Schicksal

Gott gegeben

von Avrohom Yitzchok Radbil

Wodurch werden die Persönlichkeit und die Entwicklung eines Menschen be‐
stimmt: durch ererbte Anlagen oder durch die Einflüsse seiner Umwelt? Welche Faktoren sind entscheidend für die Wesensart eines Menschen und sein Verhalten im sozialen Kontext? Hierzu gibt es zwei wissenschaftstheoretische Lehrmeinungen: den Nativismus und den Behaviorismus. Die Nativisten gehen davon aus, dass die Veranlagungen eines Menschen, also seine Begabungen oder Fähigkeiten, angeboren sind, ihm genetisch mitgegeben wurden, und auch sein ganzes weiteres Leben beeinflussen. Sein soziales Umfeld hat nur einen sehr unbedeutenden Einfluss auf seine Entwicklung und die Formung seines Charakters. Die andere Gruppe, die Be‐
havioristen, sind hingegen der Auffassung, dass alles ganz allein von der Umgebung abhängig sei. Die Veranlagung eines Menschen spielt nur eine sehr geringe Rolle in seiner Persönlichkeitsentfaltung. Alle seine Talente, alle seine Fähigkeiten würden nur durch die Umwelt geformt.
Entscheidende Aufklärung versprach man sich im Verlauf der Anlage‐Umwelt‐Debatte (so wird sie in der psychologischen Literatur bezeichnet) von der Zwillingsforschung. Es wurden weitläufige Untersuchungen an eineiigen Zwillingen vorgenommen, Kindern, die mit den gleichen Veranlagungen zur Welt gekommen sind, die aber nach ihrer Geburt, aus welchen Gründen auch immer, voneinander getrennt wurden. Man kam zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass viele dieser Zwillinge dieselben Krankheiten aufwiesen, manche hatten sogar den gleichen Beruf gewählt und sich Ehepartner gesucht, die sich sehr ähnlich waren. Zahlreiche andere entwi‐ckelten sich jedoch ganz unterschiedlich und hatten nur wenig gemeinsam. In Anbetracht dessen begann man zu vermuten, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte liege und Vererbung und Umwelt hinsichtlich der Entwicklung des Menschen einen wechselseitigen Einfluss ausüben würde.
Soweit die wissenschaftliche Betrachtung. Wie in der Psychologie und Soziologie gehen, was diese Frage betritfft, auch die Meinungen der Philosophen auseinander. Manche Religionen und Lebenstheorien besagen tatsächlich, dass alles in unserem Leben von Göttlicher Instanz vor‐
herbestimmt ist und wir über die Geschehnisse absolut keine Macht haben, wobei andere die Auffassung vertreten, dass un‐
sere Lebensentwicklung nur von uns und unserer Umgebung abhängt. Dies ist auch die Meinung vieler zeitgenössischer Philosophen, nämlich, dass man aus jedem Menschen einen perfekten Menschen ma‐
chen kann, indem man ihn in ein perfektes gesellschaftliches Umfeld einpflanzt, wo er sich entsprechend entwickeln kann.
Doch was ist die jüdische Sicht auf diese Frage, was sagen uns unsere Weisen dazu? Der Talmud lehrt Folgendes: „Alles ist in den Händen des Himmels, außer der Gottesfurcht.“ Dies kommentiert Raschi, einer der wichtigsten Kommentatoren, so: „Alles kommt zu dem Menschen durch die Hand Gottes, ob er kurz oder lang wird, weise oder närrisch, weiß oder schwarz – alles liegt in den Händen Gottes. Doch ob er zu einem Gerechten oder zu einem Bö‐
sewicht wird, ist dem Menschen nicht vom Himmel zugeteilt, sondern liegt allein in seiner Verantwortung. Dem Menschen wurde eine Wahl gegeben, und der Mensch muss die Gottesfurcht selbst wählen.“
