Thompson

Heimat, Heimat über alles

von Gaby Babic

Die Routine ist Marko Perkovic, genannt Thompson, anzumerken. Jeden seiner Auftritte beginnt er mit einem Aufruf: „Za dom!“, „Für die Heimat!“ Auch die Fans wissen, was der Sänger erwartet. Sie erwidern den Gruß der kroatischen Faschisten aus dem Zweiten Weltkrieg mit „Spremni!“, „Bereit!“ Viele heben dabei den rechten Arm zum Nazi‐Gruß. Auch am 17. Juni, bei Thompsons größtem Tourkonzert im Dinamo‐Fußballstadion der kroatischen Hauptstadt Zagreb. Mehr als 40.000 Fans waren gekommen, unter ihnen Jugendliche mit schwarzen Ustascha‐Mützen, der militärischen Kopfbedeckung der kroatischen Faschisten, die für den Massenmord an Serben, Juden und Roma im Zweiten Welt‐ krieg verantwortlich sind.
Vom kroatischen Staatsfernsehen HRT, das das Zagreber Großkonzert zur besten Sendezeit übertrug, wurde Thompsons obligatorisches Eröffnungsritual kurzerhand zensiert. Im Vorfeld des Riesenspektakels und in den Tagen danach hagelte es scharfe Proteste aus dem Ausland. Zum Beispiel von Efraim Zuroff, Direktor der Jerusalemer Dependance des Simon‐Wiesenthal‐Zentrums, der den kroatischen Ministerpräsidenten Stjepan Mesic in einem Brief aufforderte, Thompson‐Konzerte verbieten zu lassen. Auch in den vergangenen Tagen hat sich Widerstand formiert. Diesmal in Bosnien‐Herzegowina. Denn der Musiker will an diesem Donnerstag in Mostar auftreten. Viele warnen davor, dass Thompson den Hass zwischen Kroaten und muslimischen Bosniaken in der faktisch geteilten Stadt schüren könnte.
Marko Perkovic ist Kroatiens erfolgreichster Folk‐Rock‐Star. Er trägt auf der Bühne mit Vorliebe schwarze Kleidung. Sein Amulett, ein mittelalterlich anmutendes Kreuzmedaillon, hängt ihm bei jedem Auftritt um den Hals. Das Symbol seiner Welttournee „Es war einmal in Kroatien“ ist ein Schwert, mit dem er gerne auf der Bühne posiert. Die Waffe ziert, am Knauf umschlungen von einem Rosenkranz, die Plakate und das Promotionsmaterial der Tour. Der Rockstar selbst nennt es das Schwert des „Friedens und der Liebe“. Symbole und Insignien aus der Zeit des mit den Nazis verbündeten, faschistischen Unabhängigen Staates Kroatien, kurz NDH genannt, sind auch unter Thompson‐Fans weit verbreitet. Unbehelligt werden T‐Shirts mit dem Großbuchstaben „U“ getragen, dem Erkennungszeichen der Ustascha.
Der Sänger mit seinen ultranationalistischen Texten ist in Kroatien schon lange kein Unbekannter mehr. 1991, mit Beginn des Kroatien‐Krieges, begann Thompsons Karriere mit dem Lied Bataillon Cavoglave, in dem er (damals selbst Soldat der kroatischen Armee) zum Kampf gegen die serbischen Tschetniks aufrief. Das dazugehörige Musikvideo erlangte Kultstatus, und die Regierung setzte es als Propaganda‐Instrument ein: Der Sänger wurde zum Maskottchen der kroatischen Armee. Auch Marko Perkovics „Künstler“-Name ist militärischer Herkunft. Thompson ist der Name einer alten amerikanischen Maschinenpistole, die ihm als jungem Soldaten zugeteilt worden war, weil er, so die Legende, bei der Waffenverteilung zu spät kam.
Wurde es in den Nachkriegsjahren zunächst etwas ruhiger um den Barden, so inszeniert er sich seit 2002 – damals erschien sein Album Oh, mein Volk – umso konsequenter als Sprachrohr des einfachen kroatischen Volkes. In seinen Liedern setzt er sich mit den Helden des „Heimatkrieges“, deren Müttern und manchmal auch mit „den Armen“ auseinander. Die Unabhängigkeit Kroatiens nennt er einen „Tausendjährigen Traum“. Die Heimat ist ihm heilig, „Mutter und Kind“ zugleich. Doch die Träume des Volkes seien von „Judas Söhnen verraten“ worden. In seinen Texten tauchen immer wieder Verschwörungstheorien auf, zum Beispiel, dass das Volk von „dunklen Kräften“ bedroht sei – verbunden mit Heilsverkündungen, Errettungsfantasien und dem Gedenken an die gefallenen Kameraden.
