Julia Grossmann

„Ich bin Mädchen für alles“

Eigentlich arbeite ich immer. Einen Tag, an dem ich gar nicht arbeite, gibt es nicht. Im Urlaub kann ich manchmal abschalten, wenn ich nicht zu Hause bin und kein Anruf kommt, auf den ich sofort reagieren muss. Zum Glück brauche ich nur wenig Schlaf. Sechs Stunden reichen mir. Aber wenn mich Dinge belasten, werde ich wach, und in Gedanken suche ich nach Lösungen für das jeweilige Problem.
Mein Sohn Daniel ist der Dirigent des Orchesters Jakobsplatz. Es wurde vor drei Jahren von Mitgliedern der IKG München ins Leben gerufen. Man kann sagen, das Orchester hat seine Heimat in der jüdischen Gemeinde, aber es ist nicht das Orchester der Gemeinde. Es ist ein Orchester, in dem jüdische und nichtjüdische Musiker zusammen spielen. Ich hatte früher mal eine kleine Konzertagentur für junge Künstler und verfüge über Know‐how in diesem Bereich. Nach Gründung des Orchesters überlegte ich, wie man gleich zu Anfang ein Programm macht, das Aufsehen erregt. Mein Sohn hatte dann die Idee, eine Oper von Philip Glass aufzuführen: „The Fall of the House of Usher“. Dazu brauchten wir auf jeden Fall einen Kooperationspartner. Ich wandte mich an das künstlerische Betriebsbüro des Bayerischen Staatsschauspiels, und sie wollten tatsächlich mitmachen. Das Projekt wurde ein solcher Erfolg, dass spätestens zu diesem Zeitpunkt klar war: Wir müssen richtig loslegen, und wir brauchen Management. Seitdem kümmere ich mich um die Organisation des Orchesters. Ein Vollzeitjob. Ich weiß gar nicht, ob das positiv oder negativ ist, aber wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig. Wir haben einen Freundeskreis gegründet. Ich habe Menschen verschiedenen Alters angesprochen, und alle, die ich fragte, haben zugesagt, so dass wir seit 2006 mit großer Unterstützung der Gemeinde Konzerte veranstalten können.
Alle Organisatoren üben ihre Tätigkeit ehrenamtlich aus, ich glaube, ich arbeite mehr als ich je für Geld tun würde. Wir sind ein kleines Team, drei Vorstandsmitglieder vom Freundeskreis und ich Organisationsmanagerin. Mein Ziel? Dass das Orchester Jakobsplatz in musikinteressierten Kreisen den Ruf bekommt, immer wieder für eine Überraschung gut zu sein – natürlich auf hohem Niveau.
Vor 35 Jahren bin ich von Budapest nach München gekommen. Ich war 23, voller Enthusiasmus und Idealismus, hatte Jura studiert und promoviert. Mein jetziger Mann und ich wollten damals heiraten, aber nicht in Ungarn leben. Er musste beruflich zu einer Fortbildung nach München und blieb hier. Ich kam ein Jahr später auf Umwegen nach. Eigentlich wollten wir nach London, aber mein Mann hatte eine Assistentenstelle an der Uni bekommen, und so sind wir in München geblieben. Wir wundern uns noch heute, dass wir diesen Riesenschritt einfach so gemacht haben. Wir haben die Freiheit bekommen, nach der wir uns gesehnt hatten. Anfang der 70er‐Jahre als junger Mensch aus einem kommunistischen Land in den Westen zu kommen, war großartig. Was es heißt, als Jude in Deutschland zu leben, darüber haben wir uns keine Gedanken gemacht. Heute definiere ich mich als Jüdin und als sonst gar nichts. Ich bin keine Ungarin, aber auch keine Deutsche. Ich bin Deutschland sehr dankbar, ich fühle mich der hiesigen Kultur verbunden. In Ungarn haben wir viele deutsche Bücher gelesen, vor allem Goethe. In der Musik waren Mozart und Beethoven die Meistgehörten. So bin ich aufgewachsen.
