Wirtschaftskrise

Gehen lassen

von Hannes Stein

Die Anti Defamation League tut es. Das American Jewish Committee tut es. Die Jewish Federation tut es sogar in ganz großem Umfang. Und auch die Yeshiva University ist munter dabei. All diese Or- ganisationen finden sich im Strudel des Mahlstroms gefangen, in den sich die Weltwirtschaft in den vergangenen Monaten verwandelt hat – und nun entlassen sie Mitarbeiter.
Das amerikanische Englisch kennt dafür schöne Euphemismen: So wird man in Amerika nicht etwa gefeuert, sondern der Chef »lässt jemanden gehen«. Der Präsident der Yeshiva University, Richard M. Joel, spricht da beinahe schon Tacheles, wenn er offenlegt, dass seine orthodoxe Universität 30,4 Prozent ihrer Dotierung verloren hat. (Beinahe ein Drittel, um Himmels willen!) 4,5 Prozent des Verlustes gehen auf das Konto des Betrügers Bernie Madoff, der die Rolle des guten jüdischen Onkels spielte, während er seine gesamte Umgebung – vor allem aber enge Freunde und in erster Linie jüdische Vereine – um Abermillionen betrog.
Das Resultat: 120 Leute, die allesamt nicht zum akademischen Personal gehören, mussten jetzt gehen. Einer von ihnen hat sich zu einem Interview bereiterklärt, allerdings unter der Bedingung, dass sein Name nicht genannt wird – er hat ein Schweigeabkommen unterschrieben. »Ich kann mich eigentlich nicht beklagen«, sagt dieser frisch Entlassene. »Gewiss, ich finde jammerschade, dass ich gehen musste. Ich habe mich an der Yeshiva University wohl gefühlt, als Jude habe ich schrecklich gern dort gearbeitet. Mein Chef hatte buchstäblich Tränen in den Augen, als er mir die schlechte Nachricht überbrachte. Viele Studenten haben mir aufmunternde E-Mails geschickt.« Aber der Verwaltungsapparat an der Yeshiva University sei sehr aufgeblasen gewesen. Man könne schwerlich behaupten, dass die Leute dort mit Arbeit ausgelastet gewesen wären. Die Krise erweise sich womöglich als Chance, um diesen Apparat auf ein vernünftiges Maß schrumpfen zu lassen.
Da unser frisch Entlassener nicht nur fromm, sondern ebenso sehr belesen ist, weiß er auch etwas über die halachischen Vorschriften für Entlassungen zu sagen. Diese sind nicht sehr arbeitnehmerfreundlich. »Halachisch bereiten Entlassungen nicht das geringste Problem«, antwortet unser Gesprächspartner. »Zwischen dem Unternehmer und seinem Angestellten gibt es einen Vertrag, demzufolge er über die Arbeitszeit seines Untergebenen verfügt. Er kann diesen Vertrag jederzeit beenden. Es gibt sogar eine Rechtsvorschrift, dass man das Birkat Hamason, das Tischgebet, abkürzen darf, damit man während der Arbeit nicht unnötig Zeit verplempert.
Im Talmud gibt es eine Geschichte über einen Rabbiner, der auf der Straße nicht zurückgrüßte, weil das bedeutet hätte, dass er später zur Arbeit gekommen wäre. Allerdings möchte ich nicht der jüdische Unternehmer sein, der seine 120 Jahre auf Erden absolviert hat und danach vor dem Angesicht des Ewigen rechtfertigen muss, warum er seinen Mitarbeitern nicht erlaubt hat zu bentschen.«
Doch hört man auch von anderen Erfahrungen, die einen sehr bitteren Geschmack auf der Zunge hinterlassen. Die in New York erscheinende jüdische Wochenzeitung »Forward« etwa kolportiert die Geschichte von Rochelle Mancini, die 23 Jahre lang für das American Jewish Committee in New York gearbeitet hatte. Am Vorabend des christlichen Neujahres wurde sie spät ins Chefbüro gerufen. Dort wurde ihr mitgeteilt, dass der nächste Arbeitstag ihr letzter sein werde.
