antike Texte

Geschichte oder Dichtung

von Dirk Hempel

Text ist gleich Text. Oder? Texte leben von ihren Auslegungen. Die können nach Herangehensweise des Interpretierenden oder Art und Sprache des Textes variieren und sind auch abhängig davon, was über die Entstehung des jeweiligen Werks überliefert ist. Wie also verhält es sich mit den Methoden zur Analyse eines Textes? Gibt es entscheidende Unterschiede, zum Beispiel für die Betrachtung antiker griechischer Literatur und die Auslegung der hebräischen Bibel, des Tanach? Was bedeutet Textverständnis überhaupt? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es in Methodik und Auslegung?
Fragen, mit denen man sich an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg beschäftigt. Aber nicht nur unter Wissenschaftlern, die sich der hebräischen Sprache, jüdischer Philosophie oder der Auslegung von Bibel und Talmud widmen. Die Hochschule arbeitet eng mit Forschern anderer Universitäten und Fachrichtungen zusammen: Mit Altphilologen, Ägyptologen, Experten für assyrisch-babylonische Schriften oder Literatur- und Bi- belwissenschaftlern. Im Juli trafen sich Experten zum ersten Mal zu einem Symposium über Chancen und Grenzen literaturwissenschaftlicher Zugänge bei der Interpretation antiker Texte. Das war der Beginn eines interdisziplinären Ansatzes, der bislang einzigartig ist.
Federführend ist Hanna Liss, Professorin für Bibel und Jüdische Bibelauslegung an der Hochschule für Jüdische Studien. Für die 42jährige war der Ansatz zu einer solchen Kooperation Ergebnis ihrer täglichen Arbeit. »Immer wieder habe ich mich mit Texten aus anderen Fachgebieten beschäftigt und überlegt, wo es Parallelen und Unterschiede gibt«, sagt Liss. Dabei ergaben sich spannende Fragen: Wel- che Disziplin ist weiter und warum? Was ist übertragbar? Was wird anders gesehen und aus welchen Gründen?
Daß der Impuls für diesen Austauschvon der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien ausgeht, ist kein Zufall. Bedingt durch den Charakter der Judaistik ergeben sich internationale Kontakte automatisch, die enge Zusammenarbeit mit Kollegen in den USA und Israel ist selbstverständlich. Auf nationaler oder selbst euro- päischer Ebene gibt es schlicht zu wenig Ansprechpartner. Der Hochschulstandort Heidelberg ist überschaubar. Interdisziplinarität versteht sich von selbst. Man tauscht sich untereinander aus, thematisiert Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der konkreten Arbeit mit Texten.
Seit Jahren läßt sich bereits eine Hinwendung zur literaturwissenschaftlichen

Analyse antiker Texte verzeichnen, weg von der rein historischen Betrachtung. Allerdings stellt sich dabei immer auch die Frage, inwiefern es einer Einschränkung für Gesetzestexte bedarf. Können die Bücher der Tora als fiktionale Schriften angesehen werden? Während die Altphilologen sich in solchen Fragen auf Aristoteles’ Unterscheidung zwischen Geschichtsschreibern und Dichtern berufen können, gibt es diese Trennung in den einige hundert Jahre älteren assyrischen, ägyptischen und hebräischen Schriften nicht.
Die grundsätzlichen Fragen, betont Hanna Liss, sind dennoch für alle Textformen gleichermaßen relevant, auch für religiöse Texte. Wichtig ist: Wahrheitsanspruch und Diskurs widersprechen sich. In der jüdischen Wissenschaft geht es traditionell um Meinungen: Die rabbinische Exegese lebt von Flexibilität und der Interpretation der Schriften.

Die implizite Mitteilung eines Textes bleibt dennoch, so Liss, »stets gültig. Sie kann vor je verschiedenem Hintergrund immer wieder neu ausgelegt und aktualisiert werden«. Diese literaturwissenschaftliche Betrachtung als fiktionalen Text ermöglicht so die Wahrnehmung einer identitätsbildenden Funktion der Schriften: »Die Auslegung und darin die je und je erneuerte Heiligung des Textes konstituiert also ihrerseits wiederum die Gemeinde.«
Liss will den neuen interdisziplinären Ansatz, die Kombination aus verschiedenen antiken Sprachwissenschaften mit der Literaturwissenschaft, aber nicht als methodische Doktrin verstanden wissen. Eine brauchbare Methodik müsse vielmehr am Text entwickelt werden. Verschiedene Methoden stehen dabei im Diskurs miteinander, man kann voneinander lernen ohne zugleich die Methoden exakt zu übernehmen. Das Symposion zum Austausch der verschiedenen Fachrichtungen und die Rezeption des jeweiligen Kenntnisstands ist für Liss deshalb ein »wichtiger und notwendiger Schritt«. Weitere sollen folgen. Die Basis für eine akademische Zusammenarbeit ist gelegt. Das alles trotz einiger Differenzen, die zwangsläufig aus den Unterschiedlichkeit von Sprachen resultieren. Semantisch erklären sich zum Beispiel griechische Texte weitgehend selbst, während in hebräischen Schriften stärker mit Denkformen gespielt wird. Auch die größere Anzahl von Tempi im Griechischen und die fehlende Vokalisierung bei hebräischen Werken lassen weitaus größere Interpretationsspielräume zu. Sprache ist nicht gleich Sprache. Und Text nicht gleich Text.

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