Familiensaga

Glückes Geschick

von katharina
schmidt‐hirschfelder

Es kommt nicht oft vor, dass man nach der Lektüre von gut 230 Seiten sein Leben radikal umkrempelt. Hanna Höglander hat es getan. »Stefan Einhorn ist mein neuer jüdischer Guru«, sagt sie mit einem Augenzwinkern und beißt genüsslich in ihr zweites Stück Honigkuchen. Nachdem sie Ein‐ horns letztes Buch gelesen hatte, kündigte sie ihren festen Job beim Orchester und begann nochmal von vorn. Das Leben habe endlich wieder einen Sinn. Sein Buch habe ihr die Augen geöffnet, schwärmt sie.
So wie Hanna Höglander ging es offenbar vielen Leuten in Schweden. Denn Stefan Einhorns Buch Konsten att vara snäll haben bisher 250.000 Menschen hier gekauft. Dafür, dass das Land zwischen Ostsee und Polarkreis nur neun Millionen Einwohner hat, ist diese Auflagenhöhe beachtlich. Bislang wurde es in 15 Sprachen übersetzt (auf Deutsch: Von der Kunst, ein freundlicher Mensch zu sein, erschienen im Verlag Hoffmann und Campe). Es machte den bekannten Krebsarzt und Ethik‐Professor über Nacht zum gefragten Star.
Stefan Einhorn freut sich, als er von der Höglander‐Episode erfährt. Er ist gerade bei seiner Schwester Lena im Stockholmer Stadtviertel Södermalm zu Besuch. Während Lena Einhorn in der offenen Wohnküche ihrer gemütlichen Altbauwohnung mit Teelöffeln und Keksen hantiert, räsoniert ihr Bruder, auf dem weißen Sofa sitzend, über den Erfolg seines Buches. Dass viele Schweden sich davon angesprochen fühlen, erklärt er so: »Es bietet eine wichtige Botschaft an, die es in vielen Religionen gibt. Inklusive Judentum.« Er hält kurz inne. »Wir sollen einander Gutes tun, das kommt uns selbst zugute. Das Judentum sagt ja zum Beispiel – wenn alle Menschen die Mizwot erfüllen, die guten Handlungen also, kommt der Messias.«
Was immer noch nicht die Midlifecrisis seiner Leserin Hanna Höglander erklärt, die das Wort »Erfolg« nun anders definiert. Das Geheimnis von Erfolg, vielleicht auch seines Buches, sei im Grunde ganz einfach. »Weiter kommt im Leben, wer andere Menschen aufmerksam, freundlich, großzügig und verantwortungsvoll behandelt.« Was zählt, ist – laut Einhorn – die Tat. Alltagsethik des Ich also, die beim Du anfängt. Anklänge an Martin Buber, den Stefan Einhorn sehr verehrt, sind nicht zu überhören. Fragen an den Gottesbegriff und das ethische Miteinander finden sich schon in früheren Büchern Einhorns.
Lena Einhorn nimmt neben ihrem Bruder Platz und lächelt. So, als fiele ihr plötzlich etwas Wichtiges dazu ein. »Also, unser Vater hatte wirklich diese unerhört positive Grundeinstellung, alle Menschen seien von Grund auf gut. Das ist«, Lena schnappt nach Luft, »wirklich eine unglaublich positive Sicht auf die Welt. Mutter dachte ähnlich. Deshalb haben sie auch andere immer gut behandelt. Trotz ihrer schrecklichen Erlebnisse während der Schoa.« Neben Lenas Sofa steht ein riesiger Fernseher, auf dem sich etliche DVDs stapeln, darunter das rote Cover ihres Film Ninas Resa (Ninas Reise), der die Geschichte ihrer Mutter erzählt und in Deutschland noch keinen Verleih gefunden hat. Lena Einhorn hat diesen Film vor drei Jahren gedreht. Sechs Jahre hatte sie am Rohmaterial gearbeitet, vor allem Interviews mit der Mutter kurz vor deren Tod 2002. Entstanden ist ein Spielfilm mit halbdokumentarischem Charakter, der das Überleben von Nina Rajmic in Polen schildert, fiktionale Filmsequenzen, unterbrochen von Ninas Berichten. Eine gewagte Erzählform. Dass sie so gut gelungen ist, überrascht Lena heute noch. Gedreht hat die Regisseurin, die ihren Beruf als Ärztin und Virusforscherin vor 20 Jahren an den Nagel gehängt und einen Neuanfang als Filmemacherin gewagt hatte, an Originalschauplätzen mit polnischen Schauspie‐ lern. Der Film gewann später renommierte schwedische und internationale Preise. Ebenso wie das gleichnamige Buch, das 2006 auf Deutsch unter dem Titel Ninas Reise im Heyne‐Verlag erschienen ist. 2005 gewann die Autorin den Augustpreis, Schwedens begehrteste Literaturtrophäe. »Mir geht es so wie Stefan«, erzählt sie kopfschüttelnd. »Publikum ist anonym.