Mein Büro habe ich bei mir zu Hause im ersten Stock. Ich sitze viel vor meinem Computer, ich schreibe pro Tag ungefähr 30 E‐Mails und führe ebenso viele Telefonate. Gut, dass es die moderne Technik gibt, sonst könnte ich diesen Job nicht allein machen. Ich bin zum Beispiel für den Kontakt mit Musikern zuständig. Da wir ein Projektorchester sind, haben wir einen Musiker‐Pool. Wir müssen immer schauen, wer passt wozu – und wie sieht der Terminkalender desjenigen aus. Anfangs waren es hauptsächlich Musikstudenten, die ohne Gage gespielt haben, aber inzwischen bekommen die Musiker Geld für ihre Auftritte. Es sind Musiker von den Münchner Philharmonikern mit dabei, vom Münchner Rundfunkorchester, vom Gärtnerplatz‐Theater, aus verschiedenen bayerischen Theatern, aus Berlin und aus Budapest, wo ich viele jüdische Musiker kenne. Meine Tage verlaufen nicht sehr strukturiert, denn ich bin ja Mädchen für alles. Zur richtigen Zeit die richtige Person anzurufen, darum geht es. Gerade bei der Suche nach Kooperationspartnern braucht man einen langen Atem und muss sich manchmal sagen, wenn es jetzt nicht klappt, klappt es beim nächsten Mal, wenn man eine bessere Idee hat.
Denn das ist ein weiterer wichtiger Teil meiner Arbeit: die Suche nach Partnern, mit denen wir zusammenarbeiten. Wir wollen den Dialog. Das bezieht sich zum einen auf die Musiker untereinander, weil sie aus vielen verschiedenen Ländern kommen. Aber auch zum Freundeskreis des Orchesters gehören sehr unterschiedliche Menschen. Auch da entsteht ein Dialog. Und dann möchten wir auch, dass das Orchester Jakobsplatz Kooperationspartner hat. Vergangenes Jahr hatten wir eine Kooperation mit der Bayerischen Staatsoper. Das war ein fantastisches Projekt: „Der Kaiser von Atlantis oder die Todverweigerung“ von Victor Ullmann. Er schrieb die Oper im KZ Theresienstadt. An dieser Produktion waren auch die Jüdischen Kulturtage mitbeteiligt. Wir waren also drei Partner. Im Juni wurde das Stück in Ingolstadt im Rahmen der bayerischen Theatertage aufgeführt, was mich besonders freut, denn das war dann umgekehrt eine Produktion der Bayerischen Staatsoper in Zusammenarbeit mit dem Orchester Jakobsplatz. Das ist sehr schön für uns.
Die Aufführungen selbst müssen ebenfalls organisiert werden. Auch damit verbringe ich meine Zeit. Welche Busgesellschaft bestellen wir, wo spielen wir, mit welchen Partnern vor Ort arbeiten wir zusammen? Wir möchten bald auf Tournee gehen, und auch dafür muss ich mit allen möglichen Menschen verhandeln. Egal, wo ich im Urlaub bin, die Broschüren vom Orchester habe ich immer dabei: Ich versuche auch, Kontakte zu Stiftungen im Ausland zu knüpfen.
Bei meiner Tätigkeit kommt mir zugute, dass ich nicht nur Juristin, sondern auch Mediatorin bin. Ich mache mir viele Gedanken, wie man Menschen unter einen Hut bringt, so dass alle etwas davon haben. Im Moment suchen wir Probenräume, darum kümmere ich mich auch. Geld dafür haben wir nicht. Die Stadt München hat uns zu bestimmten Zeiten einen Raum zur Verfügung gestellt. Ich bespreche mit allen Musikern, die in ein Projekt einbezogen sind, ob ihnen der Probenplan passt und muss das dann abgleichen mit den Zeiten, in denen der Raum frei ist. Wir hoffen sehr, dass wir dank der Erfolge, die wir bis jetzt hatten, so weit kommen, dass wir finanziell ein bisschen mehr Spielraum haben werden. Aber wissen können wir das heute noch nicht.
Meine Hobbys kommen derzeit zu kurz, aber Musik ist ohnehin meine Lieblingsbeschäftigung. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Musik immer sehr wichtig war. Ich höre gern Musik, gehe in Konzerte und in die Oper. In meiner Jugend hatte ich überlegt, Geige zu studieren, habe mich dann aber anders entschieden. Ein Hobby, das im Moment wegen der vielen Arbeit ebenfalls auf der Strecke bleibt, ist das Reisen. Und lesen kann ich zur Zeit auch nur im Urlaub. Ich koche und backe sehr gern, vor allem für Gäste. Einladungen im kleinen Kreis mag ich besonders, weil die Gespräche dann intensiver werden. Wahrscheinlich ist meine Arbeit zugleich mein Hobby, sonst würde ich es anders machen. Ich glaube, jeder lebt so, wie er leben möchte, und ich bin mir sicher, ich brauche diesen Stress, sonst würde ich ihn nicht haben.

Aufgezeichnet von Vera von Wolffersdorff

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