Louis Lewitan

»Ich erkenne die Muster«

Es war richtig warm in München in den vergangenen Tagen, das war sehr schön. Ich nutze dieses Wetter immer, um mit meinen Klienten mittagessen zu gehen. Wir sitzen dann meist im Freien in einem der vielen kleinen Restaurants oder Bistros rund um mein Büro am Sendlinger Tor. Ich arbeite als Psychologe und Unternehmenscoach und profitiere nicht nur kulinarisch, sondern auch beruflich davon, mit meinen Klienten essen zu gehen. Denn auf diese Weise lernt man einen Menschen am besten kennen, man muss ihn nur genau dabei beobachten.
Am Montag beispielsweise habe ich mit einer Frau zusammen gegessen, die sich viel Zeit genommen hat, schon bei der Auswahl der Speisen. Sie hat mit Genuss probiert, sich mutig auf ein neues Gericht eingelassen, das sie bis dahin noch gar nicht kannte. Zwei Tage später war ich mit einem Mann zum Mittag verabredet, der hat zunächst lustlos in seiner Portion herumgestochert und dann plötzlich alles hastig in sich hineingeschaufelt. Man hat richtig gespürt, dass er ein Problem hat und Hilfe braucht. Als ausgebildeter klinischer Psychologe beschäftige ich mich seit mehr als 25 Jahren mit dem Thema Stress, ich erkenne die Muster. Und auch wenn es immer Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen gibt, die Störungen laufen oft nach sehr ähnlichem Schema ab.
Da sitzen dann Männer im fortgeschrittenen Alter vor mir, die ein Leben lang alle ihre Bedürfnisse denen des Betriebs untergeordnet haben, verbunden mit Arbeitstagen von 14, 16 oder noch mehr Stunden. Bei diesen Klienten ist die Work‐Life‐Balance völlig aus dem Lot. Gestern hatte ich wieder so einen Fall: Eine scheinbar gestandene Person, die in Weinkrämpfe ausbrach und völlig verzweifelte. Ich habe dem Herrn erklärt, dass er sich nicht über den Stress ärgern, sondern ihn akzeptieren soll. Stress ist auch Energie. Ich bin überzeugt, dass es keine Arbeit ohne Stress gibt, es geht nur darum, ihn positiv zu lenken. Man muss lernen, die eigenen Grenzen zu erkennen, statt sich darüber hinwegzusetzen. Und wichtig ist vor allem, Glaubenssätze der Art wie »Ich muss immer der Beste sein« zu überdenken, denn das ist Raubbau an der Gesundheit. Besser ist es, sich selbst und anderen einzugestehen, dass man nicht alles schaffen kann.
Meine Freunde und Kollegen meinen, dass ich den gemeinsamen Mittagsmahlzeiten so große Bedeutung für meine Arbeit beimesse, habe auch damit zu tun, dass ich in Frankreich geboren bin, in Lyon. Ich lebe zwar schon seit meinem 13. Lebensjahr in München, aber gewisse Verhaltensmuster behält man wohl bei, beispielsweise das Bedürfnis nach einer kultivierten Mahlzeit. Da muss schon sehr, sehr viel Stress und Chaos zusammenkommen, dass sich ein von französischer Kultur geprägter Mensch mittags nur einen hastigen Happen zwischendurch gönnt.
Meine Eltern haben dieses Prinzip der Auszeiten, der Ruhe, der inneren Einkehr immer gewahrt, verbunden mit festen, ständigen Augenblicken der Besinnung, und auch mir ist das sehr wichtig. Heute Morgen habe ich ausführlich mit meiner Familie ge‐ frühstückt und anschließend meine jüngere Tochter zur Schule gefahren. Und ich versuche, meine Termine so zu legen, dass ich pro Woche mindestens einmal mit meiner Frau zum Abendessen ausgehen kann.
Ich weiß, dass dies nicht allen Menschen gelingt, das ist ja mein Beruf. Ich habe den Vorteil, dass ich meine spätere Arbeitstätigkeit sozusagen schon als Kind kennengelernt habe. Ich stamme selbst aus einer Unternehmerfamilie und wurde bereits im Haute‐Couture‐Geschäft und später im Gastronomiebetrieb meiner Eltern mit schwierigen Kunden konfrontiert. Wandel und Neuerungen haben mich seit meiner Kindheit geprägt, vielleicht sind sie mir deshalb so vertraut, und ich kann das Wissen, wie man damit umgeht, weitergeben.
