Jubiläum

Fünf Jahre am Hasenberg

von Ralf Hübner

Tiefhängende Wolken hüllen Dresden in tristes November-Grau. Unablässig peitscht Regen auf das jüdische Gemeindezentrum an der Elbe. Dennoch wartet vor der Eingangstür eine Traube von Menschen, die sich mit Schirmen vor den Güssen schützen will. »Unglaublich«, sagt Heinz-Joachim Aris, der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Sachsen. Er ist begeistert vom Andrang der vielen Gäste.
Rund 1.500 Besucher kommen an diesem verregneten Novembersonntag zum Tag der offenen Tür in die Dresdner jüdische Gemeinde. »Das haben wir nicht erwartet«, sagt Aris. Die Gemeinde hatte gemeinsam mit der Vereinigten Israel Aktion Keren Hayesod sowie befreundeten Vereinen wie ihrem Freundeskreis, der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, dem jüdischen Kulturverein Hatikva und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft zu einem Tag der offenen Tür eingeladen.
Dabei war das Interesse der Gäste vor allem an dem in sich gedrehten Kubus der neuen Synagoge ungebrochen. Seit der Eröffnung vor fünf Jahren haben sich rund 100.000 Besucher das Bauwerk angesehen, sagt Aris. Zwei Tage nach der Einweihung im November 2001 hatte es schon einmal einen Tag der offenen Tür gegeben. Damals standen die Dresdner, um das Bauwerk zu besichtigen, ebenso Schlange wie an diesem verregneten 5. November. Auch an diesem Sonntag warten stets fünfzig bis sechzig Neugierige vor der Tür, um an den stündlichen Führungen teilzunehmen.
»Die jüdische Gemeinde besetzt mittlerweile einen festen Platz in der Mitte der Gesellschaft«, sagt Heinz-Joachim Aris zum Auftakt des Besichtigungstages. Ihre Meinung sei vor allem im politischen Leben gefragt. Die gesellschaftliche Akzeptanz der Gemeinde habe zugenommen.
Seit dem Umzug in die neue Synagoge vor fünf Jahren ist die Zahl der Gemeindemitglieder von 378 auf heute 686 angewachsen. Dresdens Zweiter Bürgermeister, Herbert Feßenmayr (CDU), der als Vertreter der Stadtverwaltung zum fünfjährigen Jubiläum gekommen ist, nennt die Synagoge ein gutes, in die Zukunft weisendes Zeichen. Er berichtet, daß die Stadt seit 1994 regelmäßig ehemalige Dresdner Juden aus aller Welt einlädt, um sie mit ihrem früheren Lebensmittelpunkt, dem Ort ihrer Kindheit, zu versöhnen. Synagoge und wiederaufgebaute Frauenkirche seien Bauwerke dieser Versöhnung, sagt Feßenmayr.
Andrang herrscht beim Tag der offenen Tür aber nicht nur bei den Synagogen-Führungen, die die Gemeindevorsitzende, die Historikerin Nora Goldenbogen, persönlich vornimmt. Viele Besucher nutzen offensichtlich die Gelegenheit, bei der Gemeinde selbst vorbeizuschauen. »Wir wollten uns das Gemeindezentrum schon lange mal ansehen und hatten bisher keine Zeit«, sagt ein Mann um die 50, der mit seiner Frau gekommen ist.
Im Gemeindesaal ist kein Platz mehr frei, als am Nachmittag die Theaterschule Solomon Plyar ihr Stück Das Lächeln der Anna aufführt. Es ist die Geschichte um Gräfin Cosel, die bekannteste Mätresse August des Starken, und den Porzellan-Erfinder Johann Friedrich Böttger – eine Referenz der jüdischen Gemeinde an das 800jährige Stadtjubiläum Dresdens.
Etwa zur gleichen Zeit wird zwei Etagen höher ein Multimedia-Vortrag über 250 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gehalten. Im Gemeindesaal bestimmen unterdessen nach Theater- und Tanzvorführungen und Musik mit Yashov Shepiro mehr die leisen Töne einer Lesung mit Lars Jung das Programm. Eine Auktion, bei der Bilder von Künstlern wie Hermann Naumann, Irina Chipowska und Carla Weckeßer versteigert werden, erbringt rund 500 Euro. Dieser Erlös sowie weitere bei einer Benefizaktion gesammelte Spenden sollen krebskranken Kindern in Beer Schewa in Israel zugute kommen.
Enttäuscht sind die Besucher darüber, daß beim Gemeindefest nicht wie angekündigt der Berliner Publizist und Autor Henryk M. Broder auftritt. Er mußte seine Teilnahme wenige Tage zuvor aus gesundheit- lichen Gründen absagen. Die Lesung und Podiumsdiskussion mit ihm mußten gestrichen werden. »Ich finde es schade«, sagt die Gemeindevorsitzende Nora Goldenbogen, »ich hätte bei der Diskussion gern etwas geistige Anregung erhalten.« Einer der Besucher des Gemeindefestes ist der 77jährige evangelische Pfarrer Siegfried Reimann. Er registriert das Treiben im Gemeindezentrum mit Zufriedenheit. Mitte der 90er Jahre gehörte er zu den Initiatoren für den Bau der neuen Dresdner Synagoge.
Manche Gäste sind sogar aus dem Ausland angereist: der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde im nordböhmischen Decín, Vladimir Poskocil, und einige seiner Gemeindemitglieder haben sich zum Gemeindefest auf den Weg nach Dresden gemacht. Das Ausland ist von der sächsischen Landeshauptstadt nicht weit entfernt. Nur eine knappe Autostunde ist es bis nach Decín, das ehemalige Tetschen-Bodenbach. »Wir wollen die alten Beziehungen wiederbeleben, wie sie vor dem Krieg zwischen beiden Gemeinden bestanden haben«, sagt Poskocil. Das Projekt wird unter anderem von der Europäischen Union gefördert. Solche länderübergreifenden gegenseitigen Besuche sollen die Kontakte verbessern. Derzeit werden im Gemeindesaal der Dresdner Gemeinde Bilder aus Decín ausgestellt. »Dresden will nicht nur die Wirtschaft zu den Nachbarregionen ausbauen, sondern auch an andere alte Beziehungen des Kulturraumes an der Elbe anknüpfen«, sagt Dresdens Sozialbürgermeister Tobias Kogge (CDU). Er ist gekommen, um sich Synagoge und jüdische Gemeinde anzuschauen. Der starke Besucherandrang ist auch für ihn ein Zeichen dafür, daß die Jüdische Gemeinde wieder in der Mitte Dresdens angekommen ist.

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