fussball-wm

hätte der iran von der fussball-wm ausgeschlossen werden müssen?

Spiele für die Mullahs

von Matthias Küntzel

Aber ja doch! Die Bundesregierung, die Europäische Union, die Sportverbände – sie alle hätten nach den Brandreden Ahmadinedschads den WM-Ausschluß des Iran beantragen müssen. Weltmeisterschaften sind immer auch politische Ereignisse: Hier treten die Spieler, Trainer und Funktionäre als Repräsentanten ihres Landes auf. Nirgendwo aber sind Sport und Politik enger verknüpft als im Iran. Innenpolitisch haben die Mullahs die Zuschauerränge der Stadien bei nationalen Begegnungen für Frauen gesperrt. »Nach islamischer Ansicht ist der Blick einer Frau auf einen Mann, auch wenn dabei keinerlei Vergnügen im Spiel ist, nicht zulässig«, bestätigte letzten Monat Großajatollah Golpajegani. Ist ein Stadien-Verbot für mehr als 50 Prozent der Bevölkerung mit den Grundsätzen des Fuß- ball-Weltverbands FIFA vereinbar?
Außenpolitisch gilt dem Iranischen Olympischen Komitee zufolge die Anweisung, alle Sportler des »zionistischen Regimes« zu boykottieren. Dieser Israelboykott verletzt die Regeln der internationalen Sportverbände und wird deshalb notdürftig kaschiert. So ließ sich bei den letzten Olympischen Spielen der iranische Judokämpfer Arrash Miresmaili wegen Übergewichts disqualifizieren, um seinen israelischen Gegner nicht berühren zu müssen. Das Regime feierte ihn dafür und überhäufte ihn mit Geld. Oder Irans Nationalfußballer Vahid Hashemian. Als er noch bei Bayern München war, befiel ihn vor einem Spiel gegen Maccabi Tel Aviv eine rätselhafte Krankheit, die ihn vor dem abrupten Ende seiner Karriere bewahrte. Natürlich weiß die FIFA, was hier gespielt wird. Dennoch hat sie diese Praxis bislang als eine Macke abgetan und toleriert. Inzwischen sollten Ahmadinedschads Vernichtungsdrohungen gegen Israel selbst diesen Funktionären klargemacht haben, daß Irans Boykottpolitik antisemitisch und mit seiner FIFA-Mitgliedschaft nicht zu vereinbaren ist.
Sport soll Menschen unterschiedlichster Regimes und Regierungen zusammenbringen – so auch die Fußball-WM 2006. Wenn aber ein Mitgliedsstaat der Vereinten Nationen die Auslöschung eines anderen lautstark propagiert und zur Weltmeisterschaft gleichwohl zugelassen wird, ist es um die völkerverbindende Kraft des Sports geschehen. Spanien, Rumänien und die Ukraine sagten nach Ahmadinedschads Brandrede gegen Israel ihre im Iran vorgesehenen Spiele ab. Bravo! Die grünen Politiker Daniel Cohn-Bendit und Volker Beck forderten nach Ahmadinedschads Holocaust-Leugnung den WM-Ausschluß, um »dem Iran zu zeigen, daß es so nicht geht und so nicht ohne Konsequenzen bleibt.« Genau!
Es gibt viele unterdrückerische Regimes in der Welt. Eine Regierung, die nuklear aufrüstet und den Holocaust als »Mythos« verlacht, gab es bisher nicht. Ihr ist alles zuzutrauen. Sie hat sich aus der Gemeinschaft, die wir als die »Vereinten Nationen« kennen, herauskatapultiert. Ahmadinedschad sagt, was er tun will und ver- sucht zu tun, was er sagt. So entschlossen und zielstrebig er den Takt vorgibt, so zaghaft und beschwichtigend reagiert die EU. Wenn Ahmadinedschad die Europäer zum Dank als »kläffende Hunde« und »alt gewordene Löwen mit faulenden Mähnen« verlacht, wird die Beschwichtigung nur verstärkt. Die wohlbekannte Psychologie des Appeasements beherrscht den Raum.
Doch die Zeit läuft! Wer neue Kriege verhindern will, muß die politische Ächtung des Regimes in Teheran forcieren. Innenpolitisch ist der Iran in Aufruhr. Die Unzufriedenheit wächst. Konkrete Boykottmaßnahmen stärken diesen Widerstand, weil sie beweisen, daß der Kurs des Präsidenten das Land isoliert. Der Verzicht darauf stärkt das Regime und bestärkt es in seiner Wahnvorstellung, historisch im Recht zu sein.