Nun haben Entlassungen in Amerika meist die unangenehme Nebenwirkung, dass man seine Krankenversicherung verliert. (Die öffentlichen Krankenversicherungen – Medicare und Medicaid – sind für Ältere, Behinderte und Bedürftige ausgelegt; die normale Krankenversorgung wird in der Regel von der Firma getragen, für die man arbeitet.) Man teilte Rochelle Mancini mit, dass sie auf der Stelle einen Scheck für das American Jewish Committee ausstellen müsse, wenn sie ihre Krankenversicherung über den morgigen Tag hinaus behalten wolle.
Vor allem dieser letzte Punkt erbost sie: »Mit zwei Tagen Vorwarnzeit hätte ich hunderte Dollar für meine Krankenversicherung sparen können«, sagt sie. »Wenn man arbeitslos ist, sind solche Sachen sehr wichtig.« Gleichwohl: Frau Mancini hat grundsätzlich Verständnis dafür, dass ihr Arbeitgeber – der von Bernie Madoff finanziell schwer geschädigt wurde – keine andere Wahl hatte, als sie zu feuern.
Fasst man die wirtschaftliche Lage der jüdischen Organisationen insgesamt ins Auge, so schaut man aus der Vogelperspektive auf eine Landschaft mit Meteorkratern hinunter. Dazu ein paar Zahlen: Die Anti Defamation League hat 18 Mitarbeiter entlassen – 17 von ihnen in New York, das waren zehn Prozent der Arbeitnehmer. Die UJA-Federation in New York, ein Wohlfahrtsverband, musste 52 Mitarbeiter gehen lassen, das sind elf Prozent.
Aber es hat auch die Jewish Federations im Rest von Amerika getroffen. In Phoenix, Arizona, wurden etwa gleich sechs Arbeitsplätze auf einmal gestrichen – das entspricht 30 Prozent der Belegschaft. Die Meteoreinschläge bei den Federations haben enorme Krater hinterlassen – schließlich handelt es sich um humanitäre Organisationen. Weniger Mitarbeiter, das bedeu- tet: weniger Hilfe für arme, alte, kranke Juden.
Die Entlassungen werden von Presseerklärungen begleitet, die immer wieder dasselbe besagen. »In Erwartung der ökonomischen Krise müssen wir finanziell verantwortungsvoll handeln«, verlautbart Myrna Shinbaum von der Anti Defamation League. »Wir haben einen umfassenden Blick auf die Lage geworfen und tun unser Bestes, um die Branchen zusammenzuhalten«, sagt John Ruskay, der Vorstandsvorsitzende der UJA-Federation. Doch: »Die wirtschaftliche Lage wird immer grimmiger.« Man könnte übersetzen: Wir tun unser Bestes. Aber wir können nichts tun.
Eine jüdische Organisation, in der es bisher zu keinerlei Entlassungen kam, ist die Kaderschmiede des konservativen Judentums in den USA: das Jewish Theological Seminary in den Morningside Heights von New York. Zwar wird auch dort an allen Ecken und Enden gespart, aber das Campusgebäude steht trotzdem immer noch intakt inmitten der ökonomischen Kraterlandschaft. Masel tow, möge es so bleiben!
Die andere gute Nachricht: Man kann die amerikanischen Juden zwar um ihre Ersparnisse bringen, nicht aber um ihren Humor. Zu Purim veröffentlichte der »Forward« einen großartigen satirischen Beitrag. Aus Frust über die wirtschaftliche Situation, so hieß es dort, hätten sich die legendären »Weisen von Zion« in Florida zur Ruhe gesetzt – sie wollten sich fortan ganz dem Golfspiel widmen. Schließlich seien ausgerechnet jene zwei Branchen zusammengekracht, auf deren Kontrolle sie besonders stolz waren: das internationale Finanzwesen und die Zeitungen.

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