Schmiedekunst

Hammerhart

von Katrin Richter

Schon von Weitem hört man sie: dumpfe, schwere Schläge, die immer in einem hohen Klingen enden. Mit jedem Schritt in Richtung kleine Hofbaracke werden sie lauter. Die Luft riecht nach verbrannter Kohle. Es ist ein regnerischer Herbsttag in Berlin. Doch davon bekommen die Teilnehmer des Schmiedekurses nichts mit. Bei ihnen im Häuschen ist es heiß und stickig wie im Hochsommer. Und so laut wie in einem Eisenwerk zur Morgenschicht. Die zehn Jugendlichen, die an diesem Lehrgang teilnehmen, können allerdings nach ihrem Schichtende nicht einfach nach Hause gehen. Sie sitzen in der Jugendstrafanstalt Plötzensee ein. Doch diese Art Arbeit ist für die Häftlinge eine erfreuliche Abwechslung. Und Uri Hofi ist nach Plötzensee gekommen, um ihnen zu zeigen, was man mit heißem Eisen alles machen kann. Nägel schmieden steht heute auf dem Tagesplan.
Joe hat gerade seine Eisenstange aus dem Feuer geholt. Sie glüht orangerot. Der 22-Jährige legt das heiße Metall auf den Amboss und formt es mit gleichmäßigen Schlägen. Die Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn, im Rhythmus der Schläge fliegen sie durch die Luft. Nach einigen Sekunden prüft Joe sein Werk mit kritischem Blick und steckt das Stück Eisen wieder ins Feuer zurück. »Das muss noch«, sagt er und schiebt die durchsichtige Schutzbrille nach oben. Dann wischt sich der junge Mann mit dem Unterarm den Schweiß aus dem glühenden Gesicht. Er blickt ganz kurz zu Uri Hofi. Mit einem leichten Kopfnicken sagt Joe: »Er ist ein sehr guter Lehrer.«
Hofi sitzt auf einem Hocker. Nichts entgeht ihm, auch nicht die kleinste Unterhaltung der Lehrlinge während der Arbeit. »So nicht!«, ruft der Schmiedemeister. Dank des Mikrofons, das an seinem T-Shirt festgeklemmt ist, schallt seine eigentlich leise Stimme laut durch den ganzen Raum. Hofi steht langsam von seinem Hocker auf. Sein Gang wirkt schwerfällig. Der Rücken ist gekrümmt, und die Arme, die sich bewegen, als wollten sie Schwung holen, sind eingeknickt. Die dunkelgrünen Schuhe erscheinen im Vergleich zum Körper riesig. Und seine ehemals blaue Arbeitshose wird von Hosenträgern – seinem ganz persönlichen Markenzeichen – gehalten. Auf dem schwarzen T-Shirt steht in weißen hebräischen Buchstaben ypwx lX hxpmh, auf Deutsch »Uris Schmiede«. Die Werkstatt steht allerdings nicht in Berlin, sondern in Ein Schemer, einem Kibbuz zwischen Caesarea und Hadera. Seit den 80er-Jahren arbeitet Uri Hofi dort – wenn er nicht gerade um die Welt jettet. Denn die deutsche Hauptstadt ist nur eine Station unter vielen. »Ich bin drei Monate im Jahr unterwegs. In Japan, den USA, Holland und jetzt eben hier.«
Der Terminkalender des 73-Jährigen ist voll. Unter den Kollegen gilt er als eine Art Schmiede-Guru. Das liegt nicht nur an seinem Können. Uri Hofi hat vor allem Charisma, dem auch die schweren Jungs in Plötzensee erliegen. Zwischen den Feuerstellen und den lauten Schlägen geht es hart, aber herzlich zu. Man hört Sätze wie »Wirklich sehr nett« oder das Wort »toll«. Die Begeisterung für das gemeinsame Projekt scheint vom Lehrer auf die Schüler überzuspringen. »Was hier in dieser Woche mit den Leuten passiert, ist unglaublich«, sagt Hofi. Vor vier Jahren hat der Berliner Berufsschullehrer Martin Ziegler, selbst augebildeter Schmied, das »Projekt zum sozialen Lernen« initiiert. Die Idee: Jugendliche mit krimineller Vergangenheit sollen in Gruppen arbeiten und unter der Anleitung von Hofi eigene Vorurteile möglichst abbauen. Vor zwei Jahren erhielten Ziegler und Hofi das Bundesverdienstkreuz am Bande.
