Fernsehlegende

»Gute Nacht, wir sind fertig«

von Michael Borgstede

Hatte Haim Javin wirklich gedacht, er könne sich nach 40 Jahren fast allabendlicher Bildschirmpräsenz so nonchalant verab‐
schieden? »Gute Nacht, wir sind fertig«, beendete er in der vergangenen Woche seine letzte Moderation der Mabat‐Fernsehnachrichten und schien für einen Moment ernsthaft zu hoffen, seine Kollegen würden – wie an jeden Abend der vergangenen 40 Jahre – einfach die Schlussmelodie einspielen. Doch da hatte er sich geirrt: Statt dem Mabat‐Jingle teilte sich der Bildschirm plötzlich in vier Teile und die zugeschalteten Konkurrenten von den Kanälen 2 und 10 überhäuften den 75 Jahre alten Fernsehveteranen mit Superlativen.
Schon während der Nachrichtensendung hatte es kaum einen zugeschalteten Korrespondenten gegeben, der nicht einige persönliche Worte zum Abschied Javins verloren hätte. Wirtschaftskorrespondent Nechemia Strasler spielte auf das erstaunlich jugendliche Äußere der TV‐Legende an: »Der Dollar ist dramatisch gefallen, aber du, Haim, scheinst dich überhaupt nicht zu verändern.« Sogar auf der Wetterkarte waren an diesem Dienstag keine Hoch‐ und Tiefdruckgebiete zu sehen, sondern das Konterfei des Nachrichtensprechers. So viel persönliche Emotionen hatte es im Mabat‐Nachrichtenstudio wohl noch nie gegeben.
Der Einzige, der sich davon weitgehend unberührt zeigte, war Haim Javin selbst. Genau genommen schien ihm das ganze Abschiedstheater manchmal sogar etwas unangenehm zu sein. Für Javin sind Nachrichten eben Nachrichten, und der Abgang eines Nachrichtensprechers – sei es auch nach 40‐jähriger Berufstätigkeit – ist in seinem Universum eben eigentlich keine Nachricht wert, geschweige denn eine Sondersendung.
Er konnte dennoch nicht verhindern, dass sein Kollege Igal Ravid ihn nach der Nachrichtensendung aus der Kulisse holte und sich mit ihm im Kreise alter Bekannter auf ein Sofa setzte, um vor laufender Kamera die vergangenen Jahrzehnte Revue passieren zu lassen.
1932 in Oberschlesien als Heinz Kluger geboren, begann Javin (eine Hebräisierung von Kluger, wörtlich »Er wird verstehen«) seine Karriere 1956 beim Radio. Bei der Gründung des israelischen Fernsehens war er von Anfang an dabei, seit der ersten Sendung von Mabat im Juli 1968 stand er auch vor der Kamera und verlas die abendlichen Nachrichten mit der für ihn typischen zurückgenommenen Unaufgeregtheit. Irgendwie wirkte Javin immer ein wenig emotionslos, gerade so, also gingen ihn all die schrecklichen Nachrichten selbst gar nicht an. Vielleicht strahlte er aber auch gerade deshalb eine unanfechtbare Autorität aus, die keinen Zweifel daran ließ, was wirklich wichtig war. Unterhaltsam war Javin nicht, niemals lustig und ganz bestimmt nicht cool. Aber man konnte sich darauf verlassen, dass er keinen Unsinn erzählte. Igal Ravid traf den Nagel auf den Kopf als er Javin als ein »menschliches Naturschutzgebiet« bezeichnete. Ein Naturschutzgebiet für die in der israelischen Medienwelt so rar gewordenen Eigenschaften wie Bescheidenheit, Unabhängigkeit, berufliche Integrität, und Unaufgeregtheit. So geht mit Haim Javin auch der letzte Nachrichtensprecher, der den hebräischen Buchstaben Resch noch so aussprach, wie es sich eigentlich gehört und doch kaum mehr zu hören ist: gerollt nämlich. Er ist schon so lange im Geschäft, dass sein Alter Ego in der Satiresendung »Eretz Nehederet« pausenlos Korrespondentenberichte von Mitarbeitern einfordert, die sich seit Jahrzehnten im Ruhestand oder gar auf dem Friedhof befinden.
Kein Wunder, dass Politiker aller Parteien ihm in Videobotschaften für seinen Einsatz dankten und ihm alles Gute für die Zukunft wünschten. Ganz nebenbei enthüllte ausgerechnet Ministerpräsident Olmert dann auch, dass Javin als junger Mann einige Zeit in der ersten israelischen Liga Fußball gespielt hatte. Ein Politiker der sefardisch‐orthodoxen Schas‐Partei wusste zu berichten, dass Javin der Enkel des Maggid von Brody sei und der Vorsitzende der Rentner‐Partei lud Javin gar zur Kandidatur auf der Liste seiner Partei ein – schließlich sei er mit 75 Jahren gerade alt genug dafür. Sogar Oppositionsführer Benjamin Netanjahu fand freundliche Worte, obwohl Javin sich bei der israelischen Rechten spätestens mit seinem kritischen Dokumentarfilm »Im Land der Siedler« sehr unbeliebt gemacht hat. Nach der Ausstrahlung des mehrteiligen Filmes im Zweiten Kanal vor drei Jahren gab es in Israel heftige Diskussionen: Darf ein der Objektivität verpflichteter Nachrichtensprecher einen solch offensichtlich subjektiven Film veröffentlichen, fragten viele? »Man darf«, entgegnete Javin und berief sich auf seinen Vertrag. Seine mehr als 80 Dokumentarfilme seien eben seine persönlichen »Kommentare« zu den Nachrichten. Der Siedlerrat »Jescha« forderte dennoch seine Entlassung. Die Direktion des staatlichen Fernsehens reagierte souverän und ließ Javin eine Diskussionsrunde über den geplanten Rückzug aus dem Gasastreifen moderieren. Javin absolvierte das mit ge‐
wohnter Objektivität, seine gerade offenbarte Abneigung den Siedlern gegenüber war ihm nicht eine Sekunde anzumerken. Danach ging der Diskussion um seine Ent‐
lassung schnell die Luft aus.
Auch der nächste Dokumentarfilm wird sicherlich wieder viel Staub aufwirbeln: er handelt vom Leben der in Israel lebenden Araber, verriet Javin zu seinem Abschied. Vollkommen vom Bildschirm verschwinden wird er also nicht, auch wenn er die Zukunft seines Mediums nicht besonders optimistisch sieht. Das Fernsehen sei heute »ein großer Unterhaltungssalat«, sagte er in seiner Abschiedsshow. »Eine Sängerin lässt sich die Haare schneiden und das ist eine Nachricht?«, fragte er jüngst in einem Interview, als sowohl der Zweite Fernsehkanal als auch die Zeitung Yedioth Ahronoth – gleich auf der ersten Seite – über den neuen Haarschnitt einer ehemaligen Gewinnerin von Kochav Nolad, der israelischen Version von »Deutschland sucht den Superstar«, berichteten.
Javin fürchtet, die Zuschauer könnten längst nicht mehr unterscheiden, was wichtig sei und was nicht. Mit seinem Abgang gibt es nun noch einen Menschen weniger, der ihnen dabei hilft.

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