koscherer Wein

Geduldsprobe

von Malte Oberschelp

Ronald Müller-Hagen weiß noch nicht, ob er weitermachen will. Oder anders gesagt: ob er weitermachen kann. Vor zwei Jahren hat der Winzer aus dem Rheingau für die Winzergenossenschaft (WG) Erbach einen koscheren Wein produziert, einen Spätburgunder. In Deutschland ist das immer noch eine Seltenheit: Weniger als ein halbes Dutzend Winzer haben in den vergangenen 15 Jahren koscheren Weinbau betrieben. Und für die meisten war nach zwei Jahrgängen wieder Schluss.
»Man unterschätzt den Aufwand«, sagt Ronald Müller-Hagen. Die Kosten sind höher als bei anderen Weinen vergleichbarer Qualität. Gleichzeitig ist der potenzielle Kundenkreis kleiner. Unter diesen Voraussetzungen ist es für die Winzer nicht einfach, wirtschaftlich zu arbeiten.
»Der deutsche koschere Wein wird sicher noch 20 Jahre brauchen, um sich zu emanzipieren«, glaubt Wolfgang Lehmann. Er betreibt in Nauheim einen Weinhandel für exotische Weine und hat auch koschere Tropfen im Sortiment. Anfang der 90er-Jahre importierte Lehmann Weine der israelischen Golan Heights Winery und machte sie in Deutschland bekannt. »Daraufhin gab es immer die Frage: Gibt es auch koscheren Wein aus Deutschland?« Seitdem hat der Händler mehrere Winzer zum Anbau animiert, darunter auch Ronald Müller-Hagen.
Teilweise beteiligt sich Lehmann auch finanziell an der Herstellung. Beim Erbacher Spätburgunder 2007 hat er etwa die Reisekosten für den Pariser Oberrabbiner Ifflah bezahlt, der zum Ernten, Pressen und Abfüllen in den Rheingau kam. Dass Müller-Hagen jeweils einen Tank und einen Teil der Produktionskette für den koscheren Wein freihalten musste, verteuerte den Ablauf zusätzlich. Insgesamt schätzt Müller-Hagen die Mehrkosten pro Flasche – je nach produzierter Menge – auf ein bis drei Euro. »Da wir nur etwa 4.600 Flaschen abgefüllt haben, sind es bei uns drei Euro gewesen«, sagt der Winzer.
Schon ein Euro ist viel Geld im deutschen Weinhandel. In jedem Supermarkt sind ab 2,99 Euro Weine aus der ganzen Welt zu haben, und die deutschen Weintrinker achten mehr auf den Preis als auf die Qualität. In Erbach verkauft man den koscheren Spätburgunder zu 8,90 Euro. Die mit gerösteten Eichenchips ausgebaute Variante, die so die typisch vanillige Barrique-Note bekam, kostet 9,90 Euro. »Besonders dieser Wein schmeckt wirklich gut«, sagt Müller-Hagen, »aber es gibt natürlich Rotweine, die im Eichenfass lagern, vielleicht noch besser schmecken und einen oder zwei Euro günstiger sind.«
»Es ist schwierig, einen Markt zu finden, der über die jüdische Klientel hinausgeht«, meint der Winzer. Die koscheren Weine gehen in erster Linie an die jüdischen Gemeinden, jüdische Restaurants und an Kunden, die einen Bezug zu Israel haben. »In Deutschland ist es nur eine begrenzte Menge, die man absetzen kann«, sagt Wolfgang Lehmann. Obwohl gerade die jüdischen Gemeinden seit 1989 stark angewachsen sind. »Die meisten neuen Mitglieder aus Osteuropa müssen erst wieder lernen, was koscher bedeutet«, meint Lehmann. »Und die meisten Juden trinken im höheren Qualitätsbereich keinen koscheren Wein.«
Das hat folgenden Grund: Normalerweise dürfen Juden keinen Wein trinken, den Nichtjuden hergestellt haben. Eine Ausnahme liegt vor, wenn der Wein erwärmt wurde und dadurch zu einem Mevushal-Produkt wird. Bei Rotwein kommen die Winzer dieser Vorgabe mit der Maischeerhitzung nach: Die im Saft liegenden Schalen werden vor der Gärung kurzzeitig auf bis zu 80 Grad erwärmt und sofort wieder heruntergekühlt.
Dieses Verfahren wird bei vielen Rotweinen ohnehin angewandt, aber Spitzenwinzer lehnen es ab. Zwar verschafft die Maischeerhitzung dem Wein eine schöne Farbe, betont die Frucht und macht ihn sofort trinkreif, aber ein komplexer, lagerfähiger Wein kann nicht entstehen, weil der Tanningehalt zu niedrig ist. Zwar hat sich die Qualität des koscheren Weines in den vergangenen Jahren stark verbessert, aber mit maischevergorenen Weinen kann er oft nicht mithalten. Neben dem Preis ist das auf dem Markt das zweite Handicap.
Es gibt jedoch auch das Beispiel eines erfolgreichen deutschen Herstellers. Das Weingut Herbert Schenkel im rheinhessischen Schwabenheim hat 1995 als erstes koscheren Wein angebaut, auch das auf Initiative von Wolfgang Lehmann. Durch die Kontakte der Rabbiner gelang es, neben dem deutschen Absatz einen Export nach Australien, Neuseeland, Russland und Israel aufzubauen.
Von einigen Weinen hat das Gut bis zu 35.000 Flaschen pro Jahrgang verkauft. »Als der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in Israel war, haben wir den Wein für das Bankett gestellt«, erzählt Gunther Schenkel. »Wir hätten das sogar noch professioneller machen können, aber das merkt man wie immer erst hinterher.«
Allerdings hat Gunther Schenkel den koscheren Anbau mittlerweile aufgegeben, da er das Gut nur noch im Nebenerwerb betreibt und der Nachwuchs andere Interessen hat. Ronald Müller-Hagen, der einzige aktuelle Anbieter, wird sich in den nächsten Monaten mit Wolfgang Lehmann beraten, ob es eine Neuauflage ihres Spätburgunders geben wird. »Jetzt, wo wir das Know-How haben, wäre es eigentlich schade, mit dem koscheren Wein aufzuhören«, sagt Müller-Hagen. »Aber es hängt natürlich davon ab, wie sich der 2007er verkauft.«

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