Pessach

Fromme Wünsche, leere Worte

von Hannes Stein

Das New Yorker Stadtviertel Boro Park im Herzen von Brooklyn beherbergt die größte fromme Judengemeinde außerhalb Israels. Dem Passanten, der durch die Straßen schlendert, bietet sich ein vertrautes Bild, das er aus Mea Schearim oder Bnei Brak kennt: Frauen mit Kinderwägen, Männer mit Hüten und Schläfenlocken, die Kinder an der Hand führen, ferner dutzendweise Kinder, die allein über die Gehsteige laufen. Wie in den meisten jüdisch‐frommen Gegenden leben auch in Boro Park viele Familien am Rande des Existenzminimums: Die Väter gehen den ganzen Tag ins „Kollel“ und lernen, der einzige Verdienst kommt von den Frauen – und von der Sozialhilfe.
Die Finanz‐ und Wirtschaftskrise hat hier existenzielle Auswirkungen, vor allem zu Pessach, das ohnehin kein billiges Fest ist. „Wir leben in heiklen Zeiten, was das Finanzielle betrifft“, sagt Dov Hikind, der Boro Park als Abgeordneter der demokratischen Partei im Parlament des Bundesstaates New York vertritt. „Die Leute wissen nicht, wie sie ihre nächste Mahlzeit auf den Tisch kriegen sollen, geschweige denn, dass sie all das bezahlen können, was man zu Pessach braucht.“
Hikind, der selbst ein toratreuer Jude ist (und äußerst rechte Positionen vertritt, wenn es um Israel geht) hat deshalb in einem Brief an die Manager führender koscherer Lebensmittelkonzerne appelliert, dass sie ihre Preise zu Pessach dieses Jahr nicht anheben, ja womöglich sogar senken. „Viele unserer Brüder leiden unter Angst und Unsicherheit und wissen nicht, wie sie die teuren Pessachausgaben finanzieren sollen. Zusammen können wir den Stress unserer jüdischen Brüder lindern“, heißt es in dem Schreiben.
Schließlich hätten auch die jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen vor Ort unter der Wirtschaftskrise zu leiden: Die privaten Spenden strömen nicht mehr, sie tröpfeln nur noch – und der Staat hat seine Zuwendungen drastisch gekürzt. Wenn nun auch noch die Lebensmittelpreise steigen, sieht es für die Armen schlecht aus. „Jedes Jahr rezitieren wir zu Pessach: ‚Wer immer hungrig ist, möge kommen und mit uns essen‘“, sagt Dov Hikind. „Ich versuche sicherzustellen, dass an diesem Pessach niemand hungrig ist oder auf die Freundlichkeit von Fremden zählen muss.“
Die gute Nachricht: David Weinberger, Manager beim Koscher‐Unternehmen „Golden Flow“, und Larry Farkas von „Mehadrin Dairy“ deuteten an, dass sie die Milchpreise nicht anheben wollen. Schneur Bis‐ tritzky, der Chef der „Ahava Food Company“, sagt, aus sozialem Verantwortungsgefühl werde seine Milch zu Pessach sogar um 25 bis 40 Prozent billiger sein als gewöhnlich. Und Shia Friedman, Manager der koscheren „Reisman Bakery“ in Brooklyn, versprach, er werde die Preise von Pessach‐ produkten für die Läden um 15 Prozent senken. Dov Hikind hat sich über diese ersten Reaktionen natürlich gefreut: „Ich hoffe, dass diese Entscheidungen andere Lebensmittelgroßhändler ermutigen werden, das Gleiche zu tun“, ließ er verlautbaren.
Und nun die schlechte Nachricht: Bei diesen Absichtserklärungen handelt es sich vermutlich nur um wohlklingende Worte. Hier eine Stichprobe in verschiedenen Lebensmittelläden in Boro Park. Der Mann mit dem gewaltigen roten Bart, der hinter der Kasse des netten kleinen Ladens an der 17. Avenue steht, schüttelt den Kopf – von einer Senkung der Lebensmittelpreise zu Pessach hat er noch nichts gehört. Die glattkoschere Milch kostet bei ihm 1,99 Dollar für die halbe Gallone – billig kann man das nicht nennen. Auch im Supermarkt an der Utrecht Avenue sind die Preise keineswegs gesenkt worden (die halbe Gallone Milch kostet hier sogar 2,79 Dollar!). Ein frommer Mann, der mit vollgefüllten Plastiktaschen die Straße entlanggeht, kann ebenfalls nicht berichten, dass irgendetwas billiger geworden sei.
Vielleicht sieht es in Crown Heights anders aus, immerhin haben dort die Lubawitscher Chassidim ihr Hauptquartier. Im „Pessach Shop“ in der Kingston Avenue knöpft man uns für zwei Pakete „Mazza Schmura“ und zwei Rollen koschere Pessach‐Kekse ungelogen 81 Dollar ab. Chag sameach! Aber eigentlich dürfen wir uns nicht beschweren: Hätten wir in dem Weinladen ein paar Meter weiter oben eine Flasche „Generation VIII 2006 Cabernet Sauvignon“ des Winzerbetriebs To Kalon ge‐ kauft, wären wir auf einen Schlag 200 Dollar losgeworden.
Zu Hause angekommen, gilt der erste Telefonanruf der „Reisman Bakery“, einer jener Firmen, die Dov Hikind versprochen hatten, sie wollten in diesem Krisenjahr kulant sein. Die Dame am anderen Ende der Leitung räumt ein, dass man sich mittlerweile besonnen habe: Die Preise würden nicht gesenkt.

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