NS-Bücherverbrennung

Gedenkbibliothek

von Carsten Dippel

Regen hätte das nächtliche Spektakel fast zunichte gemacht. Die Berliner Feuerwehr musste mit Benzin nachhelfen, wollte der auf dem Opernplatz errichtete Holzstoß doch nicht gleich brennen. Wie hier, so loderten am Abend des 10. Mai 1933 in mehr als 20 Städten des Deutschen Reiches die Scheiterhaufen. Eine Staffelreportage der Deutschen Welle übertrug live von den verschiedenen Schauplätzen. „Ich übergebe dem Feuer die Schriften von …“, ertönten markige „Feuersprüche“, bei denen in SA‐Uniform aufmarschierende Studenten die Werke „artfremder“ Autoren in die Flammen warfen. Darunter so berühmte Namen wie Kästner, Marx, Tucholsky …
Das gespenstische Treiben erinnerte an die Autodafés der Inquisition. Viele Deutsche mochten das für vorübergehenden Spuk halten. Noch brannten ja „nur“ Bücher. Doch hatten die Nazis nicht seit ihrer „Machtergreifung“ wenige Monate zuvor gezeigt, dass sie den Kampf gegen alles „Undeutsche“ auf brutalste Art ernst nahmen? Nach der Verfolgung der politischen Gegner und der Zerschlagung der Gewerkschaften waren nun Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler an der Reihe.
Die Art der öffentlichen Inszenierung mit ihrem Fackelaufmarsch, den SA‐Kolonnen, der rituellen Übergabe der verhassten Schriften an das Feuer – all das war abschreckend. Und doch auch verführerisch. Vor allem für jene Studenten, denen Goebbels zurief, aus dieser Asche erhebe sich der „Phönix eines neuen Geis‐ tes“. Manch ein Professor verlieh der Bücherverbrennung noch akademische Weihe, wie etwa der Germanist Friedrich Neumann, neuer Rektor der Georgia‐Augusta‐ Universität in Göttingen, mit einer flammenden Eröffnungsrede.
Wenn an jene Nacht vor 75 Jahren erinnert wird, dann meist an die eindrücklichen Bilder dieses makabren Schauspiels. Selten rückt jedoch das eigentliche Ausmaß der ganzen Kampagne „wider den undeutschen Geist“ in den Blick. Dabei reicht die von der Deutschen Studentenschaft ab Mitte April 1933 organisierte Aktion weit über ihren inszenatorischen Höhepunkt am Abend des 10. Mai hinaus.
Von einem „umfassenden Kulturbruch“ spricht etwa der Historiker Werner Treß, Mitarbeiter des Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrums (MMZ). Zum Jahrestag der Bücherverbrennung legt das Institut nun eine umfangreiche Dokumentation vor, aus der erstmals ersichtlich wird, wie breit die Kampagne angelegt war. Man könne heute über 90 Orte im gesamten Reichsgebiet ausmachen, so Treß. Der erste öffentliche Scheiterhaufen brannte bereits am 8. März in Dresden nach der Erstürmung der sozialdemokratischen Dresdner Volkszeitung durch die SA. Die letzte bisher nachweisbare Bücherverbrennung geschah am 9. Oktober 1933 in Rendsburg. Aber auch noch im April 1938 brannten nach dem „Anschluss“ Österreichs Bücher in Salzburg. Hinzu kamen kleinere Aktionen, wie jene in Berlin, bei der ein ganzer Klassensatz von Boccaccios Dekameron auf einem Schulhof verbrannt wurde.
Zugleich betont Treß, dass von den Bücherverbrennungen mindestens 280 Autoren betroffen waren – weit mehr als gemeinhin angenommen. Darunter viele, an die sich heute kaum noch jemand erinnere. Weil sie ins Exil getrieben wurden, weil sie nicht überlebten oder weil ihr Werk in Vergessenheit geriet. Wer kennt heute noch die Romane von Rahel Sanzara oder Robert Carr? Aber selbst der Name Ernest Hemingways tauchte auf einer der schwarzen Listen auf, die im Vorfeld des 10. Mai von der Deutschen Studentenschaft an ihre Einzelgliederungen versandt wurden. Verbrannt wurden jedoch nicht nur belletristische Werke, sondern zum überwiegenden Teil Sachbücher. Als besonders verderblich galten den Nazis schließlich auch die Schriften Sigmund Freuds oder Max Horkheimers. Ganz zu schweigen von jenen des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld, dessen Bibliothek am 6. Mai von einem studentischen „Kampfausschuss“ geplündert wurde. Manch eine wertvolle Sammlung, vermutet Treß, sei indes nicht vernichtet worden, sondern hätte diskret Eingang in staatliche Bibliotheken gefunden. Ähnlich der Kontroverse um die Restitution geraubter Kunstgüter warte hier noch eine „Raubbuchdebatte“.
Parallel zur Dokumentation erscheinen jetzt im Georg Olms Verlag die ersten zehn Bände einer vom Moses Mendelssohn Zentrum edierten „Bibliothek verbrannter Bücher“. Darunter finden sich im originalgetreuen Nachdruck Ausgaben von Kafkas Beim Bau der chinesischen Mauer, von Jack Londons Martin Eden oder André Gides Reisebericht Kongo und Tschad. Aber auch ein längst vergessener Roman wie Morgens um Neun von Gina Kaus. Geplant sind insgesamt 120 Bände – nur eine kleine Auswahl dessen, was damals vernichtet wurde. Zusammengestellt wurde die Sammlung von einem Expertenteam auf der Grundlage der berüchtigten schwarzen Listen.
Die jetzt in einer Kassette erscheinenden Titel sollen kostenlos an über 4.000 Schulen in Deutschland übergeben werden. „Unsere Idee war“, so MMZ‐Direktor Julius H. Schoeps, „ein Mahnmal zu konzipieren, das nicht in Stein geschlagen oder gegossen ist, sondern aus Büchern besteht.“ Damals zogen viele es vor, den heimischen Bücherschrank zu „säubern“. Vorsorglich, mit einer unbestimmten Angst im Bauch – nicht wenige auch aus Überzeugung. Werke von Heinrich Mann oder Alfred Döblin fanden diskret unter dem Sofa oder in der Laubenkolonie Platz. Und nicht selten waren es von den Nazis aufgestachelte Kinder, die den eigenen Eltern ihren „vergifteten“ Geschmack austreiben wollten. Mit der „Bibliothek verbrannter Bücher“ soll daher nicht nur an die zahlreichen verfemten Autoren erinnert werden. Man müsse vielmehr die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus neu beflügeln und gerade die junge Generation wieder an das heranführen, was in den Flammen 1933 zugrunde ging. Schoeps hofft auf den mobilisierenden Lerneffekt des Projektes. Es sei schon viel erreicht, wenn nur zwei Schüler einer jeden Schule einmal im Jahr in dieses Buchregal griffen.
www.verbrannte-buecher.de

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