Angela Merkel

Geschichte gemacht

von Wladimir Struminski

Der Besuch der deutschen Regierungschefin beginnt typisch israelisch: mit einer Verspätung. Laut Programm sollte die Kranzniederlegung am Grab David Ben-Gurions in Sde Boker am Sonntag exakt um 16 Uhr 05 beginnen. Bei Israelis löst solche Genauigkeit ein Lächeln aus. Nicht ohne Grund: Der Zeitpunkt verstreicht, ohne dass die hohen Gäste – Angela Merkel und Israels Staatspräsident Schimon Peres – auftauchen. Beim Hubschraubertransport von Tel Aviv nach Sde Boker gab es logistische Probleme. Dann kommt Merkel doch, ein halbes Stündchen zu spät. Nachmittagsschatten legen sich auf die Hänge des Zin-Tals, als die Kanzlerin den aus roten Rosen und weißen Astern geflochtenen Kranz auf der steinernen Grabumrandung platziert. Dann rückt sie das Flechtwerk nach links. Es soll ja noch genug Platz für den Kranz von Peres bleiben. Eine aufmerksame Besucherin.
Merkels Gastspiel hat den 60. Jahrestag der israelischen Staatsgründung zum Anlass. Daher ehrt sie zum Auftakt Israels Gründungsvater Ben-Gurion. Peres, seinerzeit ein enger Vertrauter des »Alten«, ist von der Besucherin begeistert. Wie David Ben-Gurion regiere Angela Merkel »mit Worten und nicht mit Dolchen«, sagt er und strahlt die Deutsche väterlich an: Die Bundeskanzlerin ist jünger als seine Tochter. »Es ist gut, einen Führer zu treffen, dem man glauben kann«, sagt der Präsident auf Hebräisch. Im Deutschen macht die Dolmetscherin »Führungspersönlichkeit« daraus. Tücken der Sprache, Tücken der Geschichte.
Wenig später blickt Merkel doch etwas gequält drein: Beim Treffen mit den Kindern des Kibbuz Sde Boker ist sie an der gelbblauen Kunststoffrutsche zwischen israelischem Nachwuchs und einem immer näher rückenden Fotografenheer eingekeilt. Großes Aufatmen, als sie endlich im Versammlungssaal des Kibbuz Platz nehmen darf und wieder Luft bekommt. Die deutsche Regierungschefin erkundigt sich bei den Genossen nach dem Leben in ihrer Agrarkommune, bis die Zeit drängt: »Wir müssen sehen, dass wir hier wegkommen.« Schließlich wartet in Jerusalem Ehud Olmert mit dem Abendessen.
Am nächsten Morgen stehen Merkel und Olmert gemeinsam in der Gedenkhalle von Yad Vashem. Hier zündet die Kanzlerin die Ewige Flamme wieder an und legt einen Kranz zu Ehren der Holocaust-Opfer nieder. Danach geht sie wieder an ihren Platz, die Knie ein wenig eingeknickt, als wolle sie auf dem steinernen Fußboden nicht zu laut auftreten. Ihr Gesicht verrät: Das ist kein leichter Augenblick. Dass Olmert und acht seiner Minister mit ihr und den sie begleitenden deutschen Ministern nach Yad Vashem kamen, habe ihr viel bedeutet, wird Merkel später sagen. In das Gedenkbuch trägt sie ein: »Im Bewusstsein der Verantwortung Deutschlands für die Schoa unterstreicht die Bundesregierung mit den 1. Deutsch-Israelischen Konsultationen ihre Entschlossenheit zur gemeinsamen Gestaltung der Zukunft.«
Um die Zukunft beiderseitiger Beziehungen geht es bei den anschließenden Gesprächen zwischen der deutschen und der israelischen Ministerriege im Sitzungssaal des israelischen Kabinetts. Vor der Presse unterzeichnen die Ressortchefs aus Berlin und Jerusalem eine Reihe von Vereinbarungen. Fürs nächste Jahr, in dem die Bundesrepublik ihr 60-jähriges Bestehen feiert, ist die nächste Konsultationsrunde in Berlin geplant. Dass dies ein außenpolitisches Wagnis ist, wird Merkel bewusst sein. Doch die deutsch-israelischen Beziehungen »auf eine neue Stufe« zu stellen, ist ihr erklärtes Ziel. Eine echte Freundin Israels, sagt Gastgeber Olmert.
Auch in der Knesset wird Geschichte gemacht. Hier darf Merkel am Dienstag als erster ausländischer Regierungschef eine Rede halten – bisher durften dies nur Staatsoberhäupter. Und sie spricht Klartext: »Die Schoa erfüllt uns Deutsche mit Scham«. Den »beispiellosen Zivilisationsbruch« nimmt Merkel aber auch zum Ausgangspunkt für konkrete Politik. Die »historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar«. Den aktuellen Kontext dieser Worte spricht die Rednerin unverblümt aus: »Besonderen Anlass zur Sorge«, sagt sie, »geben ohne Zweifel die Drohungen, die der iranische Präsident gegen Israel und das jüdische Volk richtet … Wenn der Iran in den Besitz der Atombombe käme, dann hätte das verheerende Folgen … Das muss verhindert werden.«
Die Gastgeber danken es ihr mit starkem Applaus. Dass einige Knessetabgeordnete der – auf Deutsch gehaltenen – Rede ferngeblieben seien, versichert Oppositionsführer Benjamin Netanjahu, sei kein Protest gegen Merkel. »Es gibt unter uns niemanden, der nicht wüsste, dass es ein anderes Deutschland gibt«, sagt der Likudvorsitzende. »Es ist nicht selbstverständlich, dass wir unsere Herzen für Angehörige Ihres Volkes in Liebe öffnen«, spitzt Knessetpräsidentin Dalia Itzik den Gefühlszwiespalt zu. In Bezug auf den Iran klingen dennoch Differenzen an. Während Merkel betont, auf Diplomatie und notfalls strengere Sanktionen zu setzen, bleibt es Netanjahu überlassen, die israelische Position zu formulieren: »Es gibt auch andere Optionen, einschließlich der militärischen. Nur wenn Teheran weiß, dass es eine solche Option gibt, haben die Sanktionen eine Chance.« Ob die Kanzlerin dieser Logik im Stillen folgen kann? Das wird sich in den kommenden Wochen und Monaten zeigen. Noch am gleichen Abend ist die Israelreise abgeschlossen – das Thema Iran-Gefahr keineswegs.

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