Geburtstag

Haus mit Geschichte

von Kilian Kirchgessner

In Prag hat das »Jahr der jüdischen Kultur« begonnen. Ausgerufen hat es das Jüdische Museum der tschechischen Hauptstadt: Es feiert sein 100-jähriges Jubiläum mit Festivals und Ausstellungen im ganzen Land. Von der Prager Staatsoper bis zu kleinen Stadtmuseen in der Provinz sind mehr als 70 Partner am Programm beteiligt. Der ehemalige Staatspräsident Václav Havel übernimmt die Schirmherrschaft über das Jubiläumsprogramm. »Wir möchten die Tschechen besser mit der jüdischen Kultur vertraut machen«, sagt Pavla Niklová vom Jüdischen Museum, die das Festprogramm mitorganisiert. »Wir gehen mit unserem Jubiläumsprogramm ganz gezielt in kleine Orte, um auch die Leute zu erreichen, die ansonsten nie in unsere Ausstellungen in Prag gekommen wären.«
Die Mehrzahl der Besucher dürfte aber aus dem Ausland kommen. Gut eine halbe Million Touristen strömt schon in normalen Jahren in die Ausstellungen, die über das ganze jüdische Viertel Prags verteilt sind. Die Schätze des Museums gelten als eine der weltweit größten Judaica-Sammlungen. Wissenschaftler aus aller Welt kommen zu Forschungszwecken nach Prag.
Vier Synagogen mit Dauerausstellungen zum jüdischen Leben gehören zum Museum, hinzu kommen der alte jüdische Friedhof, eine Kunstgalerie und eine Bi-bliothek von 100.000 Bänden. Sie ist auf Schriften aus Böhmen und Mähren be-schränkt und liefert ein Bild vom Leben der Juden in Tschechien, das in seiner Dichte einmalig ist. Sie ist aber auch ein Zeugnis der traurigen Geschichte der tschechischen Gemeinden: Die meisten Bücher und Kunstgegenstände kamen ins Museum, als ihre Besitzer von den Nazis deportiert wurden.
Kaum etwas illustriert die Geschichte der tschechischen Juden besser als das Museum selbst. Eine freie Institution war es in seinen hundert Jahren nur die kürzeste Zeit. Die Nazis übernahmen es 1942, um daraus nach dem »Endsieg« ein »Museum einer untergegangenen Rasse« zu machen. Die Kommunisten verstaatlichten das Haus 1950 und ließen es systematisch verkommen. Nicht einmal die Gründung geschah aus freien Stücken: Anfang des 20. Jahrhunderts mußten viele Prager Synagogen großen Wohnhäusern weichen, weil die Stadt rasant wuchs. »Damals ist das Museum entstanden, um zumindest die Kunstschätze aus den Synagogen zu retten«, berichtet Pavla Niklová.
Eröffnet werden die Jubiläumsfeierlichkeiten am 1. Februar mit einem Konzert in der Spanischen Synagoge. Das Schulhoff-Quartett führt unter dem Kuppeldach mit seinen goldenen Ornamenten Werke der in Auschwitz ermordeten Komponisten Hans Krása und Gideon Klein auf. Einen Tag später wird in der Gutmann-Galerie hinter der Synagoge eine Ausstellung über das Leben des früheren Museumsdirektors Josef Polák eröffnet. »Unter ihm hat unser Museum schon in den dreißiger und vierziger Jahren Weltniveau errreicht. Gleichzeitig ist sein Schicksal beispielhaft für das Leben von so vielen Prager Juden«, sagt Niklová. Der Kunsthistoriker kam kurz vor der Befreiung in Auschwitz um.
Bis Mitte März wird die Ausstellung zu sehen sein. Im Sommer folgen als weitere Höhepunkte ein Klesmer-Festival, eine Kino- und eine Theaterreihe sowie eine Ausstellung über das Prager Ghetto.
www.jewishmuseum.cz

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