Mir kommt diese Erfahrung besonders bei der Nachfolgeproblematik in mittelständischen Betrieben zugute, auf die ich mich unter anderem spezialisiert habe. Am Montagnachmittag hatte ich wieder solch einen Fall, ziemlich heikel das Ganze. Ich muss mich mit starken Persönlichkeiten auseinandersetzen, mit Machtfragen und massiven finanziellen Interessen. Der besagte Kunde beispielsweise ist knapp 70 Jahre alt und hat seine Firma ganz allein aufgebaut. Der Sohn aus seiner ersten Ehe möchte das Unternehmen nicht weiterführen, die beiden Töchter aus der zweiten Ehe sind noch zu jung. Und gegen einen externen Manager hat der sehr konservative Kunde größte Vorbehalte. Mein Ziel ist es nun, dem Mann einen Weg aufzuzeigen, wie das Unternehmen erhalten werden kann und alle zufriedengestellt werden. Man muss intensiv mit allen Beteiligten sprechen, um das Gewirr aus verhärteten Fronten, verkrusteten Wunden und verletzten Persönlichkeiten zu lösen.
Gestern dagegen war ich mit der Vorbereitung für ein dreitägiges Seminar beschäftigt, das sich speziell an weibliche Führungskräfte im Mittel‐ und Topmanagement wendet. Ich finde, Frauen haben vielfache Belastungen und Rollenkonflikte gleichzeitig auszuhalten. In Führungspositionen stellen sie immer noch eine Minderheit dar, sollen sich aber in dieser Männerdomäne behaupten, ja sogar besser sein als die männlichen Kollegen. Und wenn sie noch eine Familie haben, dann wird von ihnen verlangt, dass sie diese Belastung meistern, ohne dass die Kinder zu kurz kommen und sie als Rabenmütter gelten.
Dann hatte ich am Dienstagmorgen einen interessanten Fall. Mich hat eine Frau konsultiert, die leitende Angestellte in einer Bank ist. Sie genießt das Vertrauen des obersten Chefs, aber sie hat große Probleme mit dem ihr unmittelbar vorgesetzten Vorstandsmitglied, das sich wiederum auch von ihr übergangen und abgedrängt fühlt. Die beiden finden einfach keinen Weg mehr zueinander.
Das ist ein klassischer Fall von zwei unterschiedlichen Konfliktkulturen. Die einen reden über nichts, die anderen zerreden alles. Oder sie reden vermeintlich von der gleichen Sache, aber auf völlig unterschiedliche Weise. Ich verdeutlichte das den Leuten dann gern mal durch mein Beispiel des verdeckten Zeichnens von einem Baum beziehungsweise einem Stuhl. Die Kundin bekommt ein Blatt Papier, ich ebenso, und dann beginnen wir beide zu zeichnen, natürlich ohne dass wir das Werk des anderen beim Entstehen sehen können. Wenn wir anschließend die Stühle oder Bäume vergleichen, sieht der Kunde, dass mein Modell völlig verschieden von seinem ist, etwa eine Tanne statt eines Laubbaums, viele Blätter oder nur wenige, oder ein bequemer, breiter Armsessel im Gegensatz zu einem zierlichen Caféhausstuhl. Die Kundin musste daraufhin schmunzeln, und das erleichtert das weitere Vorgehen sehr. Humor ist für meinen Beruf sehr wichtig, mindestens ebenso wichtig, wie ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Ich mache diese Arbeit jetzt seit über 20 Jahren, völlig ergebnislos war es noch nie. Neben meiner Anstellung in unserer Rechtsanwaltskanzlei arbeite ich seit Kurzem als Ombudsmann beim Europäischen Patentamt, das seinen Sitz in München hat.
In dieser Woche habe ich besonders viel zu tun, unterschiedlichste Aufgabenstellungen, und es gibt eine Menge vorzubereiten und abzuschließen, weil ich ab nächste Woche Urlaub habe. Ich freue mich darauf, nicht nur wegen der Erholung, sondern weil ich sehr gern verreise, mich in anderen Ländern aufhalte. Oft dient mir das auch als Inspiration für meinen Beruf. Bei Aufenthalten in Israel beispielsweise fasziniert mich immer wieder aufs Neue die unterschiedliche Herangehensweise an Problemstellungen im Vergleich zu den Deutschen. In israelischen Firmen herrscht ein viel größeres Maß an Flexibilität. Vielleicht hat das damit zu tun, dass sich das Land beinahe unablässig im Kriegszustand befindet und rasch auf wechselnde Herausforderungen reagieren muss. Die Fantasie ist ausgeprägter, die Bürokratie geringer. Deutsche dagegen tun sich zunächst etwas schwer, aber dafür ist ihre Planung gründlicher und durchdachter und bei der Durchführung sind sie auf alle Eventualitäten vorbereitet.

Aufgezeichnet von André Paul

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