Die Popularität des Sängers ist gewaltig und will so gar nicht in das schöne Bild eines modernen Kroatiens passen, das sich auf dem besten Weg in die EU befindet. Folglich veröffentlichte die Regierung zwei Tage nach dem Konzert im Juni eine Erklärung mit der umständlichen Formulierung: „Die Regierung lehnt Versuche der Benutzung und Betonung von Zeichen und Grüßen aus der Zeit des faschistischen Regimes ab.“ Eine etwas halherzige Stellungnahme. Das kann allerdings nicht verwundern. Zahlreiche Generäle und Politiker, allen voran Kroatiens Minister für Wissenschaft, Erziehung und Sport, Dragan Primorac, sind begeisterte Thompson‐Fans, die regelmäßig in der VIP‐Lounge seiner Konzerte anzutreffen sind und für die Boulevard‐Presse posieren. Für die konservative Regierung hat die Popularität des Sängers eine klare tagespolitische Dimension. Seine Anhänger sind zahlreich, folglich auch die Wählerstimmen, die es zu gewinnen gilt. Die kroatischen Parteien befinden sich bereits im Wahlkampf. Im November sollen die Kroaten ihre Stimme abgeben. So erklärte Staatssekretärin Marija Pejcinovic Buric vor Kurzem in einem Interview, sie verstehe die Gefühle, die viele Kroaten für Thompson hegen würden. Zu einem generellen Verbot von Ustascha‐Symbolen mag sich die Politikerin nicht durchringen: „Mich schockiert es am meisten, wenn sich heutzutage jemand mit ‚Genossinnen und Genossen‘ an ein Publikum wendet.“ Mit dieser Rhetorik steht sie nicht allein. Eine kritische Aufarbeitung der eigenen faschistischen Vergangenheit und deren Kontinuitäten bis in die Gegenwart wird mit Verweisen auf den kommunistischen Totalitaris‐ mus verhindert. Dabei geht es nicht nur um die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges, sondern auch um den „Heimatkrieg“ gegen den „großserbischen Aggressor“ in den 90er‐Jahren. Und um die bis heute von der Mehrheit der Bevölkerung geleugneten Verbrechen von Seiten der kroatischen Armee.
Kritische Stimmen zu Thompson sind selten zu vernehmen oder zu lesen. Der Protest bleibt auf einen kleinen Kreis beschränkt: ein paar Journalisten, die jüdische Gemeinden und antifaschistische Jugendverbände. Einen solchen Verein ver‐ tritt Mario Šimunkovic, Student der Wirtschaftswissenschaft. Er ist Präsident der Vereinigung junger Antifaschisten in der Hauptstadt. Das Büro der Jugendorganisation befindet sich in einer alten, etwas heruntergekommenen Zagreber Villa. Im gleichen Haus haben die antifaschistischen Veteranen des Zweiten Weltkriegs ihre Büros. In den Vitrinen im Flur sind Glückwunschbriefe ausgestellt, sogar von Josip Broz Tito höchstpersönlich unterschrieben. Im Erdgeschoss der Villa ist die Vereinigung der Kriegsinvaliden aus dem letzten Krieg untergebracht. Hier hängen Plakate an den Wänden, auf denen Staatsgründer Franjo Tudjman zu sehen ist: Er küsst die kroatische Fahne. Staatsideologien, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, prallen aufeinander: Hier das Erbe eines halben Jahrhunderts sozialistischen Jugoslawiens, das auf dem Antifaschismus fußte, dort der unabhängige Staat Kroatien unter Tudjmans nationalistischer Führung, der mit dieser Tradition brach.
