Svetlana Chkolnik

»Hier tue ich, was mir am Herzen liegt«

von Vera von Wolffersdorff

In gut zwei Stunden ist Vernissage. Svetlana Chkolnik steigt mit Tüten beladen aus dem Aufzug, geht ein paar Schritte voraus und sperrt schwungvoll die Tür zu ihrer Galerie »Art21« in der Münchner Innenstadt auf. Sie schaltet das Licht an: Auf dem Boden liegen ein paar zusammengeklappte Biertische und -bänke, an den Wänden ringsum hängen zahlreiche Bilder, Zeichnungen und bunte Collagen. Svetlana eilt in den hinteren Raum, verschwindet hinter einem Vorhang und kehrt kurz darauf zurück zu einer kleinen Sitzgruppe an einem Ende des Zimmers. Sie setzt sich auf einen Stuhl und schlägt die Beine übereinander. »Nachher kommen ein paar Leute, um etwas aufzubauen und herzurichten«, kündigt sie an, »aber das soll uns nicht stören.«
Sie lächelt entschuldigend und verschränkt die Hände vor den Knien. Ihre Haare und Augen sind braun, sie sieht zierlich aus und wirkt lebhaft, voller Tatendrang. Keine Spur von Nervosität vor der anstehenden Vernissage. Ihr Lachen klingt hell und wirkt ansteckend, ihr Blick ist wach und selbstbewusst. »Die Bilder, die Sie heute hier sehen, sind alle von nur einer Künstlerin, sonst mache ich häufig Gruppenausstellungen«, erklärt sie und zeigt mit dem Arm auf die Ausstellungsstücke.
41 Jahre ist Svetlana alt, seit zwei Jahren arbeitet sie als Galeristin. Die Liebe zur Kunst wurde ihr quasi in die Wiege gelegt: Ihre Mutter ist Pianistin, Svetlana lernte schon als Kind im russischen Tscheljabinsk, einer Stadt am Ural, Klavier spielen: »In Russland hieß das: Viermal die Woche Unterricht und zwei Stunden pro Tag üben. Daneben machte ich noch dreimal in der Woche Eiskunstlauf. Ich weiß auch nicht, wo man damals all die Zeit hernahm ... Aber das war eben üblich«, erinnert sie sich und lacht. Sie zuckt mit den Schultern. Auch die Liebe zu Kunst und Malerei entwickelte sie sehr früh: »Schon als kleines Mädchen war ich ständig bei Konzerten und Ausstellungen. Und wir hatten sehr viele Bücher über Malerei zu Hause«, skizziert sie ihr Leben als Einzelkind in einem kunstsinnigen Elternhaus.
Später, während ihrer Studentenzeit in Moskau, war Svetlana mit vielen Künstlern befreundet und hatte gute Kontakte zur Kunstszene. Beruflich schlug sie jedoch eine andere Richtung ein: Sie studierte Chemie, machte ihren Abschluss und wollte promovieren. Doch kurz nachdem sie ihre Doktorarbeit angefangen hatte, kam ihre Tochter Mascha zur Welt. Das war 1989. Das Leben um Svetlana herum veränderte sich: Sie blieb mit ihrer kleinen Tochter zu Hause, musste pausieren, und während dieser Zeit wanderte ihr Doktorvater nach Israel aus. »Viele Wissenschaftler gingen damals weg. Ich dachte, was mache ich in diesem Land, in dem nichts funktioniert?«, beschreibt Svetlana ihre Gefühle von damals. Es gab keine Arbeit, und auch privat lief nicht alles glatt: Ihre Ehe war schwierig, Svetlana wollte weg, »irgendwo ganz neu anfangen«.
Viele Freunde und Bekannte waren bereits ausgewandert, die meisten von ihnen in die USA oder nach Israel, doch Svetlana litt an Klaustrophobie, Platzangst. In ein Flugzeug zu steigen, kam für sie absolut nicht in Frage. Dann gab es plötzlich die Möglichkeit, nach Deutschland zu emigrieren – und dorthin konnte man mit dem Zug reisen. »Das war diese Kontingentflüchtlings-Geschichte«, sagt Svetlana. Ihre jüdischen Wurzeln waren ihr immer bewusst gewesen, auch wenn die Familie in Russland ihre Religion nicht praktiziert hatte. Svetlanas Eltern stammen aus Odessa: »Diese Stadt war ja schon immer sehr jüdisch geprägt. Viele meiner Verwandten lebten dort. Da gab’s jüdisches Essen, und manche Verwandte sprachen sogar noch ein paar Brocken Jiddisch«, erzählt sie.
