Fotografin Liselotte Grschebina

Helden der Arbeit

von Bettina Piper

Das nennt man wohl einen Zufall. Sechs Jahre nach dem Tod von Liselotte Grschebina 1994 entdeckt ihr Sohn beim Packen von Umzugskartons für den bevorstehenden Wohnungswechsel im Wandschrank des Tel Aviver Hauses die Fotosammlung seiner Mutter. Sie enthält rund 1.800 Bilder, die in Vergessenheit geraten waren. Dieses ungeordnete, undatierte und nur mit spärlichen Kommentaren versehene Werk schenkt er dem Israel Museum in Jerusalem. Das bereitet das Material auf und schickt es, nach einer ersten eigenen Ausstellung im Herbst 2008, auf Reisen. Vom 5. April bis zum 28. Juni ist jetzt im Berliner Martin-Gropius-Bau eine Retrospektive mit rund 100 Fotografien Grschebinas zu sehen, die zwischen 1929 und den 60er-Jahren in Deutschland und Palästina entstanden sind. Sie zeugen einerseits von den künstlerischen und fachlichen Neuerungen der Fotografie in der Weimarer Republik und dokumentieren andererseits das jahrzehntelange künstlerische Schaffen einer deutschen Emi- grantin in Palästina.
Bis auf einige wenige kleinere Ausstellungen in den 30er- und 40er-Jahren sind die Arbeiten Grschebinas nie öffentlich gezeigt worden. Einzelne Motive fanden Verwendung in Zeitschriften, auf Kalenderblättern oder als Zigarettenbildchen. Die Berliner Schau präsentiert jetzt erstmals in größerem Umfang das Werk einer engagierten Fotografin, die in jungen Jahren von der Neuen Sachlichkeit und dem Neuen Sehen inspiriert wurde.
Nüchtern komponiert, in scharfen Konturen, starken Kontrasten und überraschenden Blickwinkeln offenbart Grschebina während ihrer Jahre in Deutschland eine Vorliebe für die Welt des Theaters: stark geschminkte Gesichter, Masken und Porträts von Tänzern. Auch Aufnahmen von Leichtathleten – Speer- und Diskuswerfer oder Kugelstoßer – sind charakteristisch für ihre damalige Arbeit und weisen große Ähnlichkeit auf mit den Bildern Leni Riefenstahls aus dem berühmt-berüchtigten Film über die Olympischen Spiele in Berlin 1936, der die Schönheit des muskulösen Körpers als Teil der Natur betrachtet und verherrlicht. Nur vereinzelt zeigt Grschebina Menschen im Alltag, etwa den Zeitungsverkäufer an der Ecke oder die beiden Alten auf der Parkbank.
In Palästina begibt sie sich auf fotografische Tagesausflüge. Zu den sorgfältig arrangierten Studiokompositionen kommen eindrucksvolle Bilder aus dem Alltag. Es sind einfühlsame Porträts einer Einwanderergesellschaft mit vielen Gesichtern: aus ärmlichen Verhältnissen stammende Kinder auf den Straßen Tel Avivs, Hafen- und Bauarbeiter bei ihrem kräftezehrenden Tagewerk, Frauen auf dem Feld oder in hauswirtschaftlichen Betrieben – allesamt vom Schicksal gezeichnete Menschen. Dennoch blicken sie optimistisch und unbefangen in die Kamera. Die Ödnis in fruchtbaren Boden zu verwandeln und zu bewirtschaften, ist Inbegriff des Lebens und das Ideal der Pioniere. Grschebinas Bilder feiern gewissermaßen die jüdischen Helden der Arbeit und sind beispielhaft für eine Generation von Immigranten, die mit großer Energie ein neues Land aufbauten, das – wenn auch manchem nicht zur Heimat – in Zeiten von Verfolgung und Vertreibung zum Fluchtpunkt und Hoffnungsträger für viele wurde. Auch für die Fotografin selbst.
Liselotte Grschebina, die 1908 als Tochter des jüdischen Kaufmanns Otto Billigheimer in Karlsruhe geboren wird, studiert von 1925 bis 1929 in Karlsruhe und Stuttgart Gebrauchsgrafik, figurative Malerei und Werbefotografie. Danach unterrichtet sie an der Badischen Landeskunstschule in Karlsruhe Werbefotografie, bis sie 1931 mit der Begründung entlassen wird, es bestehe keine Nachfrage nach diesem Studienfach. Auch ihr Plan, eine Schule zu gründen, scheitert. Ein Jahr später eröffnet sie daraufhin unter dem Namen »Bilfoto« ein eigenes Atelier, mit dem sie sich auf Werbefotos und Kinderporträts spezialisiert. Auf äußeren Druck hin muss sie jedoch 1933 das Studio kurz vor der »Machtergreifung« Adolf Hitlers aufgeben.
Mit ihrem Mann wandert sie im März des folgenden Jahres nach Palästina aus. In der neuen Wahlheimat Tel Aviv gründet sie mit Ellen Rosenberg, der späteren Ellen Auerbach, das Atelier »Ishon«, was auf Hebräisch »Augapfel« bedeutet. Seit 1934 ist Grschebina die offizielle Fotografin der Women’s International Zionist Organization. Und nur kurze Zeit später ruft sie mit bescheidenen finanziellen Mitteln den ersten Fotografenverband Israels ins Leben, der unter anderem seine Mitglieder dabei unterstützt, den beruflichen Alltag zu meistern.
Liselotte Grschebina war eine ambitionierte, selbstbewusste Künstlerin – und ganz Kind ihrer Zeit. Zum Kern des Lebensgefühls der Weimarer Republik gehörte die gesellschaftliche und berufliche Emanzipation der Frau. Die Fotografie wurde für diese zu einem der attraktivsten Arbeitsbereiche. Denn der Einstieg in das relativ junge Medium war leichter als in die von Männern dominierten, klassischen kreativen Berufe. Grschebina hat von dieser Entwicklung profitiert. Gefördert durch eine professionelle Ausbildung, blieb sie auch in ihrer zweiten Heimat Palästina dem eigenen Stil und den Grundsätzen des Neuen Sehens treu. Jetzt kehren ihre Bilder in das Land zurück, in dem die Fotografin einmal angefangen hat.

Eine Frau mit Kamera: Liselotte Grschebina Deutschland 1908 – Israel 1994, 5. April bis 28. Juni 2009, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7. Zur Ausstellung ist ein Katalog zum Preis von 12 Euro erschienen. www.gropiusbau.de

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