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»Gott hat geholfen«

von Heidi Hechtel

Galina Pendler ist glücklich. Endlich eine neue Wohnung! Größer und schöner als die alte, sogar mit Balkon und dabei noch 100 Euro billiger. Ruhig und fast idyllisch ist sie in einem Quartier mit viel Flair und Atmosphäre mitten in der Großstadt Stuttgart gelegen. Und selbstverständlich höchstens 15 Minuten Fußweg von der Synagoge entfernt. Wichtige Voraussetzung für den Wohnungswechsel, denn die Familie ehrt den Schabbat und seine Gesetze. »Gott hat geholfen«, sagt die 60jährige und strahlt. Das Stuttgarter Amt für Wohnungswesen wirkte dabei allerdings auch ein bißchen mit. Ihr Gottvertrauen hat Galina Pendler durch ihr bewegtes Leben begleitet und nie verlassen, seit sie 1946 in der Ukraine auf die Welt kam.
Hineingeboren in eine tiefreligiöse Familie, die am Glauben festhielt, auch wenn das in der feindlichen Stimmung des kommunistischen Regimes der Sowjetunion Heimlichkeit erforderte. »Mein Vater war Chef der Post«, erzählt die 60jährige. Also sogar in einer offiziellen und staatlichen Position. »Aber wir haben trotzdem Mazzot gebacken.« Ihrer Familie waren religiöse Regeln und Traditionen immer wichtig. Nicht anders hielt es die Familie ihres Mannes Michael, den sie bei der Verlobung eines Freundes kennengelernt hatte und mit dem sie jetzt 37 Jahre verheiratet ist. »Ich weiß noch, wie ich als Kleinkind mit dem Großvater in die Synagoge gegangen bin«, erinnert sich Michael Pendler.
In Galinas Familie wurde nicht nur russisch, sondern auch jiddisch gesprochen. Eine Sprache mit mittelhochdeutschen Wurzeln, wenn auch in hebräischen Buchstaben geschrieben. »Das hat es mir leichter gemacht, Deutsch zu lernen«, sagt Galina. Sicher auch ihre lebhafte und unbe- kümmerte Art, einfach draufloszureden, ohne Hemmungen vor grammatikalischen Fehlern, wie es ihr der Lehrer im Deutschkurs geraten hatte. Ihre Offenheit mag ihr die Integration in die neue Heimat Deutschland erleichtert haben.
1996 hatten sich Galina und ihr Mann Michael entschieden, das heimatliche Vinnitsa in der Ukraine zu verlassen und das deutsche Angebot wahrzunehmen, das Juden aus der ehemaligen Sowjetunion als sogenannte Kontingentflüchtlinge einreisen ließ. Zusammen mit Tochter Rima und der damals zweijährigen Enkelin Anna.
»Das jüdische Leben hatte zwar seit der Perestroika mehr Freiheiten, aber die wirtschaftlichen Probleme waren geblieben«, begründet die Familie den Entschluß. Zurück blieben Galinas betagte Mutter und der ältere Bruder. »Der jüngere war schon früher nach Israel ausgereist und arbeitet jetzt als Arzt in Jerusalem.« Auch Pendlers zog es ursprünglich dorthin, sie mußten den Traum dann aber aufgeben. »Meine Gesundheit«, erklärt Galina. Sie leidet an zu hohem Blutdruck, das Klima des Mittelmeerlandes hätte ihr zu schaffen gemacht. Nicht mal eine Flugreise nach Israel traut sie sich zu. »Deswegen habe ich meinen Bruder seit 16 Jahren nicht mehr gesehen«, bedauert sie.
Nach der üblichen Etappe in einem Übergangswohnheim – »nur einen Monat lang« – wurde Erfurt die erste Station der Pendlers in Deutschland. »Dort war es sehr schön.« Sie schwärmt von der Wohnung direkt gegenüber der Synagoge, dem nachbarschaftlichen Zusammenhalt im Haus und den vielen, auch nichtjüdischen, Freunden, die beim Abschied sogar geweint hätten, bis Tochter Rima energisch auf das Hier und Heute pochte: »Mama, in Stuttgart ist es auch sehr schön!« »Natürlich«, lenkt die Mutter ein, aber aus Erfurt habe sie eben nur gute Erinnerungen mitgenommen und mit den dortigen Freunden würden sie auch heute noch oft telefonieren. Erfahrungen, die umso erfreuli- cher klingen, als gerade ostdeutsche Städte immer wieder Schauplatz häßlicher rassistischer Vorfälle sind.
Zum Umzug nach Stuttgart entschlossen sich Pendlers im Oktober 2002. Landesrabbiner Joel Berger hatte die Tochter Rima als Religionslehrerin für die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) geworben. Und als alleinerziehende Mutter brauchte Rima dringend die Unterstützung der Eltern. Oft genug hatte Galina zuvor die beschwerliche Reise von Erfurt nach Stuttgart auf sich genommen, um Enkelin Anna zu betreuen. »Sechs Stunden und umsteigen«, stöhnt sie noch heute in der Erinnerung daran, »schrecklich.« »Aber jetzt sind wir ja zusammen«, besänftigt Rima ihre Mutter. »Ja, Gott hat geholfen.«
