Schwule Paare

Gleiches Recht

von Sabine Brandes

Uzi Even, ehemaliger Knessetabgeordneter und Chemieprofessor an der Tel Aviv Universität, bekennt sich seit Jahren offen zu seiner Homosexualität. Er ist Vorreiter im Kampf um Anerkennung und Gleichberechtigung. Gemeinsam mit seinem Lebensgefährten Amit Kama hatte er den damals 16-jährigen Jossi bei sich aufgenom-
men. Jossis leibliche Familie hatte ihn aus dem Haus geworfen, nachdem er enthüllt hatte, er sei schwul. »Ich habe dann den einzigen Homosexuellen angerufen, den ich kannte«, erinnert sich der heute 30-Jährige, »diesen Professor aus dem Fernsehen.«
2004 heirateten Even und Kama in To-
ronto, zwei Jahre später wurden im Ausland geschlossene Ehen von Homosexuellen in Israel offiziell anerkannt. Und doch wurden die drei Männer weder als Familie bezeichnet noch rechtlich wie eine behandelt. Als Jossi Even-Kama ein beträchtli-
cher Nachlass bei den Studiengebühren verweigert wurde, der Familienangehörigen von Fakultätsmitgliedern vorbehalten ist, beschlossen sie, vor Gericht zu ziehen. Mithilfe der Anwaltskanzlei der Universität, die sich für Rechte von Minoritäten einsetzt, begannen er und seine beiden Vä-
ter den juristischen Kampf gegen die ihrer Meinung nach ungerechte Behandlung. Und nun entschied ein Tel Aviver Gericht: Das schwule Paar darf Eltern werden.
»Damit ist zum ersten Mal ein Urteil gesprochen worden, dass das Recht auf Adoption nicht nur zwei weiblichen Partnern, sondern auch zwei Männern zu-
spricht«, erklärt Dori Spivak, stellvertretender Leiter der Kanzlei, der die Even-Kamas vertrat. Im Oktober 2005 hatte der Oberste Gerichtshof bereits beschlossen, lesbischen Partnerinnen das Recht auf gegenseitige Adoption ihrer biologischen Kinder zuzugestehen.
Mit dem jüngsten Urteil ist Israel noch einen Schritt weiter in Richtung Gleichberechtigung von Homosexuellen gegangen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat es immer wieder Gerichtsurteile gegeben, die den Partnerschaften von Schwulen und Lesben die selben Rechte einräumen wie Heterosexuellen, zum Teil mehr als in anderen westlichen Ländern. Darunter fallen mittlerweile das Recht auf steuerliche Gleichbehandlung bei Einkommen und Erbschaft sowie auf finanzielle Unterstützung des Staates in Wohnangelegenheiten.
Die Homosexuellenszene muss sich nicht mehr verstecken und am Rande der Gesellschaft bewegen. Schon lange outen sich Schwule und Lesben in jedem Be-
reich. Stolz präsentiert sich die Gemeinschaft jedes Jahr bei der »Gay Parade«, jüngst reiste eine Delegation zur Internationalen Tourismusbörse in Berlin und stellte ihr Fremdenverkehrsangebot für Homosexuelle vor. Viele von Israels be-
kanntesten Künstlern bekennen sich ohne Wenn und Aber zu ihrer Orientierung, da-
runter die transsexuelle Dana International, die ihr Land schon vor zehn Jahren beim Eurovision Gesangswettbewerb vertrat, sowie Popikone Ivri Lieder und der renommierte Filmemacher Eitan Fox. Im Vergleich zu anderen Ländern des Nahen Ostens ist Israel mit großem Abstand das liberalste Land in diesem Bereich.
Michael Hamel, Vorsitzender von »Ha-
Aguda«, der offiziellen Vertretung der Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen in Israel, ist zufrieden über das Urteil und gleichzeitig traurig, dass dieser Fall überhaupt vor Gericht verhandelt werden
musste. »Eine Familie zu gründen, Kinder zu haben, ist ein Grundrecht, das für jeden Menschen gelten muss – ohne Ausnahme«, argumentiert er. Stolz ist er, dass die Schwulen- und Lesbenszene offenbar so viel Wert auf Familie lege: »Um uns herum gibt es immer mehr Scheidungen und immer weniger Kinder, sogar in recht traditionellen Ländern und Gesellschaften. Unsere Gemeinschaft aber kämpft darum, glaubt an Familienwerte, will sie leben.«
Durch das jüngste Urteil sei dies natürlich einfacher möglich, vor allem für schwule Männer, da dies der erste Fall in Israel ist, in dem zwei Männer ein nicht-biologisches Kind adoptieren dürfen. Doch Hamel beklagt zugleich, dass es viele andere Hürden auf dem Weg zu einem Kind gebe. »Da es bei uns, bedingt durch die jüdische Familientradition, kaum Kinder gibt, die zur Adoption stehen, müssen sich Homosexuelle andere Wege suchen.« Bei Frauen sei das durch Samenspende heute kaum mehr ein Problem, bei Männern indes schon. Adoptionen im Ausland werden durch striktere Regulationen in der ganzen Welt immer schwieriger, weiß der Aktivist, eine israelische Leihmutter sei verheirateten heterosexuellen Paaren vorbehalten. So suchen immer mehr Schwule Leihmütter im Ausland, vor allem in den USA und Indien. Der nicht-biologische Vater muss das Kind schließlich adoptieren. Und das dürfte dank des Musterurteils zukünftig leichter sein.
Familie Even-Kama freut sich über das Urteil: »Unser Kampf ist politisch und sehr real zugleich«, sagte Kama nach der Verkündung des Gerichtsentscheides. Im-
merhin ginge es um Zehntausende von Schekeln. »Die eigentliche Bedeutung aber ist die Anerkennung unserer Familie von Seiten des Staates. Es gibt unseren Gefühlen und unserem täglichen Leben Legitimation.«

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026