« Ein paar Mal allerdings hätten Leute zu ihr gesagt: »Wenn Nina es geschafft hat, ein glückliches Leben zu führen, trotz ihrer furchtbaren Erlebnisse im Gepäck, dann darf ich nicht aufgeben.« Sätze wie diesen habe sie oft gehört. »Vielleicht denken Menschen neu über sich selbst nach, wenn sie dem Schicksal eines anderen begegnen.« Auf gewisse Weise sei das doch eine Parallele zur Ethik in Konsten att vara snäll, findet Lena Einhorn und schaut ihren Bruder fragend an. Der nickt zustimmend. Denn in seiner eleganten Mischung aus Religion, Alltagsbeispielen und Familiengeschichte beruft sich der Philosoph nicht nur auf Tora, Talmud und Buber, sondern vor allem auf die gelebte Ethik seiner Vorfahren. »Wenn du jemandem hilfst, egal wie, so bekommst du das zurück«, hatte Schneidermeister Pinkus Einhorn aus Cze stochowa seinem Sohn Jerzy schon als Kind mit auf den Weg gegeben.
Als Stefan und Lena berühmt wurden, gehörten ihre Eltern Jerzy und Nina schon lange zu Schwedens Kulturprominenz. Auch heute noch, acht Jahre nach seinem Tod, nimmt Jerzy Einhorn auf der schwedischen Beliebtheitsskala Platz drei ein, gleich nach dem König und dem amtierenden Außenminister Carl Bildt. Kein Wunder, denn der berühmte Onkologe, Politiker, Schriftsteller und Chef des Nobelkomitees und seine Frau Nina, erfolgreichste Krebsforscherin des skandinavischen Landes, haben schwedische Nachkriegsgeschichte geschrieben. Als Ex‐Premier Göran Persson deshalb Jerzy Einhorn im Jahre 2000 bat, auf der internationalen Stockholm‐Konferenz zum Thema »Verantwortung für die Vergangenheit« zu sprechen, war das Ehrensache für ihn. Wie kein anderer verkörperte Einhorn in Schweden den Schoa‐Überlebenden, der es geschafft hatte, ein Leben »danach« aufzubauen, der das Erinnern immer wieder anmahnte und dessen Wort in der Öffentlichkeit schwer wog. So hat die Geschichte des Ehepaares Einhorn das schwedische Selbstbild von einer toleranten, demokratischen Gesellschaft mitgeprägt: als Paradebeispiel liberaler Flüchtlingspolitik und gesellschaftlicher Integra‐ tion. Ein Image, das Schweden nach dem Krieg dringend brauchte und das heute immer mehr bröckelt. Hatte doch das neut‐rale Land erst gegen Ende des Krieges seine Grenzen geöffnet, als es für viele jüdische Flüchtlinge schon zu spät war.
Von ihrem künftigen Ruhm ahnten Jerzy Einhorn und seine spätere Frau Nina Rajmic noch nichts, als sie 1946 als illegale Flüchtlinge an Bord eines dänischen Fischerbootes Kurs auf die schwedische Küste nahmen. Mit 20 Kronen in der Tasche, traumatischen Erlebnissen im Gepäck und Erinnerungen an die ausgelöschte jüdische Welt ihrer Kindheit im Herzen. Beide hatten in Polen die Schoa überlebt. »Dass sie sich davon erholt haben, hat sicher auch damit zu tun, dass sie ihre nächsten Angehörigen am Leben wussten«, vermutet Stefan Einhorn. Im Sommer 1946 war Nina nach Dänemark gereist, zusammen mit anderen Medizinstudenten aus Lodz, darunter Jerzy Einhorn, ihr späterer Mann. Doch der Forschungsaufenthalt in Kopenhagen wurde zum Abschied für immer. »Komme nicht zurück«, hatte Rudek seiner kleinen Schwester geschrieben, kurz nachdem im polnischen Kielce der antisemitische Mob 37 Juden ermordet hatte.
