel. Beide Völker müssen voneinander getrennt werden, nicht durch eine militärische, sondern durch eine politische Lösung – so hat es auch der Ministerpräsident gesagt.

Sind Sie zuversichtlich, dass das in absehbarer Zeit klappen könnte?
Als Israeli bin ich Realist.
Das heißt?
Dass wir Geduld brauchen. Es wird nicht in einem Jahr passieren, was bestimmt nicht nur an uns liegt. Um eine Lösung zu finden, braucht man einen verlässlichen Partner. Doch die Palästinenser sind gespalten. Abu Masen ist für Israel zwar im Prinzip ein optimaler Verhandlungspartner, aber er ist leider nicht in der Lage, Vereinbarungen auch tatsächlich umzusetzen. Für die Lösung des Nahostkonflikts ist ohnehin eines von zentraler Bedeutung: Die arabische Welt muss bereit sein, Israel als Gegebenheit im Nahen Osten zu akzeptieren. Das ist jedoch noch nicht der Fall. Das heißt, es geht nicht vordringlich und ausschließlich um die Siedlungspolitik, den Grenzverlauf oder den Status von Jerusalem – Punkte, die alle wichtig sind –, sondern grundsätzlich um das Existenzrecht Israels. Erst wenn die Araber das anerkennen, wird die israelische Gesellschaft bereit sein, schmerzhafte Zugeständnisse der Politik mitzutragen. Und darauf kommt es an.

Kann US‐Präsident Obama dabei helfen, die Entwicklung voranzubringen?
Dass er in Kairo seine Hand zur Versöhnung mit der muslimischen Welt ausgestreckt hat, kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Und gerade dort hat Obama auch ganz klar auf etwas anderes hingewiesen: dass die Verbundenheit der USA mit Israel unverbrüchlich ist und dass die Schoa nicht geleugnet werden darf. Diese Botschaften sind für mich als Israeli genauso wichtig wie Obamas neue Akzente in Sachen Siedlungspolitik. Ich hoffe, wir werden alle vom Versuch der Amerikaner profitieren, sich mit der islamischen Welt zu versöhnen.

Teheran hat das Angebot brüsk abgelehnt und die Opposition brutal unterdrückt. Was bedeutet das für Israel?
Ich bewundere den Mut der Oppositionellen, sich gegen die Despoten zu erheben. Aber bei aller Wertschätzung muss man im Blick behalten, dass das Atomprogramm weiterläuft. Die damit befassten Wissenschaftler sind nicht auf die Straße gegangen, um zu protestieren. Daher bleibt für uns alle die Gefahr unverändert groß. Ich glaube, dass das Mullah‐Régime fest im Sattel sitzt und dass die Kurz‐ wie Mittelstre‐ckenraketen einsatzbereit sind. Ganz abgesehen von den terroristischen Aktivitäten der Hamas und der Hisbollah, die der Iran unterstützt. Die Islamische Republik bleibt weiterhin unberechenbar.

Was folgt daraus?
Eines Tages muss die Welt in der Lage sein, die schwerwiegende Entscheidung zu treffen: Wie können wir das Atomprogramm noch verhindern? Es ist an der Zeit, endlich über wirklich harte Sanktionen zu sprechen.

Bisher hat sich der Iran von Sanktionen nicht beeindrucken lassen. Kann Teheran im Streben nach Atomwaffen überhaupt noch aufgehalten werden?
Die Welt lässt leider bis jetzt die notwendige Ge‐ und Entschlossenheit vermissen. Wir brauchen eine breite Front, um den Iran zu stoppen. Die Uhr tickt.

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