10.000 BC

Gruß aus der Steinzeit

von Detlef David Kauschke

Am Dienstag vergangener Woche wurde am Potsdamer Platz in Berlin mal wieder der rote Teppich ausgerollt. Filmpremiere! Vorgestellt wurde der Hollywood-Streifen 10.000 BC. Diese Geschichte eines Mammutjägers soll der aufregendste und interessanteste Beitrag im Kinojahr 2008 werden, heißt es in den Ankündigungen. Ver- filmt wurde das Steinzeit-Epos von Regisseur Roland Emmerich, der schon mit The Day after Tomorrow Erfolge feierte. Was am Tag nach Morgen (The Day after Tomorrow) kommt, wissen gläubige Juden nicht ganz genau. Doch sie hoffen. Auf die baldige Ankunft des Messias. Aber was vor »10.000 BC« war, wissen sie ganz genau: Gott, sonst nichts. Denn die Schöpfung liegt nach jüdischer Zeitrechnung gerade erst 5.768 Jahre zurück.
Da müssten sich gläubige Juden beim Blick auf das Filmplakat also gleich zweimal die Augen reiben. Denn wenn man das »BC« (before Christ) als »moderne Zeitrechnung« übersetzt, kommen wir auf insgesamt 12.008 Jahre, die das im Film dargestellte Geschehen – der junge Jäger D’Leh (Steven Strait) stürzt sich für die wunderschöne Evolet (Camilla Belle) in gefahrvolle Abenteuer – zurückliegen soll. Ein klarer Widerspruch zur jüdischen Tradition. Kann es nach rabbinischer Meinung eine Steinzeit mit Mammuts und Säbelzahntigern überhaupt geben?
Die Epoche der Steinzeit erstreckt sich – nach wissenschaftlicher Auffassung – vom Ursprung der Menschheit vor ungefähr 2,5 Millionen Jahren bis hin zu den Anfängen der Metallzeit vor etwa 4.000 Jahren. Zudem behauptet die Wissenschaft, die Erde sei bereits 4,5 Milliarden Jahre alt.
Der Braunschweiger Gemeinderabbiner Jonah Sievers sieht keinen Widerspruch zur Lehre der Tora. Denn es gibt »eine religiöse und eine wissenschaftliche Wahrheit«. Auch die Schöpfungsgeschichte selbst sei eher allegorisch und nicht wortwörtlich zu verstehen. Und diese beiden Wahrheiten, so Sievers, seien intellektuell nicht immer in Einklang zu bringen. Zum Beispiel, wenn es um die Frage gehe, ob der Mensch das Produkt der Evolution ist, oder ob er so geschaffen wurde, wie wir ihn heute kennen. »Da halte ich es eher mit der Wissenschaft.« Der am Leo-Baeck-College in London, dem Rabbinerseminar für das progressive Judentum, ausgebildete Geistliche hat somit auch kein Problem mit dem Film 10.000 BC und den Fragen, die der Streifen aufwerfen könnte.
Und seine orthodoxen Amtskollegen? Avichai Apel, Gemeinderabbiner aus Dortmund, gibt sich ganz gelassen: »Warum sollte ich mir den Film nicht ansehen?« Sein siebenjähriger Sohn werde sich den Streifen bestimmt anschauen wollen. »Aber dann gehe ich mit ihm gemeinsam ins Kino. Damit ich mich auch selbst mit dem Thema beschäftige und weiß, worum es darin geht.«
Kurz gesagt geht es in 10.000 BC um die graue Vorzeit, die nach traditionell-jüdischer Auffassung eigentlich nicht vorkommen darf. Oder doch? Rabbiner Apel: »Bei der Schöpfung hat Gott die Welt in sechs Tagen geschaffen. Das ist klar. Fraglich ist, was ist überhaupt ein Tag? Für uns dauert ein Tag 24 Stunden, eine Stunde 60 Minuten, eine Minute 60 Sekunden. Aber Gottes Zeit ist anders. In den Tehillim, den Psalmen, gibt es eine bekannte Stelle, in der es heißt, dass ein Tag Gottes für uns wie 1.000 Jahre sei. Es gibt also keine Möglichkeit, den zeitlichen Maßstab Gottes zu messen.« Wie lange also die Tage der Schöpfung gedauert haben – ob es wo-
möglich Millionen oder noch mehr Jahre waren – ist ungewiss. »Sicher ist aber: Gott hat die Welt in sechs Tagen geschaffen. Es gab keinen Entwicklungsprozess von Milliarden Jahren.«
Auf die Relativität der Zeit in der Schöpfungsgeschichte verweist auch der Düsseldorfer Rabbiner Julian-Chaim Soussan: »Betrachten wir die ersten Tage. So lange es keine Sonne und keinen Mond gibt, ist Zeit sowieso nicht nachvollziehbar. Die wurden aber erst am vierten Tag geschaffen. Somit sind die ersten drei Tage zeitlos. Denn nach unserer Definition ist ein Tag bezogen auf die Erdumdrehung, auf das Aufgehen und Untergehen der Sonne.«
In verschiedenen Büchern hat sich auch der orthodoxe US-amerikanische Physiker und Geologe Gerald Schroeder mit dieser Frage auseinandergesetzt. Er schreibt, dass noch im Jahr 1959 eine Umfrage unter Wissenschaftlern in den USA die vorherrschende Meinung zeigte, nach der das Universum überhaupt kein Alter habe. Sechs Jahre später, nach Bekanntwerden der Urknall-Theorie, habe sich das geändert. Nun seien alle davon überzeugt gewesen, dass das Universum mehrere Milliarden Jahre alt sei. Auf jeden Fall ist die Bibel damit bestätigt worden: Die Welt wurde aus dem Nichts geschaffen. Der erste Teil des ersten Satzes der Tora, so schreibt Schroeder, wurde von der Wissenschaft bewiesen: Es gab einen Anfang. Zudem gebe es in der Tora den Hinweis, dass diese sechs Tage am Anfang auch alle Zeiten und Geheimnisse des Universums enthielten. Wie im 1. Buch Moses 2,4 geschrieben steht: »Das sind die Generationen des Himmels und der Erde, die ... geschaffen wurden.« Generationen in einem Tag? Es brauchte einen Einstein, um das zu erklären, meint Schroeder. Der habe bewiesen, wie Raum und Zeit in Relativität zueinander stünden. Aber alles in allem, so Schroeder weiter, sei es doch erst einmal nicht so wichtig, wie lange wir hier existieren. Viel wichtiger sei die Frage nach dem Warum.
Das ist auch für Rabbiner Soussan der entscheidende Punkt: »Was bringt mir die historische Erkenntnis, dass es einmal Mammuts oder Säbelzahntiger gab? Mir sagt das nichts. Aber aus der Tora kann ich moralische Lehren ziehen. Deshalb sind das zwei verschiedene Ebenen.«
Er persönlich glaubt nicht, dass die Welt älter als 5.768 Jahre ist. Und er findet es auch »etwas bemüht«, dass man auf alle Dinge, die der Tora entgegenstehen, im-
mer eine Antwort finden müsse. »Ich nehme lieber die Dinge, von denen ich weiß, dass sie Wahrheit sind, und versuche, daraus das Beste zu machen. Es ist vollkommen irrelevant, ob der erste Tag 50.000 Jahre oder länger gedauert hat. Für mich ist es eine Wahrheit, dass es sieben Tage waren. So steht es in der Tora. Daraus kann ich dann etwas ableiten. Das ist für mich relevant.« Und diese Auffassung vermittelt der orthodoxe Rabbiner auch seinen eigenen Kindern, die sie in der Form mit ihrem schulischen Lernstoff gut vereinbaren können: »Denn wenn ihre Antwort in der Physikarbeit richtig ist, und sie wissen, dass die Halbwertzeit von Plutonium soundso viele Tausend Jahre beträgt, dann ist das doch in Ordnung.« Dies bedeutet auf keinen Fall einen Widerspruch zwischen Wissenschaft und Religion: »Nein, es gibt viele Möglichkeiten, die wissenschaftliche und die religiöse Wahrheit zusammenzubringen.« Ist das Steinzeit-Epos von Roland Emmerich eine davon? »Mal sehen. Vielleicht schaue ich mir den Film ja an, wenn ich Zeit dafür habe.« Und Zeit ist ja be-
kanntlich relativ.

