Schoa-Überlebende

Halt und Heimat

von Lisa Borgemeister

Weiße Tischtücher verdecken die zusam- mengeschobenen Tische des mit Stuck verzierten Saals im dritten Stock eines Altbaus in der Frankfurter Innenstadt. Leise klirrern Tassen und Kaffeelöffel, ansonsten stört kein Geräusch die gespannte Stille. Vorne, neben der Tür, steht ein Referent und spricht über Regionalpolitik. Über Parteien und Kandidaten. In wenigen Wochen wählt Frankfurt einen Oberbürgermeister. Die rund 40 Zuhörer lauschen aufmerksam. Ihr Durchschnittsalter liegt deutlich bei über 80 Jahren. Einmal in der Woche kommen sie zum »Treffpunkt für Überlebende der Schoa und ihre Familien«.
»Wir haben uns bewusst für ein niedrigschwelliges Angebot mit Unterhaltungsprogramm entschieden«, erzählt Noemi Staszewski. Sie ist Projektleiterin des »Treff- punkts«, der vor vier Jahren von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt) als Pilotprojekt gegründet wurde. Das Konzept koordiniert die psychosoziale und medizinische Betreuung von Holocaust-Überlebenden in Frankfurt und Umgebung. »Ziel ist es nicht, dass sich die Besucher über ihre Erfahrungen austauschen«, stellt Staszewski klar. Vielmehr wolle das Team einen Raum schaffen, in dem jeder Besucher selbst entscheiden kann, ob er reden möchte oder nicht. Bei den wöchentlichen »Kaffeenachmittagen« kommen Betroffene informell und angstfrei mit Therapeuten und Sozialarbeitern ins Gespräch. Auch Einzel- und Gruppengespräche sind möglich. »Das gesamte Angebot wird sehr intensiv in Anspruch genommen«, berichtet Staszewski. Die Nach- frage übersteige beinahe die Kapazitäten des Projekts, dass sich aus Stiftungsgeldern finanziert.
Ein ähnliches Konzept verfolgt eine Interessengemeinschaft in Düsseldorf, die sich bereits seit 1994 regelmäßig trifft. Gründer der Gruppe ist der heute 71-jährige David Reusmann. An das erste Treffen erinnert er sich, »als ob es gestern gewesen wäre«: »Ich habe damals eine Anzeige in einer jüdischen Zeitschrift veröffentlicht«, erzählt er. Zwei Männer und eine Frau meldeten sich daraufhin. Heute kommen rund ein Dutzend Menschen zu den monatlichen Treffen und diskutieren über die Weltpolitik und »alles, was sie beschäftigt«. Auf die Frage nach der Intention der Gruppe beschreibt Reusmann: »Wir haben keine großen Ansprüche. Die Leute sollen eine zweite Heimat finden. Und wir wollen zeigen, dass wir am Leben sind und am Leben bleiben wollen.« Das Wichtigste sei es, den Zusammenhalt zu spüren. Alle Mitglieder der Gruppe sind ehemalige Häftlinge verschiedener Konzentrationslager, oder sie waren in Ghettos eingeschlossen. Einige sind Neuzuwanderer, andere leben seit vielen Jahren in Deutschland. »Es ist nicht immer leicht, einen gemeinsamen Nenner zu finden, allein schon wegen der Sprache«, sagt Reusmann. Doch es funktioniere. Selbst aus Krefeld, Gelsenkirchen, Mannheim und Bamberg reisen Betroffene zu den Treffen einmal im Monat.
Nur in wenigen Städten Deutschlands gibt es bislang spezielle Gruppen oder Treffpunkte für Holocaust-Überlebende. »Es sind zu wenige Menschen, die ein solches Angebot wahrnehmen könnten«, berichtet beispielsweise die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Mainz, Stella Schindler-Siegreich. Der Idee ist sie dennoch nicht abgeneigt. »Ein Austausch von Betroffenen ist prinzipiell immer hilfreich und kann besonders deren Familien stark entlasten«, sagt Schindler-Siegreich. In Leipzig sieht die Lage nach Einschätzung von Rolf Isaacsohn ähnlich aus. »Die wenigen Betroffenen kennen sich und stehen in Kontakt miteinander«, erzählt er, »aber der Holocaust spielt dabei keine Rolle. Das macht jeder mit sich selbst aus.« Den Gemeinden in Köln und Kassel ist ebenfalls kein Treffpunkt dieser Art bekannt. Zumindest keiner mit offiziellem Charakter, heißt es. Doch sei es gut möglich, dass sich entsprechende Kreise privat treffen und austauschen.
Auch in Dresden waren die Schoa-Überlebenden bislang weitgehend auf sich gestellt. Das soll sich nun ändern. Diese Woche setzt sich zum ersten Mal eine Gruppe von Betroffenen zusammen. Das Besondere: Zu dem Kreis hat die jüdische Gemeinde sowohl alteingesessene Juden als auch Zuwanderer eingeladen. »Wir hoffen auf 20 bis 25 Besucher und sind überwältigt von der großen Resonanz, die es schon vorher gibt«, erzählt Elena Tenaeva vom Sozialdienst der jüdischen Gemeinde. Sie wünscht sich, dass die Besucher miteinander in Kontakt kommen und sprachliche Barrieren keine Rolle spielen. Einen Moderator wird es nicht geben. Bei der ersten Begegnung stehen zwei Vorträge auf dem Programm, die die Atmosphäre auflockern sollen. »Es gibt diese Leute hier, und deswegen sehe ich die Notwendigkeit, einen solchen Kreis zu installieren«, sagt Tenaeva. Sollte das Treffen gelingen, könnten in einem zweiten Schritt auch die Familien mit eingebunden werden.
Das nötige Fachwissen und die Sensibilität für den Umgang mit Holocaust-Überlebenden hat Elena Tenaeva in einem Seminar des ZWSt erworben. Der Psychoanalytiker und medizinische Leiter von Amcha Israel, Nathan Durst, lehrt dort seit geraumer Zeit über die »Arbeit mit Holocaust-Überlebenden der ersten und zweiten Generation«. Zielgruppe der Fortbildungen sind in erster Linie Mitarbeiter von jüdischen Altersheimen – und die Sozialdienste der jüdischen Gemeinden. Auch am Aufbau des Pilotprojekts in Frankfurt am Main war Nathan Durst maßgeblich beteiligt. Dass ein solches Projekt erfolgreich funktionieren kann, zeigt die Praxis im »Treffpunkt«, bei dem jede Woche rund 40 bis 50 Menschen zusammenkommen.

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