Ilan Halimi

Haus Nr. 4

von Iris Hartl

Es ist ein sonniger Tag in Bagneux. In dem Vorort südlich von Paris reihen sich kleine Blumenläden an Restaurants, neben Bungalows ragen Sozialbauten in die Höhe. Irgendwo übt jemand Schlagzeug in der Rue Sergueï-Prokoviev, direkt gegenüber dem Friedhof. Im Hof des Wohnblocks unterhalten sich ein paar Bewohner auf dem Spielplatz, während ihre Kinder fröhlich im Sand herumtoben. Hinter ihnen befindet sich das Haus Nr. 4.
In diesem Gebäude ist Ilan Halimi von seinen Peinigern vor drei Jahren 24 Tage lang festgehalten und auf grausamste Weise gequält worden. Nachdem der junge Jude einem Mädchen, das als Lockvogel gedient hatte, in die Falle gegangen war, brachten ihn seine Entführer zunächst in einer leer stehenden Wohnung im dritten Stock unter. Sie fesselten ihn an Armen und Beinen, klebten ihm den Mund zu und versahen das Klebeband mit einem Loch in der Mitte. Dadurch führten sie ihm flüssige Nahrung zu. Um von Ilans Familie Lösegeld zu erpressen, fügten sie ihm Brandwunden und andere Verletzungen zu und schickten den Eltern Fotos ihres geschundenen Sohnes. Die Entführer waren überzeugt, dass Ilans Familie eine hohe Geldsumme zahlen könne. Das war jedoch nicht der Fall. So forderten sie zunächst 450.000 Euro und korrigierten den Betrag später nach unten.
Weil die Verhandlungen nicht so verlaufen, wie es der Anführer der selbst ernannten »Gang der Barbaren«, Youssouf Fofana, erwartet hatte, wird Ilan in einen Kellerraum des Hauses verlegt und dort brutal weitergequält. Am 13. Februar 2006 wird der 23-jährige Handyverkäufer schließlich nackt und entstellt in der Nähe von Bahngleisen bei Paris aufgefunden. Rettung kommt zu spät, Halimi stirbt noch auf dem Weg ins Krankenhaus.
Der Mord an Ilan Halimi hat damals Frankreich und die Welt schockiert. Für dieses Verbrechen wird Fofana sowie 16 weiteren Männern und zehn Frauen vom 29. April bis zum 10. Juli in Paris der Prozess gemacht. Der Bandenchef, dem eine lebenslange Haftstrafe droht, gibt sich vor Gericht angriffslustig. So rief er am ersten Prozesstag: »Allah wird siegen« und gab seinen Namen mit »afrikanischer Barbar, bewaffnet, rebellisch, salafistisch« an. Als Geburtsdatum nannte er den 13. Februar 2006, Ilans Todestag. Den Angehörigen seines Opfers soll er am zweiten Prozesstag indirekt gedroht haben, woraufhin diese den Gerichtssaal verließen.
Die Verhandlung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, da einige Angeklagte zur Tatzeit minderjährig waren und einen nicht öffentlichen Prozess gefordert haben. Ilans Mutter Ruth hätte sich dagegen ein öffentliches Verfahren gewünscht, damit alle erfahren, »dass mein Sohn sterben musste, weil er Jude war«. Die Gemeinde Bagneux startete vor zwei Monaten eine Kampagne gegen Rassismus und Antisemitismus. Doch in den Augen der Bewohner dieses bunt gemischten Viertels liegt das Problem ganz woanders. Fouchemi Diarra steht mit seinem Hund vor dem Haus, in dem Ilan gefangen gehalten wurde, und erklärt: »Das Einzige, worum es bei der Geschichte wirklich ging, ist Geld. Fofana war davon überzeugt, die Juden seien alle reich und deshalb eine gute Beute. Wenn er reiche Araber oder Afrikaner hier gesehen hätte, hätte er sich vielleicht die als Opfer ausgesucht. Ich glaube auch nicht, dass die Leute, die an der Tat beteiligt waren, unbedingt antisemitisch waren. Die dachten sich wohl, das würde alles nicht so schlimm ausgehen, und es würde viel Geld für sie dabei herausspringen.«
»Der hat sich sehr verändert«, versichert Vicky, eine Jugendliche aus dem Nachbarhaus. »Fofana war ein Kumpel meines älteren Bruders, aber irgendwann dann nicht mehr, und als ich eines Tages plötzlich sein Gesicht im Fernsehen gesehen habe, konnte ich gar nicht glauben, dass er zu so etwas fähig war.« Eine ältere Dame fügt hinzu: »Ich lebe hier seit 1968 und ich muss sagen, dass es hier noch nie Probleme mit Gewalt gab. Als das mit Ilan passiert ist, war die Tat ein großes Gesprächsthema im Viertel. Die Familie des Pförtners, der der Bande den Schlüssel zur Wohnung verschafft hat und sich jetzt deswegen vor Gericht verantworten muss, ist, soweit ich weiß, weggezogen.«
Was die Bewohner und die Öffentlichkeit besonders entsetzt hat, ist die Tatsache, dass Fofana so viele Komplizen und Mitwisser hatte. Einer der Gründe hierfür dürfte der im Bandenmilieu geltende »Schweigecode« sein, wonach der Verrat eines an- deren Mitglieds schwer bestraft wird. Für den Journalisten Mohamed Hamidi, der sich mit seiner Berichterstattung aus den Pariser Banlieues einen Namen gemacht hat, passt der Fall Halimi in dieses Schema: »Diejenigen, die von Ilans Martyrium und später von seinem Tod wussten, waren meist noch sehr jung. Einige von ihnen wurden da vermutlich mit hineingezogen und hatten Angst vor Strafe, wenn sie nicht mitmachen oder zur Polizei gehen. Fofana ist meiner Ansicht nach ein wirklich spezieller Fall eines minderbemittelten Mannes, der der Wahnvorstellung erlegen war, er müsse einen Juden entführen, weil er auf diese Art leicht an Geld komme.«
Ilans Mutter, eine in bescheidenen Verhältnissen lebende Frau, hat inzwischen ein Buch über den Mord an ihrem Sohn geschrieben. Sie will auf diese Weise darauf aufmerksam machen, »dass der Antisemitismus sich in einer neuen Form« wieder in Frankreich zurückgemeldet hat. Doch das Leben in Bagneux geht ungestört weiter. In die Wohnung, in der Ilan gefoltert wurde, sind inzwischen Mieter eingezogen. Herr Diarra meint gelassen: »Die Leute vergessen schnell. So ist das eben.«

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