Freiraum Stadion

von Martin Krauss

Sport habe etwas mit Politik zu tun? Das weiß man im Iran besser. »Es ist eine kindische Haltung, der zionistischen Propaganda zu folgen, die den iranischen Fußball unter dem Vorwand, der Iran ver- mische Sport und Politik, verdrängen will«, erklärte ein Sprecher des iranischen Außenministeriums zu europäischen Forderungen, den Iran wegen seines geheimen Atomprogramms und der anti-israelischen Äußerungen seines Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad von der Fußball-WM auszuschließen.
Der Iran will also bloß spielen.
Aufgekommen ist die »kindische Haltung der zionistischen Propaganda« wohl auch, weil Frauen iranische Stadien nicht betreten dürfen, wie jüngst noch einmal bekräftigt wurde. Oder weil das staatliche Fernsehen alle Bilder von, wie es dann heißt, unmoralisch gekleideten Frauen, zensiert – unter anderem Heidi Klum bei der aus Leipzig übertragenen Auslosung der Turniergruppen für die Fußball-Weltmeisterschaft. Oder weil Präsident Ahmadinedschad als eine seiner ersten Amtshandlungen Plakate des englischen Su- perstars David Beckham entfernen ließ. Diese Beispiele sind aktuell, dabei behauptet doch alle Welt, daß Fußball und Politik nichts miteinander zu tun hätten.
Auch beim Welfußballverband FIFA trennt man »ganz klar zwischen Politik und Sport«, wie ein Sprecher sagt. Und die deutsche Politik trennt sowieso: »Was können die iranischen Fußballer und ihre Fans dafür, daß ihr Staatspräsident verabscheuungswürdige Äußerungen macht?«, fragt Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU). Wenn er kommen wolle, ließ Schäuble verkünden, dann sei Ahmadinedschad willkommen.
Neben den verabscheuungswürdigen Äußerungen gehört zum Iran des Jahres 2006 auch das forcierte Atomprogramm, das dem erklärten Willen von Präsident Ahmadinedschad, Israel »von der Landkarte zu tilgen« beunruhigende Nahrung gibt. Und um die Frage, was Fußballer und Fans dafür können, gleich noch mitzubeantworten: Mahmud Ahmadinedschad erhielt 61 Prozent der Wählerstimmen. Bei den letzten Olympischen Spielen in Athen 2004 weigerte sich der iranische Judo-Weltmeister Arash Miresmaeili, gegen den Israeli Ehud Vaks anzutreten. Zum obligatorischen Wiegen kam der Iraner absichtlich mit Übergewicht, um sich disqualifizieren zu lassen. Der damalige Präsident Khatami lobte die Verweigerung: »Der Name von Arash Miresmaeili wird in die iranische Geschichte eingehen als eine Quelle des Stolzes für das Land.«
In Deutschland gibt es Stimmen, die den Ausschluß des Iran von der WM fordern. Einer ihrer Unterstützer, Daniel Cohn-Bendit von den Grünen, glaubt, das »würde eine ernsthafte Debatte im Iran auslösen« und letztlich zum Regimewechsel führen. Er denkt also an ein volkspädagogisches Experiment, wie man es von überforderten Eltern kennt: Wegsperren des Balles soll ein besseres Verhalten des renitenten Zöglings bewirken.
Mit so einem Experiment soll nun die Demokratisierung und Zivilisierung des Irans erreicht werden? Das wird nicht gelingen. Das einzige Ergebnis wäre eine Gratissanktion, die niemandem wehtut – weder dem Iran noch der deutschen Exportwirtschaft. Mit solch einer gefühlten Härte könnte man vor der Weltmeisterschaft auch noch gegen die Teilnehmerländer Saudi-Arabien, die Elfenbeinküste oder gegen Serbien-Montenegro vorgehen.
Die Politik soll aber dem Fußball nichts befehlen. Denn den Fußball gibt es genau so lange, wie es die bürgerliche Gesellschaft gibt, und er war schon immer subversiv. Wer das nicht glaubt, sollte gerade in den Iran schauen. Diejenigen Proteste, die die Mullahs am meisten erschüttert haben, gab es bei Fußballspielen: bei Auseinandersetzungen der großen Teheraner Vereine oder bei Länderspielen. Rufe wie »Nieder mit der islamischen Republik« hört man am häufigsten im Freiraum Stadion. Die zum Teil militanten Versuche von Frauen, in die Fußballstadien zu gelangen, gehören zu den wirkungsvollsten Protesten gegen das Mullahregime.
Kein Zufall also, daß Ahmadinedschad kurz vor der WM dieses Verbot, das er selbst jahrelang betrieben hatte, lockern wollte. Und kein Zufall ist es auch, daß die im Lande noch mächtigeren Mullahs ihn daran hinderten.
Eben weil der Fußball politisch ist, soll der Iran bei der Weltmeisterschaft in Deutschland dabei sein. Der Iran braucht die volle Pulle Fußball, wenn er zu einer demokratischen Gesellschaft werden soll, von der keine Gefahr mehr ausgeht. Gespielt von Männern in kurzen Hosen, bejubelt von Männern und Frauen in »unmoralischer Kleidung« auf der Tribüne und im Fernsehbild; typische Schmähgesänge inklusive!
Wer nur, weil sich Europäische Union und Vereinte Nationen nicht auf wirksame Sanktionen gegen das Regime einigen können, auf sportlichen, also symbolischen Sanktiönchen besteht, hat den Fußball nicht begriffen.

Anita Lasker-Wallfisch

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