Vereinte Nationen

Videos mit explizitem Inhalt in der Kritik

»Schockiert und tief verstört«: UN-Chef Guterres kündigt rasche und eingehende Ermittlungen an

von Michael Thaidigsmann  28.06.2020

Österreich

Ministerin vergleicht Schoa mit Unfalltod ihres Großvaters

Dabei gilt Karoline Edtstadler eigentlich als verlässliche Partnerin der jüdischen Gemeinschaft

von Michael Thaidigsmann  25.06.2020

Kommentar

Mit dem Kreuz gegen religiöse Vielfalt

Wie das neue Humboldt-Forum zu einem Symbol Berliner Intoleranz wird

von Andreas Nachama  28.05.2020

USA

Machanot trotz Corona

In Neuengland öffnet ein Sommercamp mit besonderen Schutzmaßnahmen

 19.05.2020

Corona-Krise

Fortschritte im Dialog der Religionen

Europäische Rabbinerkonferenz: Gemeinsame Herausforderungen lösen neue Dynamik aus

 14.05.2020

Extremismus

Zentralrat der Juden warnt vor Zunahme von Verschwörungstheorien

Proteste gegen Corona-Beschränkungen locken auch Hassprediger an. Viele sehen darin eine Gefahr

 10.05.2020

Israel

Maskenpflicht verhängt

Coronavirus: Gesundheitsministerium verschärft Vorschriften. Jerusalemer Stadtviertel abgeriegelt

 12.04.2020

London

Kandidaten für den Labour-Vorsitz stellen sich vor

Bewerber beantworten Fragen zu Antisemitismus und zur Ausrichtung der Partei

von Daniel Zylbersztajn  14.02.2020

Thüringen

»Definitiv ein Dammbruch«

Zentralratspräsident Schuster zur Ministerpräsidentenwahl: »Diese Einfallstore müssen wir wieder schließen«

 11.02.2020