stuttgart

Gute Noten

Daniel (10) streckt den schlanken Körper auf dem Stuhl aus, verschränkt die Arme und hört seiner Mitbewerberin aufmerksam zu. Erstaunlich, welche Klangfülle die acht‐jährige Katrin Ikhelman aus dem Kawai‐Flügel zaubert. Die musikalische Vitalität, die technische Perfektion der Leipzigerin begeistert Zuhöher wie Jury im Gemeindesaal der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg in Stuttgart (IRGW). Am Ende eines langen Tages wird ihr die Jury an diesem Sonntag beim 3. Karl‐Adler‐Musikwettbewerb den ersten Preis ihrer Altersgruppe zuerkennen.

konzentration Doch jetzt steht David Morschanskis Klavierspiel auf dem Prüfstand. Täglich zwei Stunden übt der zehnjährige Stuttgarter, das Eiskunstlaufen hat er zugunsten der Musik aufgegeben. Nur vom Salsa‐, Cha‐Cha‐ und Meringue‐Tanzen beim Tanzsportzentrum Feuerbach will er nicht lassen – David ist ein lebhafter Junge. Joseph Haydns Sonate in G‐Dur, Felix Mendelssohn‐Bartholdys Venezianisches Gondellied und Sergej Prokofievs Tarantella Op. 65 hat er mit seiner Lehrerin Nela Jussow als Wettbewerbsbeiträge ausgesucht. David spielt konzentriert, ohne größere Patzer, Vater Pavel Morschanski filmt mit der Kamera. Als der Sohn mit einem leisen Lächeln zum Vater zurückkehrt, klopft dieser ihm anerkennend auf den Rücken. Beim Musikwettbewerb vor einem Jahr hatte die Jury David den dritten Platz in seiner Altersgruppe zuerkannt. Weil der Stuttgarter das Klavierspiel liebt und seine Eltern seine Leidenschaft unterstützen, bekommt David an der Musikschule nun zweimal Einzelunterricht pro Woche. Auf die Frage nach seinem Lieblingspianisten antwortet David ohne nachzudenken »Franz Liszt«. Und vor dem Wettbewerb haben Vater und Sohn ge‐
meinsam CDs von Glenn Gould und Keith Jarrett gehört. »So machen die das«, hat Pavel Morschanski seinem Sohn gesagt.
43 Kinder und Jugendliche nehmen in diesem Jahr am Karl‐Adler‐Jugendmusikwettbewerb der IRGW zu Ehren des jüdischen Musikwissenschaftlers Karl Adler sel. A. teil. Fast alle stammen aus Zuwandererfamilien, der Zugang zur deutschen Gesellschaft fällt vielen schwer. »Der Karl‐Adler‐Wettbewerb ist eine sehr geeignete Förderung für unsere musikalischen Kinder«, sagt Margarita Volkova‐Mendzelevskaya. »Wir sehen von Jahr zu Jahr, wie das Niveau steigt«, so die Klavierpädagogin und künstlerische Leiterin des Wettbewerbs. Die Kinder seien sehr glücklich, die Eltern motiviert, sich konsequent um einen guten Instrumentalunterricht zu kümmern. Dafür lohne sich auch der ehrenamtliche Einsatz der Jury, zu der in diesem Jahr neben Margarita Volkova‐Mendzelevskaya bekannte Musikprofessoren und Dozenten wie Shoshana Rudiakov, Fanny Solter, Leonid Schick, Julia Vamosi, Michael Wieck, Nachum Erlich, Samuel G. Mateescu und Dmitri Rudiakovj gehören.

talentsuche Inzwischen hat sich der Stuttgarter Talente‐Wettbewerb zur Förderung jüdischer Kinder und Jugendlicher, der finanziell nur durch Sponsoren getragen wird, auch außerhalb der baden‐württembergischen Landeshauptstadt einen Namen gemacht. Bis aus Leipzig, Köln und Bonn kommen in diesem Jahr die Teilnehmer, um ihr Talent unter Beweis zu stellen. Doch woran erkennt die Jury ein frühes Talent? »An der Intensität des Spiels, am Klang, am Temperament, an der guten Technik. Ein begabter Mensch kann das alles schon in sehr jungen Jahren zeigen, bei einem weniger begabten dauert es länger«, sagt die Organisatorin. Und dass es zur vollen Talententfaltung auch einen guten Lehrer braucht.
»Die Begründung zu ihrem Preis eröffnet den Kindern Perspektiven für ihre künstlerische Entfaltung«, sagt die engagierte Musikpädagogin. Erstmals war der Wettbewerb mit den Kategorien Streich‐ und Zupfinstrumente sowie Klavier und Gesang auch für Bläser geöffnet. »Absolut fantastisch« sei Alexander Krimer auf der Oboe gewesen, schwärmt die Stuttgarterin. Der knapp 14‐Jährige aus Bonn er‐
spielte sich den ersten Preis für außergewöhnliche Leistungen und wurde dafür mit einem Preisgeld von 350 Euro belohnt.
Ihm stellt die Jury außerdem einen Konzertauftritt mit dem Sinfonieorchester der Universität Stuttgart unter Leitung von Veronika Sterzenbach in Aussicht. Auch Leo Esselson aus Heidelberg soll diese Ehre zuteil werden. Das knapp 10‐jährige Geigentalent aus Heidelberg überzeugt die Jury so, dass sie ihm einstimmig einen ersten Preis (350 Euro) und zusätzlich den Sonderpreis. der mit 130 Euro datiert ist, für die beste Interpretation eines Werkes jüdischer Komponisten verleiht.

sonderpreise Der 17‐jährigen Miriam Abramovici indes ist der Auftritt mit dem Stuttgarter Orchester schon ganz sicher. Die mit dem 1. Preis in ihrer Altersgruppe ausgezeichnete Geigerin überzeugt wie im vergangenen Jahr mit ihrem reifen musikalischen Vortrag. »Wir hatten zunächst nur an ein Konzert mit dem Uni‐Orchester gedacht, aber nun wollen wir unseren drei Besten diese Chance geben«, sagt Volkova‐Mendzelevskaya. David Morschanski er‐
hält wie im Vorjahr den dritten Preis in seiner Altersgruppe. Am kommenden Sonntag, dem 28. Juni, geben alle Preisträger um 15 Uhr im Saal der jüdischen Gemeinde, Hospitalstraße 36, ein Abschlusskonzert.

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