1992, mit 27 Jahren, kam Svetlana mit ihren Eltern und der dreijährigen Tochter im nordrhein-westfälischen Unna an. Ihr Mann blieb in Moskau, er kam nur ab und zu auf Besuch. Anfangs lebten die vier in einem Zimmer – normale Anfangswidrigkeiten, keine große Sache, findet Svetlana: »Ich wusste überhaupt nicht, wie das alles funktioniert mit den Behörden und Formularen, aber das ist nichts Besonderes, das ist ja ganz normal.«
Was denn schwierig gewesen sei? Sie schaut ein paar Sekunden reglos vor sich hin, muss überlegen. »Die Sprache zu lernen«, sagt sie dann. »Das war schwer. Doch wir hatten Glück!«, sagt sie und lacht. Die Familie zog von Unna nach Bochum und fand dort schnell Anschluss an die jüdische Gemeinde. »Es war eine sehr kleine Gemeinde – wie eine Familie. Wir waren unter den ersten Zuwanderern, und wir konnten dort ohne Angst vor Fehlern deutsch sprechen. Meine Mutter hat bei Barmizwas und anderen Festen immer Klavier gespielt.« Heute spricht Svetlana nahezu perfekt Deutsch. Das findet sie selbstverständlich: »Ich lebe seit 15 Jahren in Deutschland – lang genug, um eine Sprache zu lernen.«
Sobald sie konnte, ging sie an die Universität Bochum. Sie wollte ihre Doktorarbeit in Chemie fertig schreiben. Wieder hatte sie Glück: Per Zufall lernte sie eine Frau kennen, deren Mann Professor an der Universität war – und der sich für Svetlana einsetzte. Sie durfte an der Fakultät für Chemie einen Vortrag halten und wurde an der Universität angenommen. »Aber 1995, während ich an meiner Doktorarbeit saß, bekam ich eine Stelle in München angeboten, eine wirklich interessante Stelle im Management der Filiale einer großen Öl-Firma«, erzählt Svetlana und schlägt erneut ihre Beine übereinander. »Mein Doktorvater riet mir, den Job anzunehmen. Ich musste viel organisieren, Messeteilnahmen und alles Mögliche. Doch zwei, drei Jahre später musste die Firma schließen«, sagt Svetlana. Es klingt nicht so, als würde sie das sonderlich bedauern. Dann kam ihre zweite Tochter zur Welt. »Meine Töchter haben beide denselben Vater«, sagt Svetlana lachend. Doch seit zwei Jahren sind sie und ihr Mann endgültig geschieden.
Kurz nachdem sie nach München zog, wurde sie Mitglied im Kunstverein »Dialog«. Pianisten, Musiker, Schriftsteller und Künstler treffen sich dort. Svetlana organisierte für den Verein einige Ausstellungen. »Dadurch habe ich viele Künstler kennen- gelernt.« In München besuchte Svetlana einen Kurs in Veranstaltungs- und Kongressmanagement und arbeitete danach etwa vier Jahre in der Projektleitung bei der Messe München. »Aber vor zwei Jahren habe ich gedacht, jetzt möchte ich selbst etwas anfangen.« Sehr lange hat sie überlegt, wie das, was sie machen möchte, wohl aussehen könnte. »Ich habe gespürt, dass ich das machen muss, was mir am Herzen liegt: Und so wurde ich Galeristin«, erzählt sie und lacht. Es hört sich so an, als sei ihr mit dem beruflichen Neustart ein besonders guter Streich in ihrem Leben gelungen.
Kunst des 21. Jahrhunderts will Svetlana zeigen und ihre Galerie soll ein kultureller Treffpunkt sein – »für alle«, betont sie. Außer Ausstellungen veranstaltet sie auch Konzerte und Lesungen. Kürzlich zeigte sie »Die Jüdische Welt«, eine Gruppenausstellung von neun Künstlern, zwei davon mit internationalem Renommée – Suzann Benton und Igor Ganikowskij. Zahlreiche Besucher kamen, jüdische und nicht jüdische. »Die Jüdische Welt« möchte Svetlana nun jedes Jahr wiederholen, daneben organisiert sie derzeit eine Ausstellung in Kasachstan, die im September eröffnen soll. Von Kasachstan ist sie begeistert: »Es ist ein Zentrum der Weltreligionen. Die Leute dort sind offen: Es kommen Maler aus aller Welt, wir machen eine Meisterklasse dort und eine Auktion am Schluss.«
Hat Svetlana das Gefühl, jetzt das Richtige zu tun? »Ja, Galeristin ist meine Berufung. Auch wenn es manchmal nicht einfach ist: Je länger ich das mache, desto glücklicher bin ich.« Und die Angst vorm Fliegen? Ach ja, die ist verschwunden. Svetlana hat sie einfach hinter sich gelassen.

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