Vergangenheit

Gewissensfrage

von Christine Schmitt

Die Gemeinde braucht Geld. Das ist un-
strittig. Doch an der Frage, wie zusätzliche Mittel in die Kassen kommen sollen, scheiden sich die Geister. Schon mehrfach hat die Repräsentantenversammlung kontrovers die Frage diskutiert, ob gemeindeeigene Immobilien veräußert werden sollen – und wenn ja, welche. Der im November vergangenen Jahres angekündigte Verkauf ei-
nes Objektes in der Schöneberger Crellestraße stieß auf einigen Widerspruch, und beim Gebäude in der Pankower Wilhelm-Wolff-Straße 30-38 gibt es seit Langem Dis-
kussion. Denn dabei handelt es sich um ein ehemaliges jüdisches Säuglings- und Kinderheim. Noch heute gibt es einen baulichen Hinweis auf die einstige Nutzung: ei-
nen Magen David (Davidstern) an der Stirnseite des Hauses. Zudem ist am Gebäude eine Gedenktafel angebracht, die an das grausame Ende der über 150 jüdischen Kleinkinder erinnert, die 1942 von der SS verschleppt und ermordet wurden.
Auf diese geschichtliche Bedeutung des Gebäudes hat nun auch noch einmal der ehemalige Gemeindechef Albert Meyer hingewiesen. In einem Brief an die Repräsentanten betont er die »historische, moralische Bedeutung« des Hauses. Die bestehe auch darin, dass hier nach dem Krieg jüdische Überlebende Unterkunft und Be-
treuung fanden. Unter ihnen waren laut Meyer auch Rabbiner Nathan Peter Levinson und der spätere Ost-Berliner Gemeindevorsitzende Peter Kirchner. Zudem war das Haus bis Ende der 90er-Jahre ein jüdisches Altenheim. Daher, so schreibt Meyer, müsse der Verkauf dieses Gebäudes »als Bruch der historischen Verbindung zum Berliner Judentum gewertet werden«.
Jochen Schulz ist Vorsitzender der Björn-Schulz-Stiftung. Er kennt das Schreiben, kann aber Meyers Bedenken nicht teilen. Die Stiftung ist mit dem Kinderhospiz Sonnenhof seit zehn Jahren Mieter des Gebäudes – und Kaufinteressent. »Das Haus ist für Kinder gebaut worden, und nun le-
ben wieder Kinder dort«, meint er. Für zwölf Schwerbehinderte oder Schwerkranke mit ihren Familien ist derzeit in dem Haus Platz – zu wenig, findet Schulz. Es müsse daher um- und angebaut werden, mehrere Millionen Euro müssten dabei investiert werden. »Das können wir bei einem Mietvertrag nicht machen«, stellt der Hospiz-Betreiber fest. »Doch wir müssen unbedingt ausbauen, da die Nachfrage steigt«, sagt Jochen Schulz. Die Mitarbeiter der Stiftung möchten der Aufgabe gerecht werden, die sie sich gestellt haben, und so viele Kinder wie nötig aufnehmen. Wenn sie die Immobilie nicht erwerben könnten, würden sie den Mietvertrag nicht verlängern, und sich stattdessen eine neue Bleibe suchen. »Es würde uns schwer- fallen, hier wegzugehen«, sagt Jochen Schulz.
In der Vergangenheit hatte die Stiftung bereits versucht, das Haus zu kaufen – bislang ohne Erfolg. Als Andreas Nachama Gemeindevorsitzender war, hatte Albert Meyer nach eigenen Angaben den Verkauf verhindert. Er sei froh, dass ausgerechnet der Sonnenhof in dieser Immobilie untergebracht ist, betont auch Meyer. Dass die Stiftung »über die moralische Integrität verfügt, gerade diese historische Stätte im Interesse der ermordeten Kinder weiterzuführen«, stehe außer Zweifel. Doch »ein Denkmal, das an die Ermordung von mehr als 200 jü-
dischen Kindern er-
innert, verkauft man nicht«, so Meyer.
Gutachter hatten bereits im vergangenen Jahr – noch vor der Wirtschaftskrise – die Immobilie auf etwa 1,35 Millionen Euro geschätzt, erläutert Jochen Palenker, Finanzdezernent der Gemeinde. Diese Summe entspreche auch dem tatsächlichen Wert, sagt er. »Wir haben kein Geld zu verschenken, auch wenn das Projekt Sonnenhof meine vollste Sympathie bekommt, gibt es keinen Sonderpreis.« Diese Summe würde die Stiftung auch bezahlen. Würde die Immobilie nicht ge-
nützt, würde der Verkehrswert sinken. Palenker bezweifelt, ob die »Spezialimmobilie wegen der Umbauten« überhaupt zu vermieten sei. Und die Gemeinde könne es sich nicht leisten, eine Sanierung zu finanzieren, um es nachher wieder zu vermieten. »Selbst nutzen können wir es nicht«, sagt auch Baudezernent Grigorij Kristal. Jedes Haus, das leer stehe, koste die Ge-
meinde Geld.
Doch eben dieses Haus dürfe nicht einfach »wie ein merkantiler Wertgegenstand betrachtet werden,« hält Meyer dagegen. Als Alternative schlägt er eine befristete Erbpacht vor, bei der das Eigentum an dem Grundstück bei der Jüdischen Gemeinde verbleiben würde. »Da sehe ich den Sinn nicht, dass wir es in 5o Jahren wieder be-
kommen«, sagt hingegen Palenker.
Als Jochen Schulz vor zehn Jahren auf der Suche nach einem geeigneten Haus für sein Projekt war, stand das Haus fünf Jahre lang leer. »Es war in einem schlechten Zustand«, sagt er. 2,6 Millionen Euro habe die Stiftung in die Sanierung reingesteckt. Der große Garten sei liebevoll angelegt und gepflegt, es gibt einen Streichelzoo, eine besondere Ecke, in der sich ver-
waiste Eltern regelmäßig treffen und austauschen, einen Fischteich und auch ein eigenes Therapie-Schwimmbad, so Baudezernent Grigorij Kristal.
»Wenn wir Besuchern unseren Sonnenhof zeigen, weisen wir immer auf die traurige jüdische Geschichte hin«, sagt Jochen Schulz. Dass das Magen David und die Ge-
denktafel unberührt bleiben, sei für ihn eine Selbstverständlichkeit. Im Übrigen seien auch jüdische Kinder in den vergangenen Jahren hier betreut worden. Auch deshalb, so Finanzdezernent Palenker, ha-
be die Gemeindeführung »keine Probleme mit einem Verkauf«. In der Repräsentantenversammlung dieser Woche wollen die Gemeindevertreter über die Zukunft des Gebäudes entscheiden.

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