Eine Zukunft in Polen war für Juden unmöglich geworden. Das mussten Nina und Jerzy schweren Herzens erkennen. Wohin nun? Die Einwanderung nach Pa‐lästina regulierten damals noch die Briten, Amerika war zu weit weg. »Schweden ist einen Versuch wert«, riet ihnen der Kontaktmann von der Jewish Agency in Kopenhagen. Es stellte sich als eine gute Wahl heraus. Obwohl Jerzy Einhorn nur zehn Jahre später verlockende Angebote von US‐amerikanischen Élite‐Universitäten erhalten sollte, blieb der damals schlecht bezahlte Stationsarzt seiner neuen Heimat treu. »Echte Liebe« hätten beide für Schweden empfunden, da ist sich der Sohn sicher.
Und wie schwedisch fühlt sich Stefan Einhorn selbst? »Ich fühle mich zu 100 Prozent schwedisch und zu 100 Prozent jüdisch«, sagt er nachdrücklich. Schwester Lena protestiert. Sie habe andere Erfahrungen gemacht. »Heute ist Schweden eine multikulturelle Gesellschaft. Aber das war nicht so, als wir aufwuchsen. Als Kind habe ich mich definitiv außen vor gefühlt, weil ich Jüdin bin.« Eine Erfahrung, die Jerzy und Nina ihrer Tochter nicht ersparen konnten. Sie selbst haben sich in Schweden ein neues Leben aufgebaut. »Unsere Eltern haben es geschafft, sich zu verwirklichen. Und sich selbst zu finden«, sagt Lena. Es sei ihnen gelungen, ihre Angst zu verarbeiten. Deshalb hätten beide überhaupt von der Schoa erzählen können. Sachlich. Ohne Tränen. Stefan erin‐nert sich an ein Schlüsselerlebnis vor knapp 40 Jahren. Der damals 15‐Jährige habe sich gewundert, als er seine Mutter weinen sah. »Das war nur ein einziges Mal. Im Sommer 1969. Warum weint sie nur, habe ich mich gefragt. Das war das erste Mal, dass mir klar wurde, wie grauenvoll ihre Erlebnisse gewesen sein müssen.«
Erzählt hatte Nina Einhorn von Anfang an. »Ich kannte alle Details aus dem Leben meiner Mutter«, sagt Lena. Es sei ihr immer schon ein Bedürfnis gewesen, sich mitzuteilen, fügt Stefan hinzu, der nachdenklich in seinem kalt gewordenen Tee rührt. Für ihn seien die Erlebnisse der Mutter im Warschauer Ghetto Teil des Familienalltags gewesen. Allerdings ohne die Kinder zu belasten. Wenn wir diesen Krieg überleben, hatte eine Freundin einmal im Warschauer Ghetto zu der damals 18‐Jährigen gesagt, werden wir vielleicht die einzigen Zeugen sein. Dass ihre Mutter das Versprechen gehalten hat, Zeugnis abzulegen, empfindet Lena noch heute als Glück. Dadurch habe sie ihren Kindern Raum gelassen, sich selbst zu finden. »Einhorns reifen spät«, hatte Jerzy immer betont. Vielleicht ein Grund dafür, dass die Einhorns auch heute immer wieder Neues wagen. Und damit Erfolg haben. Gerade hatte Lenas erstes Theaterstück am Stock‐holmer Kulturhuset Première. Living Room ist ein Dialog zwischen zwei Frauen in Israel, zwei Seelenverwandten. Jüdin die eine, Palästinenserin die andere. Ihr neues Buch Das Rätsel von Damaskus (Heyne‐Verlag) sorgt momentan in Schweden für Furore. Stefans aktuelles Buch Medmänniskor (Mitmenschen) knüpft thematisch an Konsten att vara snäll an. Wie viele andere Leser in Schweden hat auch Hanna Höglander es längst gekauft.

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