Köln

Freitags frische Challe

von Susanne Rohlfing

Sein weißes Hemd und die Krawatte hat Daniel Lemberg gegen ein schwarzes T-Shirt, die Anzughose gegen eine schwarze Jeans eingetauscht. Die nagelneue, strahlendweiße Schürze liegt achtlos im Regal neben der Kasse. Statt der Kippa hat Lemberg eine Baseball-Kappe auf dem Kopf. Alltag ist eingekehrt.
Eine Frau kommt in den kleinen Laden in der Weyerstraße und fragt: »Haben Sie Kneidel?« Die gibt es noch bei »Hamason«. Frischer Humus, Yarden-Wein und die Marmelade aus Feigen und Datteln sind schon ausverkauft. Auch Bamba, israelische Erdnußflips, »gehen weg wie warme Semmeln«, sagt Lemberg, »aber das habe ich geahnt, davon hatte ich einen großen Vorrat besorgt.« Dennoch: Schon drei Tage nach der Eröffnung des ersten koscheren Lebensmittelladens in Köln muß der 40jährige wieder zum Großhändler fahren, um die Lücken in dem langen Regal an der Wand aufzufüllen.
Noch weiß Lemberg nicht, ob sich das Wagnis rentiert. Aber er wirkt gelassen, ja zufrieden. Auch der Kölner Rabbiner Nethanel Teitelbaum ist zufrieden. Er hat Lemberg bei dem Vorhaben, einen koscheren Laden zu eröffnen, unterstützt. »Damit zeigen wir nach draußen, daß es in Köln jüdisches Leben gibt«, sagt Teitelbaum. Neben Krabbelgruppe, Kindergarten, Grundschule, Studentenbund, Seniorenklub und Elternheim der Gemeinde existiert jetzt also auch ein selbständig geführter Lebensmittelladen. »Das jüdische Leben beginnt Schritt für Schritt wieder aufzublühen«, sagt Lemberg, »was natürlich nur durch die Zuwanderung aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion möglich war«.
Der 40jährige hat Netzwerkadministration studiert, war Personaldisponent bei der Bahn und hat zuletzt bei einer Versicherung gearbeitet, bevor er seine Leidenschaft zum Beruf machte. Denn privat ist Lemberg ohnehin regelmäßig für sich und Freunde zum Einkaufen nach Antwerpen gefahren. Noch vor 15 Jahren hatte die Kölner Synagogen-Gemeinde nur 1.200 Mitglieder, ein eigener koscherer Laden hätte sich nicht gelohnt. Inzwischen leben 5.000 Juden in der Stadt. Zwar führen nur wenige einen koscheren Haushalt, aber durch den Laden bestehe jetzt wenigstens die Möglichkeit dazu, sagt Lemberg.
Aber auch wer keinen Wert auf koschere Lebensmittel legt, kann bei Hamason einige israelische Leckereien finden. Ganz besonders würzige Oliven zum Beispiel, wie man sie sonst nirgendwo kaufen kann, und Gefilte Fisch, oder in Salz eingelegte Gurken. »Die haben einen ganz anderen Geschmack, nicht so mild und süß wie hier in Deutschland«, sagt Lemberg. Der Geschäftsinhaber hofft, daß er damit nicht nur Juden ansprechen kann. »Tausend türkische Läden überleben hier nebeneinander, da wird es meiner ohne Konkurrenz ja wohl auch schaffen.«
Koscheres Essen habe nicht nur etwas mit Religion zu tun, sagt Ebi Lehrer vom Vorstand der Kölner Synagogen-Gemeinde, »es ist außerdem gesund«. Er hofft, daß Lembergs Laden sich auch als eine Art Reformhaus etablieren kann.
Das Geschäft liegt im Zentrum von Köln, nicht weit von der Synagoge entfernt. Ein unscheinbares Ladenlokal in einer Einbahnstraße. Auf der einen Seite das lange Regal, auf der anderen eine einfache Kasse, ein Coca-Cola-Kühlschrank mit Wurstwaren und eine Gefriertruhe mit Fleisch. Besondere Sicherheitsvorkehrungen gibt es nicht. »Das war nur ein kurzer Gedanke«, sagt Lemberg, »ich habe keine Angst«. Die Zeiten haben sich geändert. »Früher saß man immer auf gepackten Koffern und hatte im Hinterkopf: Sobald etwas passiert, bin ich weg.« Inzwischen seien Juden nach Köln gekommen, die ihre Koffer ganz bewußt hier ausgepackt haben. Das verändert die Wahrnehmung.
Vor 15 Jahren stand Lemberg mit Sack und Pack in Tel Aviv. Idealismus sei es gewesen, sagt er, und die Hoffnung, »daß es in Israel leichter ist, ein jüdisches Leben zu führen«. Der gebürtige Kölner scheiterte jedoch an bürokratischen Hürden. Nach einer vergeblichen Odyssee von Amt zu Amt gab er auf und kehrte zurück.
Lemberg ist nicht mit den jüdischen Traditionen aufgewachsen. »Wir haben damals einfach nur gelebt«, sagt er über sein Elternhaus. Später habe er in »dieser Welt, die sich immer schneller dreht und in der man schon veraltet ist, wenn man ein Handy ohne Fotoapparat hat«, nach dem Sinn des Lebens gesucht. Nach und nach bestimmte das Judentum seinen Alltag. Kaschrut, die Feiertage, die Gottesdienstbesuche – all das ist dem 40jährigen inzwischen selbstverständlich. Der Schabbat ist ein Ruhepol in seinem Leben, er ist der Tag, der ihm Kraft gibt. Und an dem eine Challe auf den Tisch gehört. Die besorgt Lemberg jetzt immer freitags frisch aus Antwerpen.

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