Dani-Karavan-Schau

Großprojekte im Kleinformat

von Bettina Piper

Es ist eine doppelte Premiere: Zum ersten Mal ist in Deutschland dem Künstler Dani Karavan eine umfangreiche Retrospektive gewidmet. Und zum ersten Mal zeigt das Tel Aviv Museum of Art eine Ausstellung auf deutschem Boden, die auch als Beitrag zum 60. Geburtstag Israels gedacht ist. Bis zum 1. Juni ist im Berliner Martin-Gropius-Bau in 20 Räumen und auf 2.000 Quadratmetern die Arbeit des mit unzähligen internationalen Preisen ausgezeichneten israelischen Environment-Künstlers zu sehen, der einer der weltweit gefragtesten Gestalter öffentlicher Plätze und Gedenkstätten ist.
Am Eingangsportal hat Karavan eine Mauer aus dunklen Holzbohlen installiert, welche die Treppe versperrt und damit auf den historischen Kontext des Ausstellungsorts Bezug nimmt: Gegenüber liegt der ehemalige Preußische Landtag, zu DDR-Zeiten Stasi-Abhörzentrale und heute Sitz des Berliner Abgeordnetenhauses. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich auch das Dokumentationszentrum »Topographie des Terrors« am Ort des früheren Reichssicherheitshauptamts. Karavan bezieht in zwei Ausstellungsräumen den Fensterausblick auf diese »Schlachtfelder der Geschichte« in seine Arbeit mit ein.
Dani Karavan versteht sich als politischer Künstler. Sein erstes großes Werk war das 1968 vollendete Negev-Monument in Beerschewa, das an den israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948/49 erinnert. Internationale Aufmerksamkeit erregte seine Walter Benjamin gewidmete Arbeit »Passages« (1990-1994) im südfranzösischen Portbou, wo sich der Philosoph auf der Flucht vor den Nazis 1940 das Leben nahm: ein schmaler, schräg in den Felsen gehauener Korridor über dem Meer, dessen Treppenstufen steil hinab in die Tiefe führen.
Viele seiner bedeutendsten Installationen hat Karavan in Deutschland realisiert: »Ma’alot« in Köln (1979-1986), die »Straße der Menschenrechte« in Nürnberg (1989-1993), »Mima’amakim« in Gelsenkirchen (1997), »Grundgesetz 49« in Berlin (1997-2002) und zuletzt »Mizrach« (1997-2005) in Regensburg, ein Bodenrelief am Ort der im 16. Jahrhundert zerstörten Synagoge. Dieses Jahr wird in Berlin nahe dem Reichstagsgebäude der Grundstein für Karavans lange umstrittenes Mahnmal gelegt, das an die in der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma erinnern soll.
Dank solcher Arbeiten gilt der 77-Jährige als künstlerischer Brückenbauer zwischen Israel und Deutschland. Dabei hatte der Sohn einer polnisch-jüdischen Familie, die zahlreiche Angehörige in der Schoa verlor, sich geschworen, nie im Land der Täter auszustellen. 1977 folgte er dennoch einer Einladung zur documenta 6 – und kam dann immer wieder nach Deutschland. Inzwischen ist dieses Land zu einem Zentrum seiner künstlerischen Arbeit geworden.
Karavans Stärke liegt in der Gestaltung von Gedenkorten in der Natur. Seine Fähigkeit, Landschaft als abstrakte Form zu begreifen und Form in Landschaft zu verwandeln, zeichnet die Qualität seiner Kunst aus. »Was ich mache, soll Teil dessen werden, wo es steht, und zwar so, als wäre es immer schon da gewesen und als könnte es gar nicht anders sein«, sagt er. Mit künstlerischen Mitteln spürt der Isra-eli die Geschichtlichkeit und das Erinnerungspotenzial eines Ortes auf und öffnet es für den Menschen. Seine Materialien sind Stein, Holz, Eisen, Sand und Beton, aber vor allem Licht, Wasser, Rasen, Bäume. Kontrastiert werden sie mit Karavans rein geometrischem Formenvokabular: Kreise, Quadrate, Kuben, Zylinder, Pyramiden. Innerer Maßstab der Environments aber ist stets der Mensch: Er soll auf den Installationen herumgehen, sie beklettern, bespielen und berühren dürfen. Landschafts- und Stadträume werden so zu neuen Erfahrungsräumen, öffentlichen Treffpunkten oder Orten für Stille und Einkehr.
Aber kann man solche Kunst im Raum in Museumsräumen adäquat darstellen? Sicher, die Retrospektive gibt einen umfassenden Überblick über Karavans Schaffen seit den 60er-Jahren. Dem Besucher begegnet ein vielseitiger Bildhauer, Maler, Desig-ner, Zeichner und Bühnenbildner. Doch als Schöpfer einer neuen, besonderen Art von Denkmalkunst wird der Künstler nicht wirklich fassbar. Seine Hauptwerke sind im Gropiusbau nur als architektonische Modelle, Reliefs, Fotografien und Filme im Kleinformat zu sehen. Auch die eigens für die Berliner Ausstellung entwi-ckelten Installationen, die Karavans Arbeitsweise und den Umgang mit bestimmten Materialien und Metaphern veran- schaulichen sollen, sind notgedrungen kleinformatig.
Der Künstler selbst schien bei den Eröffnungsfeierlichkeiten vergangene Woche mit dem Gezeigten auch nicht richtig glücklich. Karavan wirkte geradezu unbeteiligt, als ob er sich mit seiner Retrospektive nur bedingt identifizieren könne: »Die Ausstellungen sind meist Aufträge. Aber manchmal möchte ich eben zeigen, was ich bisher gemacht habe. Das ist mit ortsspezifischen Arbeiten sehr schwierig.«
Dazu passt auch das vielleicht eindru-cksvollste unter allen Exponaten: eine Liste von unvollendeten und deshalb nur namentlich auf einer großformatigen Wandtafel erwähnten Arbeiten Karavans. Es sind Projekte aus aller Welt, die zwar bis ins Detail vorbereitet, geplant und genehmigt, jedoch niemals realisiert wurden. Vielleicht ist auch dies ein Zeichen dafür, dass man Karavan und seine Kunst besser nicht in ein Museum sperrt. Wer einen authentischeren Eindruck von seiner Arbeit gewinnen möchte, muss nach der Schau nur eine Viertelstunde laufen, um am Spreeufer die Installation »Grundgesetz 49« anzusehen – in Lebensgröße statt im Modell.

Dani Karavan – Retrospektive. Bis 1. Juni im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin www.gropiusbau.de
Zur Ausstellung ist ein Katalog im Ernst Wasmuth Verlag erschienen (Ausstellungsausgabe 25,00 €, Buchhandelspreis 49,80 €)

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