Shay Bar Or

Gänsehaut garantiert

von Christine Schmitt

Wenn er ein Ziel vor Augen hat, dann erreicht er es auch. Zumindest war es bislang so in seinem Leben. Derzeit arbeitet Shay Bar Or an seiner Gesangskarriere. Er will auf der Bühne stehen, am liebsten die selbst geschriebenen Lieder singen – und bei seinen Zuhörern Gänsehaut erzeugen. »Und wenn ich dann von meiner Musik auch noch leben könnte, das wäre perfekt«, sagt der 23-Jährige. Vor knapp einem Jahr kam der Israeli nach Berlin und ist in der jüdischen Gemeinde schon längst mehr als ein Geheimtipp.
Schwarzes T-Shirt, schwarze Hose, schwarze Haare, ein Piercing an der Augenbraue. Das tiefe Timbre ist Shays Markenzeichen. Seine dunkle Stimme begeistert seine Zuhörer jetzt in Deutschland, hat ihm aber auch schon während seiner Armeezeit in Israel geholfen. Denn nach der dreimonatigen Grundausbildung durfte er bei einer Militärband mitsingen. »Es gab 5.000 Bewerber, von denen nur 14 angenommen wurden«, sagt Bar Or. Die Aufnahmebedingungen seien »anstrengender als bei ‚Deutschland sucht den Superstar‘«, vermutet er. In Israel sei das Musikcorps, das hauptsächlich Soldaten unterhalten soll, sehr angesehen und mache einen bedeutenden Teil der Musikindustrie aus. Dass eine gute Stimme allein nicht ausreicht, hat er in dieser Zeit deutlich gespürt. Daraufhin nahm er Gesangsunterricht bei dem »Guru« Chaim Panieri, erzählt Shay. Später, kurz bevor er nach Berlin kam, ließ er sich von dem israelischen Star Ricki Gali unterrichten, um noch mehr Sicherheit beim Interpretieren und Präsentieren zu bekommen. »Ausgerechnet Ricki Gali, denn mit einem Lied von ihr fing meine Bühnenkarriere an«, sagt er und muss grinsen. Gerade mal sieben Jahre war er alt, als er bei einer Schulveranstaltung Applaus für seine Interpretation einer ihrer Songs erhielt.
Aufgewachsen ist er in Petach Tikwa bei Tel Aviv, wo seine Familie heute noch lebt. »Gesungen hatte ich schon immer, auch schon, als ich noch ein kleines Kind war«, meint der 23-Jährige. Später, in der Oberschule, sind es überwiegend israelische Evergreens, die er im Rampenlicht zum Besten gibt. Viel musste er nicht dafür tun. »Ich hatte mich eigentlich nie vorbereitet, sondern einfach so gesungen.« Er sei ganz zufrieden mit seinem damaligen Können gewesen. Dass auch er noch besser werden könnte, hatte er sich nicht überlegt. Immerhin umfasst seine Stimme mehrere Oktaven. Und damals stand auch schon fest: »Ich wollte Sänger werden.«
Zudem hat er mehrere Jahre lang Saxofon- und Klavierunterricht genommen. Alle in seiner Familie spielen ein Instrument, da konnte er nicht zurückstehen. »Aber das war nicht so mein Ding.« Dennoch hilft ihm jetzt diese Ausbildung. Manchmal hat er eine Melodie im Kopf und kann sich dann an die Tasten setzen, um sie festzuhalten. Ebenso geht es ihm mit dem Text. Den muss er immer sofort aufschreiben. Überwiegend Balladen. Et-
wa 40 Lieder hat er bisher verfasst, meistens sind sie sehr emotional und handeln von der Liebe. Die erste CD ist in Arbeit. Er selber hört am liebsten Rock-, Pop- und Soulmusik – was man seiner selbst komponierten Musik auch anmerkt.
»Ich muss immer etwas tun, faulenzen fällt mir schwer«, sagt er. Auch in seiner ersten Zeit in Berlin, als er kaum einen Menschen kannte, sei ihm die Decke nicht auf den Kopf gefallen. Arbeiten gehen darf er derzeit nicht, Studieren ist auch noch nicht möglich – also lernte er erst einmal Deutsch. Die neue Sprache beherrscht er bereits überraschend gut. Was er anpackt, zieht er durch. Aber bis es so weit ist, dauert es manchmal. Denn Entschlüsse zu fassen, da tue er sich mitunter schon schwer. Beispielsweise die Überle-
gung, nach Deutschland zu gehen. Lange hatte für ihn festgestanden, dass er nach dem Militär mal aus Israel raus müsse. Nur wohin? Nach mehreren Monaten entschied er sich dann doch – für Berlin. »Das ist eine aufregende Stadt, vor allem für Künstler.« Kennengelernt hatte er die Hauptstadt, als er seinen älteren Bruder in Düsseldorf be-
suchte, und einen Abstecher unternahm. »Die Stadt gefiel mir auf Anhieb.«
Und er gefällt den Berlinern. Nach seinen Auftritten – ob bei der WIZO-Sommerparty, dem Fest der Heinz-Galinski-Schule oder bei der 60-Jahr-Feier Israels auf dem Gendarmenmarkt – hat er hier schon eine kleine Fangemeinde.
Falls es mit der Gesangskarriere noch nicht so schnell klappt, möchte er studieren. Etwas in der Medienbranche könne er sich gut vorstellen. Allerdings wird es schwer, als Ausländer einen Studienplatz in Berlin zu bekommen, vermutet Shay.
Bleibt also erst mal der Gesang. Sein nächster Auftritt steht schon fest: Im Rahmen der Jüdischen Kulturtage will er am Sonntag, 21. September, ab 12 Uhr beim »Tag der Gemeinde« in der Fasanenstraße die Zuhörer mit seiner tiefen Stimme begeistern – Gänsehaut garantiert.

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