Barrieren überwinden: In der Praxis heißt das, dass der Israeli Hofi mit Mohammed, Patrick oder Nassim zusammenarbeitet. Für kulturelle Unstimmigkeiten ist in der Baracke keine Zeit. Hier zählt das, was man am Ende des Tages in der Hand halten und vorzeigen kann. Zum Beispiel ein kunstvoll gebogenes und mit einem Muster versehenes Eisenstück oder eben einen Nagel.
Joe zeigt auf die Tafel, an der das hängt, was schon angefertigt wurde. Der junge Berliner erklärt genau, wie das Metall gebogen werden muss und warum man auch auf Details achten soll. Zwischendurch kontrolliert er immer wieder seine Stange, die noch in der heißen Kohle vor sich hin glüht. Dann hält er plötzlich inne: Das Material ist jetzt so weit. Brille auf, Hammer hoch und zuschlagen.
Fast vier Jahre muss Joe in Plötzensee absitzen, wegen schwerer Körperverletzung. Für einen jungen Menschen eine lange Zeit hinter hohen Mauern. Joe kann sie aber immerhin für eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker nutzen. Und der Schmiedekurs kommt ihm trotz der körperlichen Belastung als Abwechslung ganz gelegen. »Die Hitze und die Luft sind schon anstrengend«, sagt Joe. Der Kurs geht von acht Uhr morgens bis nachmittags um vier. Die Pausen verbringen die Lehrlinge in einem Zimmer neben dem Schmiederaum. Dort stehen auf mehreren Tischen Tupperdosen mit Weißbrot, Kaffeekannen, Colaflaschen und Margarine. Die Jacken liegen auf den Stühlen. Es ist nicht ganz so heiß wie nebenan, aber der Kohlegeruch dringt durch alle Ritzen. Doch vor der Mittagspause muss Joe noch sein Stück Eisen weiterbearbeiten. Und zwar so lange, bis ein etwa zehn Zentimeter langes Stück übrig bleibt. Dann ruft Hofi die Jugendlichen nochmal zu sich. Seine Anweisungen sind klar und sitzen. »Seht her, so müsst ihr das machen.« Er steckt ein kleines Stück glühendes Eisen in eine runde Vorrichtung. Seine kräftige Hand zittert, als hielte er Glühendes ohne Schutzhandschuh in seinen Fingern.
Dann, nach acht, neun Schlägen, ist klar, was daraus wird: der Kopf des Nagels. Noch einmal kurz die Seiten abschrägen, dann ist das Stück fertig. Joe wischt sich kurz die verrußten Hände an seiner Hose ab und geht an die Feuerstelle, um es Hofi gleichzutun. Auch Mohammed setzt seine Ohrenschützer wieder auf und nimmt eine Stange mit der Zange aus dem Feuer. Viel will er nicht über sich selbst sagen, nur dass er 20 ist und im ersten Lehrjahr. Dann widmet er sich wieder seiner Arbeit.
Uri Hofis Blicke wandern durch den Raum. Sein weißes Haar hat rußgeschwärzte Stellen, seine Ohren auch. »Das macht nichts, das ist nur Dreck.« Was ihn viel mehr beeindruckt, ist, wie sich die Jugendlichen konzentrieren. »Sie wollen lernen und fragen alles Mögliche. Einige haben schon gesagt: ‚Uri, wir kommen zu dir nach Israel.‘« Das habe ihn glücklich gemacht. Doch dann ruft die Arbeit wieder. Und durch das Mikrofon schallt es über das monotone Hämmern hinweg: »Nimm das raus!«

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