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»Ich habe gelernt, auch mal still dazusitzen«

von Holger Biermann

Es duftet nach Essen, als Ella Adamova die Tür ihrer Wohnung in Berlin-Schöneberg öffnet. Die 57jährige Frau aus Moskau hat sich vorbereitet auf Besuch. In der Küche steht dampfender Tee auf einem Stövchen, in einer Pfanne auf dem Herd schwimmen Reibekuchen in heißem Öl. »Die sind ganz frisch«, sagt Adamova, »Sie haben doch bestimmt Hunger.« Dann hebt sie einen der goldbraunen Puffer auf einen Teller und schiebt ihn auf den Tisch.
Reibekuchen sind die Spezialität der 57jährigen. In den Teig kommen bei ihr viele Karotten, und gebraten werden die Plätzchen ganz dünn. Beim Servieren liegen sie einzeln auf dem Porzellan-Teller wie kleine eßbare Kunstwerke. Leicht gewürzt und zart im Biß schmecken sie süßlich. Dazu reicht Adamova Sirup und getrocknete Pflaumen. Erst als sie ihre Koch- kunst auf diese Art unter Beweis gestellt hat, mag auch sie sich setzen, kommt zur Ruhe und beginnt zu erzählen.
Ella Adamova ist Künstlerin. Seit ihrer Kindheit entwirft und fertigt sie Puppen, arbeitet mit Keramik, Leinwänden, Farbe und Ton. Gerade beschäftigt sie sich mit Jugendstil-Vasen. In ihrem Wohnzimmer lächelt Kunst in den Regalen, auf den Kommoden und an den Wänden. Es gibt glasierte Turm-Plastiken zu sehen, Teller mit Seepferd-Motiven oder bemalte Fabelwesen mit Katzenkörper und Vogelkopf. Adamova kann zu jedem Gegenstand eine kleine Geschichte erzählen: Entstehungszeit, angewandte Technik, persönlicher Stellenwert. Nur der Geist, aus dem all dies entstand, war stets der gleiche. »Ich wollte immer Freude bereiten und sein wie Santa Claus, wie der Weihnachtsmann«, sagt die Künstlerin. »Wer einen Gegenstand von mir sieht, dem soll es warm werden ums Herz – oder lustig.«
Dabei begann ihr eigenes Leben in eisiger Kälte. Am 31. Mai 1950 wird Ella im sibirischen Chabarowsk geboren. Der Vater ist Architekt und Offizier bei der Roten Armee. Er ist vor Ort mit dem Aufbau eines Stützpunkts beschäftigt. Drei Jahre später zieht die Familie nach Moskau, doch der Spielraum für Ella bleibt begrenzt. »Wir lebten in einer Wohngemeinschaft – Vater, Mutter, Oma und ich in einem Zimmer«, erinnert sie sich. Neben der räumlichen Enge bedrückt das Kind bald die Dominanz der Mutter. Die ist Ärztin, schreibt nachts Romane, singt, tanzt und feiert gern. »Es war nur Zufall, daß sie nicht eine bekannte Schauspielerin geworden ist«, sagt Ella bewundernd. Doch sie leidet auch. In dem gemeinsamen Zimmer schluckt Mama alle Aufmerksamkeit wie ein mächtiger Baum das Licht. Die »kleine Pflanze« Ella dagegen sitzt im Schatten.
Es ist die Kunst, mit der das Einzelkind versucht, eigene Anerkennung zu bekommen. Inspiriert von den Eltern und deren Umfeld – der Vater zeichnet, oft sind Musiker, Autoren, Graphiker zu Besuch – modelliert und gestaltet Ella im Alter von elf Jahren ihre erste Puppe. Danach steht für sie fest: Ich werde Bildhauerin. »Dieses klare Ziel eines so unreifen Menschen hat viele herausgefordert«, sagt Adamova. Um so größer ist die Enttäuschung, als ihr Wunsch nicht in Erfüllung gehen will.
Dreimal bewirbt sich Ella an der Moskauer Kunsthochschule, dreimal wird sie abgelehnt. »Ich war 20 Jahre alt und dachte, es gibt keinen Ausweg mehr.« Tagelang liegt sie zu Hause im Bett. Sie ist depressiv, will nicht aufstehen, nichts essen, niemanden sehen. »Es war die große Enttäuschung meines Lebens.« Es dauert Wochen, bis man sie wieder lachen hört. Auch später sucht Ella Adamova noch nach Gründen für das Nein und mag als Antwort nur die Religion und den Eintrag »Jüdisch« in ihrem Paß gelten lassen. Einer Herkunft, der sie zuvor kaum Beachtung schenkte.