Dennoch mag es die Mutter nicht verhehlen: »Der Anfang in Stuttgart war schwer.« Keine Kontakte mit den Nachbarn dort, wo sie die erste Wohnung bezogen. »Da war es wie auf dem Bahnhof, rein und raus«, umschreibt sie die häufigen Mieterwechsel. Und dann natürlich eine Gemeinde, die ungleich größer war als die in Erfurt mit ihren damals vielleicht 500 Mitgliedern. Heute ist die Stuttgarter Gemeinde auf 2.775 Menschen angewachsen, zählt man alle Gemeindemitglieder in ganz Württemberg zusammen.
Gerade die Stärkung der jüdischen Gemeinschaft durch Zuwanderer aus den Ländern der GUS verschafften Galina Pendler und ihrem Mann eine neue Aufgabe. Galina arbeitete in der Heimat als Biochemikerin im Klinikum. Ihr Mann, ursprünglich Journalist, hatte sich schon auf einer Jeschiwa in Moskau in seinen religiösen Kenntnissen weitergebildet und sich »in vielen Kursen« in Erfurt zum Vorbeter ausbilden lassen. »Warum gehst du fort, warum ziehst du deine Hände unter meinen Füßen fort«, hatte der Vorsitzende der Gemeinde Wolfgang Nossen geklagt. Michael Pendler hatte in Jena und Erfurt vorgebetet. Die gleiche Aufgabe erfüllt er nun in Hechingen und Ulm, den Außenstellen der IRGW, wo er Gottesdienste am Schabbat leitet, die Wochenabschnitte und Gebete den neuen Gemeindemitgliedern liebevoll und geduldig auf russisch und deutsch erläutert. »Denn viele sind nicht in der jüdischen Tradition aufgewachsen.« Mit seinen Erfahrungen kann er den Zuwanderern obendrein Hoffnung und Kraft für die oft nicht einfache Phase der Integration geben. Und Galina ist immer an seiner Seite, ausgerüstet mit den nötigen koscheren Speisen.
Galina übernimmt auch in der Gemeinde Hausfrauenarbeit. Sie weiß auszuwählen. Einen Teil ihrer koscheren Lebensmittel kauft sie im Laden der Gemeinde ein. Die Produkte werden aus Straßburg geliefert. Obst und Gemüse kann sie auch in den nahegelegenen Supermärkten und auf dem Stuttgarter Wochenmarkt bekommen, weiß Galina Pendler. Außerdem hat sie herausgefunden, daß es in einem Stuttgarter Vorort ein Geschäft für russische Waren gibt, wo der Karpfen besonders preiswert angeboten wird. Sie besitzt das glückliche Naturell, Kontakt zu finden, auf Menschen zuzugehen und Gastfreundschaft zu pflegen. »Am Schabbatabend kommen oft Gäste zum Kiddusch«, erzählt sie.
Im Moment freilich dreht sich alles um Enkelin Anna, die am vergangenen Samstag Batmizwa feierte. Anna besucht ein Gymnasium, hat schon viele Freundinnen und liebt an Stuttgart vor allem die interessanten Museen. Die ganze Familie fieberte dem Fest in der Synagoge entgegen. »Ich habe die Jahre bis zu Annas zwölftem Geburtstag gezählt«, sagt Annas Mutter, Rima. Und Großvater Michael betont stolz, daß er als Kohen seine Enkelin in der Synagoge segnen durfte.
Galina Pendler hat in der neuen Heimat ihren Platz gefunden. Nicht nur, weil die ganze Familie mittlerweile die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt und schon zweimal von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht hat. Sondern auch, weil ihr in Stuttgart nie Ablehnung oder Fremdenfeindlichkeit begegnete. »Hier leben so viele Nationen, da fällt man doch gar nicht auf«, lacht sie. In der württembergischen Landeshauptstadt ist mit einem Ausländeranteil von 23 Prozent das Ziel des friedlichen Zusammenlebens weitgehend erreicht und sogar mit einem Preis der Bundesregierung für gelungene Integrationsarbeit gewürdigt worden.
Hat sie nie Heimweh nach der Ukraine? »Nein«, sagt sie bestimmt, »nur nach den Gräbern der Eltern.« Es gehe ihr und ihrer Familie gut, und seit dem Einzug in die neue Wohnung ist sie mit Stuttgart vollends versöhnt. Außerdem brachte ihr Mann Michael von einer Dienstreise nach Paris die Erkenntnis mit, Paris sei zwar sehr schön, »aber leben muß man in Stuttgart«. Und wieder einmal ist Galina Pendler überzeugt: »Gott hat geholfen.«

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