Radiolandschaft

Herausgehört

von Lars Weber

Im Medienbetrieb gilt »Live« oft als besonderes Gütesiegel. Doch manchmal ist das Gegenteil besser. »Schabbat Schalom, diese Sendung ist aufgezeichnet«, heißt es jeden Samstag bei RCJ (La radio de la communauté juive), dem Radio der jüdischen Gemeinschaft auf UKW 94,8. Das speziell Jüdische der Rundfunkstation kommt somit gleich zur Geltung. Mit seinen drei Sendern, die sich eine Frequenz teilen, ist RCJ eines der beiden jüdischen Radios in Paris. Auch der Internetrundfunk Radio Mazal hat seinen Sitz in der französischen Hauptstadt. Die Radiomacher wollen die Gemeinschaft zusammenbringen und jüdischem Leben ein Forum geben.
»Radio Shalom – die Stimme des Friedens« lautet der Jingle des gleichnamigen Programms, das zusammen mit Judaiques FM und Radio J den Sender RCJ bildet. Gegründet wurde er 1981 vom Fonds Social Juif Unifié (FSJU), einem Sozialfond, der jüdisches Leben in Frankreich durch Subventionen bewahren und entwickeln sowie die Verbindungen zu Israel stärken möchte. Im Selbstverständnis der Radiomacher soll der Sender ein Medium für all diejenigen sein, die sich mit dem französischen Judentum identifizieren. »30 bis 40 Prozent der Hörer sind Nichtjuden, die sich für jüdisches Leben interessieren und mehr erfahren wollen. Eine Minderheit der Hörer ist gegen uns und hört uns aus anderen Motiven«, erklärt RCJ-Direktor Salomon Malka. Pluralismus sei ein entscheidendes Kriterium, um den unterschiedlichen Strömungen der Gemeinschaft gerecht zu werden. »Wir wenden uns an religiöse wie auch an nichtreligiöse Hörer mit diversen politischen Ansichten. RCJ ist eine Plattform, die verbindet und auf der ein Austausch stattfindet«, so Malka.
RCJ ist professionelles Radio mit modern ausgestatteten Studios, das täglich von 8 Uhr bis Mitternacht auf Sendung geht. 20 Personen arbeiten für den Sender, wovon zehn fest angestellt sind. Mit ausgebildeten und erfahrenen Journalisten, darunter einem ehemaligen Chefredakteur der Tageszeitung Le Monde, unterscheidet sich RCJ lediglich durch seine Ausrichtung auf jüdisches Leben von den großen französischen Radiosendern. Zu den Gründern von RCJ gehört auch Direktor Salomon Malka, der nach wie vor das Mittagsjournal moderiert. Er arbeitete früher als Literaturkritiker für Printmedien. Sein Interesse galt jahrzehntelang dem Judentum und dem Journalismus. »Die Gründung von RCJ war mit dem Wunsch verbunden, beide Welten miteinander zu verbinden.«
Das Programmspektrum des Radios reicht von Nachrichten über Kultur- und Freizeitinformationen bis hin zu sogenannten jüdischen Ansichten. Das Mittagsmagazin berichtet über den Besuch der amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice in Israel genauso wie über eine Buchveröffentlichung über die ehemalige französische First Lady, Cécilia Sarkozy. RCJ feiert den 60. Jahrestag der Gründung Israels auf ganz eigene Weise: 60 Lieder erzählen die Geschichte des jüdischen Staats, begleitet von Anekdoten. Einen nationalen Bezug findet der Hörer in der Sendung »Geschichte der Juden Frankreichs«. Hier erfährt man, in welcher Region Frankreichs sich unter welchen Umständen Juden angesiedelt haben. Und in der Sendung »Le Grand Dimanche« wird der Gemeinschaftsaspekt deutlich. Hörer rufen an, um gebrauchte Gegenstände, wie etwa Möbel oder Kleidung, kostenlos an andere weiterzugeben.
Eine deutlich jüngere Hörerschaft ist im Visier des Webradios Radio Mazal. Die 15- bis 25-Jährigen sind die Hauptzielgruppe des Radios, das über seine Webseite sendet, aber auch auf anderen Seiten wiedergegeben wird. Lediglich vier Personen gestalten das Programm, das in einer Sende- schleife läuft. Die Macher, die zwischen 30 und 40 sind (und somit jünger als die Kollegen von RCJ), geben sich pragmatisch und wissen Synergien zu nutzen: So ist einer der Moderatoren zugleich Betreiber einer Partnervermittlungsagentur. In seiner Sendung stellt er die einsamen Herzen vor, die sich zuvor in seinem Büro eingeschrieben haben.
Die Interaktivität ist bei Radio Mazal besonders ausgeprägt. Über die Homepage gelangt man zu einem Forum, in dem ein reger Austausch über diverse Themen wie Israel, Nahostkonflikt, aber auch Klatsch und Tratsch stattfindet. Die Kandidaten der französischen »Popstars«-Sendung sind hier ein Thema, ebenso wie die Frage, ob Fidel Castro Jude ist. Unterhaltung steht bei Radio Mazal im Vordergrund. Im Gegensatz zu RCJ wird auch moderner westlicher Pop gespielt. Seit Kurzem gibt es auch einen Fernsehableger, der Mazal-TV heißt und ebenfalls übers Internet zu empfangen ist. Die Sendungen sind allerdings sehr spartanisch gemacht und erinnern an den Offenen Kanal.
Neben dem sehr informativen Vollprogramm des Radios der Jüdischen Gemeinschaft wirkt das entertainment-lastige Radio Mazal fad. Es ist privat finanziert und verfügt weder über die Mittel noch über das Personal, um mit RCJ zu konkurrieren. Doch durch sein Forum hat es einen direkteren Kontakt zu seinen Hörern, was RCJ fehlt. So heterogen wie die Pariser nichtjüdische Radiolandschaft mit diversen Musikprogrammen, arabischen und lateinamerikanischen Sendern ist, sind auch die beiden jüdischen Radios.

www.radiorcj.info
www.radiomazal.com

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