Doch wann werden dem Menschen diese Eigenschaften zugeteilt? Die Weisen geben uns eine Antwort in Fortsetzung des vorherigen talmudischen Ausschnitts: „Der Engel, der die Schwangerschaft betreut, nimmt den Tropfen (des männlichen Samens, kurz vor der Zeugung), bringt ihn vor den Allmächtigen und fragt Ihn: ‚Herr des Universums, dieser Tropfen, was wird daraus werden (sprich: welche Gene und Eigenschaften soll ich dieser Person geben, damit sie nach dem Schicksal lebt, das Du für sie bestimmt hast)? Stark oder schwach? Weise oder dumm? Reich oder arm?‘ Doch ob die Person böse oder gerecht sein wird, fragt er nicht.“
Aus dieser Talmudstelle geht klar hervor, dass das Judentum in die Richtung der Nativisten neigt. Was heißt das praktisch: Hat der Mensch überhaupt keine Wahl? Der Talmud gibt auch auf diese Frage eine Antwort: Ein Mensch, der unter dem Einfluss des Planeten Mars geboren wurde, wird den Drang haben, Blut zu vergießen. Dementsprechend wird er entweder Arzt, Räuber, Schochet (Schlachter) oder Mo‐
hel (Beschneider). Das bedeutet, dass alles, sogar die Berufswahl eines Menschen, von seinen Genen abhängig ist und der Mensch selbst keinen Einfluss darüber hat.
Andererseits kann die Macht der Gene nicht vollkommen uneingeschränkt sein, wie sonst könnten wir dann den Räuber für seine Taten verantwortlich machen, ist er doch nur seinen Trieben gefolgt, die ihm von höherer Instanz gegeben wurden und denen er sich nicht widersetzen kann? Die Erklärung jedoch liegt im alles entscheidenden ersten talmudischen Ausspruch: „Alles ist in den Händen Gottes, außer der Gottesfurcht.“ Demzufolge ist ein Mensch womöglich mit der Veranlagung zum Blutvergießen zur Welt gekommen, doch ist es ihm vollkommen überlassen, welche Form er dieser Veranlagung gibt, als Bösewicht in der Gestalt eines potenziellen Mörders oder als ein rechtschaffener Mensch im Beruf des Arztes, Mohels, oder Schochets. Die Wahl liegt allein und uneingeschränkt bei ihm, keiner kann sie ihm abnehmen.
Die Selbstbestimmung des Menschen schließt dann wiederum auch die bewusste Entscheidung für oder gegen mögliche Einflüsse in seinem Umfeld ein. In den Sprüchen der Väter heißt es in diesem Zusam‐
menhang, dass man sich von dem bösen Nachbarn fernhalten soll, denn wie leicht könne es geschehen, dass man durch dessen negatives Verhalten beeinflusst und auf seine Stufe hinuntergezogen werde. Einerseits wird hier der prägende Einfluss der Umgebung erkannt, andererseits wird der Mensch auf seine Autonomie im Umgang mit diesen Einflüssen hingewiesen. Der Be‐
reich dieser von Gott gewährten Freiheit des Menschen wiederum ist nur die Entwicklung seiner moralischen Sensibilität und seines ethischen Bewusstseins.
Und dennoch ist es möglich, selbst die für einen Menschen von Gott von Geburt an vorbestimmten Umstände indirekt zu beeinflussen: Verändert sich der Mensch auf dem Wege seiner ethischen Vervollkommnung so, dass er geistig wie neugeboren ist, kann damit auch sein Schicksal umgeschrieben werden. Der Talmud zitiert viele Fälle, in denen es Menschen durch ihre Selbstlosigkeit und ethische Größe gelang, vermeintlich unaufhaltbares Unheil abzuwenden. Durch die Entwicklung seines geistigen Bewusstseins vermag der Mensch, wenn auch nur indirekt, letztendlich doch in allen Bereichen seines Lebens zu wirken.

Der Autor ist Rabbinatsstudent an der Jeschiwa „Beis Zion“ in Berlin. www.yeshiva.de

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