Mario bedauert, dass in den ausländischen Medien das Bild entstanden ist, Sänger Thompson sei nur den kroatischen Juden ein Dorn im Auge. Seine Vereinigung hatte gegen das Zagreber Konzert protestiert. Auf die Ustascha‐Symbole würden überwiegend Jugendliche „abfahren“, Vierzehn‐ bis Sechzehnjährige, die Kinder von Kriegsveteranen des Kroatien‐Krieges. Mario versucht zu vermitteln. Er sagt, die Staatsgründung im Zuge des „Heimatkrieges“ in den 90er‐Jahren dürfe nicht infrage gestellt werden. Aber die jungen Menschen würden nicht wissen, was für Symbole sie da eigentlich tragen. „Die denken einfach, das ist cool.“
Im Nachbarland Bosnien‐Herzegowina hat Thompson in den kroatisch dominierten Kantonen, besonders in der West‐Herzegowina, viele Anhänger. Die Hauptstadt des Landes, Sarajevo, galt unter den Städten Jugoslawiens als Musterbeispiel für kulturell‐religiöse Vielfalt und Toleranz. Daran wird man sich erinnert haben, als ein für den 10. Mai dieses Jahres in der Olympiahalle Zetra anberaumtes Thompson‐Konzert zu heftigen Protesten führte. „Die Ankündigung eines Auftritts haben wir als Provokation empfunden“, sagt Boris Kozemjakin, Präsident der Jüdischen Gemeinde Sarajevo. „Wir haben an die städtischen Autoritäten appelliert, das Konzert zu verhindern.“ Kozemjakin ist selbst das Kind einer Überlebenden, die in einem Ustascha‐Lager interniert war. Vor dem Zweiten Weltkrieg war Sarajevo eine sehr jüdisch geprägte Stadt. Jeder zehnte Einwohner gehörte damals der aschkenasischen oder sefardischen jüdischen Gemeinde an. Von über 10.000 Juden überlebten nur etwa 1.000 die Vernichtungspolitk der Nazis und ihrer Ustascha‐Kollaborateure. Es sei in der Region bekannt, sagt Kozemjakin, dass Thompson in der Vergangenheit pro‐faschistische Lieder der Ustascha gesungen habe. Eines trage den Titel „Jasenovac i Gradiška Stara“, der sich auf zwei von der Ustascha geführte Konzentrationslager bezieht, in denen im Zweiten Weltkrieg vor allem Serben, Juden und Roma ermordet wurden. Thompson leugnet, dieses Lied je gesungen zu haben. Auf YouTube ist das Machwerk als Konzertmitschnitt aber schnell zu finden. Dort wird die Rückkehr der „schwarzen Legion“ beschworen, einer Sondereinheit der Ustascha, und es werden die Mas‐ saker an Serben verherrlicht.
Svetlana Broz, eine Enkelin des Staatsgründers Josip Broz Titos, zählte zu den prominentesten Gegnerinnen eines Thompson‐Konzerts in Sarajevo. Broz wurde als Ärztin Zeugin des Krieges in Bosnien. Nach ihrem humanitären Engagement als Kardiologin wurde sie Direktorin der Sarajevoer Zweigstelle der Nichtregierungsorganisation GARIWO. Zusammen mit Jugendlichen lancierte Broz einen offenen Protestbrief gegen das geplante Konzert. Zivilgesellschaftlich‐politische Aufklärung von Jugendlichen, sagt Broz, sei das einzige effektive Mittel im Kampf „gegen negative Autoritäten“. Broz sieht den revisionistischen Diskurs des Sängers in einem größeren Kontext. Die Gesellschaften der ex‐jugoslawischen Teilstaaten würden die Verantwortung für die jeweils eigenen Verbrechen nicht übernehmen und sich stattdessen selbst als Opfer stilisieren. Das gelte nicht nur für den Zweiten Weltkrieg, sondern auch für Massaker wie in Srebrenica.
Wie Titos Enkelin kämpfen auffällig viele Frauen gegen Nationalismus und Chauvinismus. Die Folge: Sie werden zu Verräterinnen an der eigenen „Nation“ erklärt. Auch die im Exil lebende Schriftstellerin Slavenka Drakulic gehört zu ihnen. Kürzlich sagte sie in einem Interview: „So schwer es auch sein mag, wir müssen endlich sagen, was geschehen ist, und zwar beginnend mit dem Zweiten Weltkrieg. Sonst werden wir weiterhin Konzerte von Thompson haben und Kinder, die den Ustascha‐Gruß benutzen, aber nichts verstehen.“

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