Während Ella Adamova sich so erinnert, sinkt sie auf dem Küchenstuhl ein wenig in sich zusammen. Es erscheint einen Augenblick lang, als entweiche aus ihr wie aus einem Ballon die Luft. Kraftlos, den Kopf in die Handfläche gelegt, stützt sie sich mit dem Ellenbogen auf die Tischplatte. Die braunen Augen hinter der großen randlosen Brille wirken benetzt, und man erkennt eine gewisse Verletztheit, als sie sagt: »Für mich war damals alles verloren. Und wenn alles verloren ist, kann man heiraten.« Zum Mann nimmt sie einen Leidensgenossen, einen jüdischen Maler. Nach einem Jahr trennen sich die beiden wieder. Sie sagt: »Er war so ein Macho, und ich hatte irgendwann keine Lust mehr, ihn zu bedienen. Das war langweilig.«
Sie beginnt, neue Wege zu gehen und findet einen Platz an der Theaterakademie. Vier Jahre später beendet Ella ihr Studium als Diplom-Bühnenbildnerin für Puppentheater. Endlich kann sie künstlerisch arbeiten, gestaltet Puppen in verschiedensten Formen und Kostümen und wird anerkannt. Sie reist für Monate durch die Provinz und findet dann wechselnd Anstellungen in Moskau. 1977 heiratet sie erneut. Diesmal einen Russen – einen Studenten des Studiengangs Film und Fernsehen. Zwei Jahre später kommt Sohn Artjom zur Welt. »Ich mochte den Namen. Er klingt kräftig, energisch und ist kurz.«
Genauso knackig verläuft auch die zweite Ehe. Ein tiefes Gefühl von Harmonie und Zusammengehörigkeit will sich nicht einstellen. Nur wenige Monate nach der Geburt steht Ella wieder allein da. »Es lag sicher auch an mir, an meinem Wesen«, räumt sie ein. »Ich bin ein explosiver Mensch, sehr selbständig, sehr freiheitsliebend.« Doch was sie in der Kunst oft beflügelt, scheint sie in Beziehungen zu bremsen.
Statt des Mannes helfen ihr bald die Eltern, den Alltag als Mutter zu meistern. Artjom bleibt wie Ella ein Einzelkind. Heute sieht Adamova darin einen Fehler. Sie hätte gern eine größere Familie, denn es ist der inzwischen 26jährige Sohn, der Ella viel Kraft gibt. Er lebt heute in der Nähe, in einer kleinen Wohnung gleich um die Ecke. Es war die Sorge um ihn, die sie nach Deutschland trieb. Das war im Februar 1991, zur Zeit der Perestrojka in Rußland.
Ella Adamova vergleicht diese gesellschaftlichen Umbruch-Tage in Moskau gern mit der Renovierung einer Wohnung. »Es war, als würde man Bad, Küche, Wohn- und Schlafzimmer gleichzeitig umbauen. Doch wo wohnt man dann? – Im Flur, im furchtbaren Chaos«, sagt Adamova. Sie wollte weg und erkannte die Möglichkeit, als Jüdin auf persönliche Einladung nach Berlin zu gehen. Also fing sie an zu organisieren, packte zwei Koffer und bestieg mit Mutter und Sohn – ihr Vater war im Jahr zuvor gestorben – voller Hoffnung den Zug Richtung Westen.
Seitdem ist Ella Adamova eine von rund 5.000 freischaffenden Kreativen in Berlin – einer Stadt, in der es zwar 350 Galerien und rund 2.000 Vernissagen pro Jahr gibt, aber keinen funktionierenden Kunsthandel. Nur etwa fünf Prozent der professionell arbeitenden Künstlerinnen und Künstler, so schätzt es die Senatsverwaltung, können von ihrer Arbeit leben. Adamova gehört nicht dazu. Seit Jahren rechnet sie von Monat zu Monat. Statt in Museen oder Privatsammlungen stehen viele der Werke, die sie später nach und nach aus Moskau geholt hat, unverkauft zu Hause in Schöneberg.
Ella Adamova hat es akzeptiert. Sie weiß, daß sie als Künstlerin dem Markt nicht hinterherlaufen kann. »Ein künstlerisches Leben«, sagt sie, »ist ein langer Weg mit vielen Kurven, Brüchen und so mancher Überraschung. Wichtig ist, daß man stets weitergeht.« In Berlin ist sie heute Leiterin der Keramikwerkstatt beim Anti-Drogen-Verein Charlottenburg. Sie unterrichtet Kunst und organisiert eigene Ausstellungen, manchmal in der Jüdischen Galerie in der Oranienburger Straße.
Ella Adamova sagt, sie sei ruhiger geworden in den vergangenen Jahren. Sie hat gelernt, »auch einfach mal still dazusitzen« und nichts zu machen. Sie hat gelernt, Zwischenräume zu akzeptieren. Ihre künstlerische Entwicklung habe das bereichert. Und dann steht sie doch gleich wieder aufrecht in ihrer Küche, um frischen Tee zu servieren. »Sie möchten doch bestimmt noch einen ...«, sagt sie und schenkt schon nach.

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