Rom

Gassenhauer

Demonstrativ hatte Roms neuer Bürgermeister nach der Wahl um die Gunst der jüdischen Gemeinde gebuhlt. Einer seiner ersten Besuche führte Gianni Alemanno ins Ghetto, wo der ehemalige faschistische Hardliner zahlreiche Stimmen erhalten hatte. Die jüdische Gemeinde wertete den Besuch des Bürgermeisters als freundliche Geste. Doch wenige Wochen später setzte Alemanno das Vertrauen der jüdischen Römer durch eine provokante Ankündigung aufs Spiel: Er werde eine Straße der Hauptstadt nach Giorgio Almirante benennen, dem Gründer und langjährigen Vorsitzenden des neofaschistischen Movimento Sociale Italiano.
Die jüdische Gemeinde machte umgehend klar, dass sie die Würdigung von Alemannos ehemaligem Parteichef als »untragbar« ablehne. »Wir verurteilen diese Absicht ganz entschieden«, versicherte der Gemeindevorsitzende Riccardo Pacifici. Mit seinen Äußerungen zur Reinheit der Rasse habe sich Almirante zum Handlanger des Duce-Regimes gemacht. Emanuele Fiano, jüdischer Abgeordneter des Partito Democratico, zitierte im Parlament einige Passagen aus Almirantes Hetzartikeln in der von ihm gegründeten Zeitschrift »Verteidigung der Rasse«: »Wer nicht im Bewusstsein unserer Rasse lebt, fördert das Spiel der Juden und Mischlinge.« Der Rassismus müsse »zum täglichen Brot aller Italiener werden«.
Es handle sich um »schändliche Sätze«, gestand Kammerpräsident Gianfranco Fini, der die neofaschistische Partei 1995 durch Gründung der Nationalen Allianz von ihrem schwarzen Erbe befreit hatte. Doch wenige Stunden später würdigte er Almirante in einem Festakt im Parlament als »Vorkämpfer für Demokratie und Frieden«.
»Wir hoffen, dass der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde zu einer weniger arroganten und realistischen Einschätzung Almirantes gelangt«, sagte Fraktionschef Maurizio Gasparri. Und Verteidigungsminister Ignazio La Russa lud Pacifici zu einem Gespräch ein, um »anhand neuer Unterlagen« zu einer anderen Sicht der Dinge zu gelangen. Almirante sei bis zu seinem Tod 1988 ein großer Freund Israels gewesen und habe seine antisemitischen Entgleisungen aufrecht bedauert.
Dem Bürgermeister kam der Konflikt ungelegen. Eine Via Giorgio Almirante werde es in der Hauptstadt nur mit Zustimmung der jüdischen Mitbürger geben, versuchte Alemanno die Streitfrage zu ent- schärfen. Wenige Stunden später nahm er diese Zusicherung wieder zurück, nachdem Pacifici jeden Konsens unmissverständlich abgelehnt hatte: »Wir danken dem Bürgermeister für sein Entgegenkommen, doch die Entscheidung muss er allein nach seinem Gewissen treffen.« Ein Angebot zu einer gemeinsamen Studientagung über die Rolle Almirantes nahm Pacifici jedoch an.
Und um wieder Boden gutzumachen, nahm Alemanno an der Kundgebung der jüdischen Gemeinde gegen Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad teil. Dabei schlug die jüdische Jugendorganisation dem Bürgermeister eine andere Straßenbenennung vor: Die Via Nomentana, in der sich die iranische Botschaft befindet, solle in »Straße des 9. Juli 1999« umbenannt werden – zur Erinnerung an die Studentenkundgebung gegen das Ajatollah-Regime in Teheran. Alemanno fand die Anregung »überlegenswert«. Doch seine Hoffnung, die jüdische Gemeinde werde im Gegenzug einer Via Almirante zustimmen, dürfte sich wohl kaum erfüllen. Gerhard Mumelter

7. Oktober

Steinmeier: Antisemitische Hetze unerträglich aufgeflammt

Der schlimmste Anschlag auf Jüdinnen und Juden seit der Schoa: Der Bundespräsident verurteilt den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023. Und blickt auch auf die Lage im Gazastreifen

 08.10.2026

Terror

US-Präsident Trump glaubt, dass Iran hinter Flydubai-Attentat steckt

Noch ist unklar, ob und zu welchen ausländischen Organisationen der Attentäter Verbindungen hatte

 06.10.2026

Ein strategischer Bomber der US Air Force vom Typ B-1B Lancer auf dem Stützüpunkt Fairford in England (Archivbild)

Washington

Nach Anschlagsdrohung: B1-Bomber in die USA zurückverlegt

Das US-Militär hatte einige seiner Bomber wegen des Iran-Krieges nach Großbritannien verlegt. Nun wurden diese nach einem Vorfall am Stützpunkt wieder in die USA zurückbeordert. Die Frage ist: Warum?

 05.10.2026

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026