Teilungsplan

Gleichung mit zwei Unbekannten

von Carsten Dippel

Theodor Herzl besaß eine geradezu prophetische Gabe. „In Basel“, vertraute er kurz nach dem ersten Zionistenkongress 1897 seinem Tagebuch an, „habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein unheilvolles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in 50 wird es jeder einsehen.“
In der Tat: 50 Jahre später sollte die Welt sehen, dass Herzls Traum von einem jüdischen Staat nicht bloß eine fixe Idee war. Palästina, hervorgegangen aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches und seit 1922 britisches Mandatsgebiet, sollte in einen jüdischen und einen palästinensischen Staat aufgeteilt werden. Das beschloss am 29. November 1947 mit deutlicher Mehrheit die Vollversammlung der noch jungen Vereinten Nationen. Mit dieser völkerrechtlichen Zusicherung konnte der Staat Israel nach dem Abzug der britischen Truppen in der Nacht vom 14. zum 15. Mai 1948 proklamiert werden.
Jahrhundertelang hatten Juden in aller Welt auf diesen Augenblick gewartet, der doch nicht im Glanz erschien, sondern tränenerfüllt der schlimmsten Tragödie des jüdischen Volkes folgte. Auslöser für den Teilungsplan war jedoch nicht die Schoa, so sehr sie für manche UNO‐Vertreter ein moralisches Argument für die Zustimmung war, sondern das Scheitern der britischen Mandatspolitik. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg gab es unüberbrückbare Gegensätze und Spannungen zwischen der jüdischen und der arabischen Seite, die 1936 in einem regelrechten Bürgerkrieg eskalierten. Dabei war es offensichtlich, dass die Briten ihre ganz eigenen imperial‐kolonialen Interessen verfolgten und beide Seiten nach Kräften gegeneinander auszuspielen suchten (vgl. JA vom 1. November).
Ihren absoluten Tiefpunkt erreichte die Mandatspolitik mit dem berüchtigten Weißbuch von 1939. Mit der darin festgelegten Beschränkung der jüdischen Einwanderung nach Palästina auf 15.000 Personen jährlich, ab 1945 sogar nur noch mit ausdrücklicher Genehmigung der Araber, wurde die Idee eines jüdischen Staates aufgegeben – in einem Augenblick höchster Not für das europäische Judentum. Offenbar ohne Gespür für die Situation hielten die Briten auch nach Kriegsende 1945 am Weißbuch fest, während die angespannte Situation im Mandatsgebiet zunehmend außer Kontrolle geriet.
So landete das Palästinaproblem auf dem Tisch der UNO. Im Frühjahr 1947 wurde daraufhin eine Sonderkommission (UNSCOP) eingesetzt, die die Teilung in einen jüdischen und einen arabisch‐palästinensischen Staat vorschlug. Jerusalem sollte international verwaltet werden. Zu den 33 befürwortenden Staaten des UNO‐Plans (13 lehnten ab, 10 enthielten sich) gehörten auch die USA und die Sowjetunion – ein untrügliches Zeichen dafür, dass die alten Kolonialmächte, allen voran Großbritannien, ihre Rolle im Nahen Osten abgeben mussten. Indem die arabische Seite den Teilungsplan ablehnte, gab sie der Zweistaatenlösung jedoch von Beginn an keine Chance. Schon in den Monaten zwischen dem UNO‐Beschluss und der Proklamation des Staates Israel im Mai 1948 kam es zu immer heftigeren Gewaltausbrüchen auf beiden Seiten, während die Mandatsmacht sich kaum mehr willens zeigte, dem Chaos Einhalt zu gebieten. Die Situation glich einem Pulverfass, welches mit dem Abzug der Briten und dem Einmarsch von fünf arabischen Armeen am Morgen des 15. Mai 1948 schließlich explodierte.
Wirklich überraschend war die arabische Haltung allerdings nicht. Ihre ins Feld geführten Argumente, der Teilungsplan verstieße gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker und den Juden würde weit mehr Land zufallen, als ihnen nach Bevölkerung und Besitzverhältnissen zustünde, wirkten vorgeschoben. Denn das eigentliche Problem war die prinzipielle Ablehnung eines jüdischen Staates auf arabischem Territorium. Stattdessen forderte man einen palästinensischen Einheitsstaat – Juden hätten darin allenfalls als geduldete Minderheit Platz gefunden. Stimmen für einen Ausgleich fanden kaum Gehör. Die jüdische Existenz auf heiliger arabischer Erde wurde als Stachel im Fleische empfunden, und für radikale Muslime, von der Hamas bis zu Irans Präsident Ahmadinedschad, gilt das bis heute.
Inwieweit die zwei Staaten lebensfähig gewesen wären, sei dahingestellt. Auch auf jüdischer Seite wurde heftig debattiert, und nur eine knappe Mehrheit sprach sich für die Annahme des Plans aus. Führende Zionisten wie Chaim Weizmann, der schließlich Israels erster Staatspräsident wurde, waren allerdings froh, überhaupt etwas in den Händen zu halten.
Doch der Teilungsplan wurde durch die Ereignisse überholt. Israel eroberte in dem um seine Existenz geführten Krieg weit mehr Gebiete, als der UNO‐Beschluss vorsah, und zog damit zugleich den Kopf aus einer demografischen Schlinge. Erst durch die Flucht und Vertreibung von bis zu 750.000 Palästinensern wurde Israel zu einem jüdischen Staat. Für die Palästinenser ist das, neben der völlig unerwarteten militärischen Niederlage, bis heute das große Trauma. Um ihre Hoffnungen betrogen – nicht zuletzt durch die Unfähigkeit der eigenen Führung –, waren sie die großen Verlierer. Noch nicht einmal in den ihnen nach dem Krieg verbliebenen Gebieten, die ägyptisch und jordanisch wurden, konnten sie einen eigenen Staat errichten.
Auf das Scheitern des UNO‐Teilungsplanes folgten 60 Jahre permanenter Unruhe und Enttäuschungen. Die Sehnsucht nach Frieden ist nach wie vor ungestillt, und so bleibt auch Herzls Traum nur zum Teil erfüllt. Zur Ausgangslage von 1947 führt kein Weg zurück, aber eine Lösung des israelisch‐palästinensischen Konfliktes – wieder einmal angestrebt bei der Konferenz in Annapolis – wird am Ende noch immer auf das Zweistaatenmodell hinauslaufen.

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