kontroverse

Genie mit braunen Flecken

Knut Hamsun gilt als einer der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Schon sein erster Roman Hunger von 1890 begründete seinen Weltruhm. Die Geschichte des allmählichen psychischen und physischen Verfalls eines erfolglosen Schriftstellers gilt als Meilenstein der »stream-of-consciousness«-Erzähltechnik. 1920 erhielt der Norweger den Literaturnobelpreis.
Hamsun war aber nicht nur ein genialer Autor. Er war auch ein Nazi. Als der im KZ Esterwegen eingekerkerte Pazifist Carl von Ossietzky 1935 den Friedensnobelpreis erhielt, rechtfertigte Hamsun die Inhaftierung Ossietzkys und anderer Regimegegner: »Wenn die deutsche Regierung Kon- zentrationslager einrichtet, so sollte die Welt verstehen, dass das gute Gründe hat.« Auch den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in sein Heimatland 1940 begrüßte der Autor. Hamsun blieb ein Hitlerverehrer bis zum bitteren Ende. Noch am 7. Mai 1945 veröffentlichte er einen hymnischen Nachruf auf den durch Selbstmord geendeten »Führer«: »Er war eine reformatorische Gestalt von höchstem Range und sein historisches Schicksal war, dass er in einer Zeit beispielloser Niedertracht wirken musste, die ihn am Ende zu Boden schlug.«
Geboren wurde Knut Hamsun am 4. August 1859. In wenigen Wochen jährt sich seine Geburt zum 150. Mal. Norwegen versucht, mit dem Jubiläum politisch korrekt umzugehen. 2009 ist zum offiziellen Hamsun-Jahr erklärt worden, wobei die Ehrung des größten Dichters des Landes einhergehen soll mit einer schonungslosen Aufklärung über seine Nazinähe. Nicht genug, glauben manche in Israel, insbesondere angesichts der Tatsache, dass Norwegen kürzlich den Vorsitz einer Taskforce für internationale Zusammenarbeit in der Holocausterziehung übernommen hat. Das Hamsun-Gedenken werfe einen Schatten auf die Arbeit der Taskforce, so Efraim Zuroff vom Jerusalemer Simon Wiesenthal Center gegenüber der Zeitung Haaretz. Noch weiter geht Manfred Gerstenfeld, Herausgeber eines 2008 erschienenen Sammelbands über Antisemitismus und Antizionismus in Skandinavien früher und heute (Behind the humanitarian Mask, Jerusalem 2008). Er sieht in den Hamsunfeiern nur »die Spitze eines Eisbergs«. Bodil Borset, Direktor des Hamsun-Zentrums im nordnorwegischen Hamarøy, wo der Schriftsteller aufwuchs, hat Zuroff und Gerstenfeld eingeladen, bei einer Konferenz über Hamsun im kommenden Jahr aufzutreteten. Zuroff ist das zu spät. Er möchte, dass die Debatte so bald wie mög-lich stattfindet, damit sie, wie er sagt, »praktische Konsequenzen« hat.
Die Hamsun-Kontroverse erinnert nicht von ungefähr an den Dauerstreit um Richard Wagner. Hier wie dort geht es um das Spannungsverhältnis von Ästhetik, Person und Politik sowie um die Frage, ob das Werk eines Künstlers durch die negativen Seiten seiner Biografie entwertet wird. Und hier wie dort zeichnet sich die Praxis durch Inkonsistenz aus. So wie in Israel Wagner zwar verpönt ist, aber Richard Strauss – immerhin Präsident der NS-Reichsmusikkammer – problemlos aufgeführt werden kann, wird auch in der Literatur die jüdische politische Korrektheit nicht konsequent durchgehalten. Knut Hamsun war schließlich nicht der einzige große Autor des 20. Jahrhunderts mit dubiosen Ansichten. Auch der amerikanische Dichter T. S. Eliot war bekennender Antisemit. Trotzdem besuchen Juden gerne das Musical Cats, das auf Eliots Old Possum’s Book of Practical Cats basiert. Von einem Boykott des Dschungelbuchs des notorischen Judenhassers Rudyard Kipling hat man bisher auch noch nichts gehört. Michael Wuliger

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