Orientierung

Freier Fall

Es ist bemerkenswert, dass statis‐tisch gesehen heute viel mehr Ju‐
den zu ihrer Religion zurück‐
kehren als sie verlassen. Und ge‐
rade Deutschland zählt zu den Ländern, wo sehr viele, insbesondere Jugendliche, den Weg zurück zum Judentum finden. Doch verläuft der Prozess des religiösen Werdens sehr langsam. Andersherum verlieren Menschen, die von ihrer Religion abkommen, sehr oft innerhalb kürzester Zeit jeglichen Bezug zu ihren religiösen Wurzeln. Woran liegt das? Warum und vor allem wie kann man so schnell von einem Ex‐
trem zum anderen wechseln und so ei‐
nen riesigen spirituellen Fall in kürzester Zeit erleben?
Wir können versuchen, diese Frage mit‐ hilfe von Rabbiner Chaim Schmulewitsch zu beantworten. In seinem Buch Sichot Mussar, in dem er sich mit ethischen Themen auseinandersetzt, analysiert er Fälle der Tora, die eine gewisse Ähnlichkeit zu unserer Fragestellung haben: Zum Beispiel wie die Bnei Israel kurz nach dem Auszug aus Ägypten und den unbeschreiblichen Wundern, die sie gesehen und erlebt ha‐
ben, begannen, dem Goldenen Kalb zu dienen. Oder die Geschichte von Kain und Abel. Kurz nachdem Kain selbst mit dem Allmächtigen sprach, beging er einen Mord, wonach er es sogar wagte, den Allmächtigen zu leugnen.

Abgründe Ein anderes Beispiel, das Rabbiner Schmulewitsch aufgreift, ist das von Ruth und Orpah. Bis zu einem bestimmten Tag befanden sich beide auf dem selben spirituellen Niveau. Doch nachdem ihre Schwiegermutter sie beide wegschicken wollte, ist nur Ruth ihr gefolgt, Orpah hingegen kehrte zurück und fiel in die tiefsten Abgründe. Und das alles innerhalb eines Tages. Doch wie kann das sein, fragt Rabbi Chaim Schmulewitsch, dass diese Menschen, die auf einer so großen geistigen Stufe standen, innerhalb von so einer kurzen Zeit so tief fallen konnten?
Die Antwort auf unsere Frage kann man in der Geschichte über Kain und Abel finden. Die Tora beschreibt, wie Kain, nach‐ dem G’tt sein Opfer nicht annahm, sauer wurde und verzweifelte. Genau solche Um‐
stände, sagt Rabbiner Schmulewitsch, be‐
reiten den optimalen Lebensraum für den bösen Trieb. Sobald man sich in so einem moralischen Zustand befindet, wird man dem bösen Trieb wie auf einem silbernen Tablett serviert. Und der kann einen im Bruchteil der Sekunde zu den schlimmsten Sünden verleiten. Enttäuschung und Verzweiflung sind zwei gefährliche Komponenten, deren Auswirkungen leider sehr oft unterschätzt werden.
Auch die anderen Beispiele der Tora‐geschichten verdeutlichen die Theorie von Rabbi Schmulewitsch. So war Mosche Rabejnu der alleinige Lehrer und Anführer des jüdischen Volkes in der Wüste. Doch als er beim Empfang der Tora 40 Tage und 40 Nächte auf dem Berg Sinai verbrachte, bekam das Volk, dessen Blicke nur auf ihn gerichtet waren, ihn nicht zu sehen. Die Menschen begannen zu glauben, Mosche sei gestorben, was eine große Verzweiflung, Enttäuschung und das Gefühl des Verlorenseins im Volk auslöste. Die Folge war das Goldene Kalb.

Verzweiflung So ist es auch mit der Geschichte von Ruth und Orpah. Beide versprachen ihrer Schwiegermutter Naomi, ihr überallhin zu folgen und ihrem G’tt zu dienen. Doch nachdem Naomi sie wegschickte, ist nur eine ihr gefolgt: Ruth. Sie wurde zu einer gerechten jüdischen Frau, einer ihrer Nachkommen ist König David. Die andere wurde infolge ihrer Enttäuschung und Verzweiflung noch in derselben Nacht zur Prostituierten. Einer ihrer Nachkommen ist Goliath. Also sehen wir anhand dieser Beispiele, wie gefährlich und zerstörerisch die Verzweiflung und die Enttäuschung sein können.
Der Talmud (Traktat Chagiga) erzählt, wie Rabbi Jehuda Hanassi aus dem Buch Kinot (über die Zerstörung des Tempels) gelesen hat. Doch als er zu dem Vers »Er warf Israel vom Himmel auf die Erde« kam, fiel ihm das Buch aus den Händen auf den Boden. Daraufhin sagte er: »In der Tat, sind sie von hohem Dach in die tiefe Grube gefallen«. Doch was ist die Bedeutung dieser Geschichte? Was hat Rabbi Je‐
huda im Fall seines Buch gesehen, dass sein Verständnis des gelesenen Verses veränderte? Rabbi Schmulewitsch erklärt es so: Als Rabbi Jehuda das Buch auf der Erde anschaute, begriff er, dass der Ort, an dem sich das Buch befindet, vollkommen irrelevant ist. Ob es nun in seiner Hand ist oder auf dem Boden. Denn das Buch bleibt un‐
verändert. Es ist der Fall, der es beschädigt. So ist es nicht die Veränderung der Position, die das Volk Israel in so einen Zu‐stand versetzte, sondern der Fall selbst. Das ist das wahre Verständnis des Verses, sagt Rabbi Schmulewitsch, es ist nicht die Veränderung der Position vom Himmel auf die Erde, sondern die Tatsache, dass sie gefallen sind und die damit verbundene Enttäuschung, die so zerstörerisch auf das Volk wirkte.

Kontrolle Doch wie schafft man es, seinen Fall rechtzeitig zu beenden? Und wie kann man sich danach wieder aufbauen? Rabbiner Schmulewitsch hat auch darauf eine Antwort. Jeder Mensch muss verstehen, dass das Leben keine Gerade ist, sondern aus ständigen Höhen und Tiefen besteht. Und deswegen muss jeder von uns aufpassen, wenn er fühlt, dass er sich gerade im Prozess des Fallens befindet, dass er sich nicht vollkommen verliert. Denn meist ist der Fall selbst und die damit verbundene Enttäuschung zerstörerischer als die Stufe, zu der man dadurch gelangt. Doch wenn ein Mensch sich zusammenreißt und die Kontrolle über sich selbst wiedergewinnt, wird er es immer schaffen, dieselbe oder sogar eine höhere Stufe zu erreichen. Unabhängig von den Bedingungen, in denen er sich gerade befindet.
Und das lernen wir von König Salomo. Es ist allseits bekannt, dass er einer der mächtigsten Herrscher des Landes Israel war. Doch nur wenige wissen, dass König Salomo einst seine ganze Macht, seinen Reichtum und sogar sein Haus verloren hat und zu einem Obdachlosen wurde, der durch das Land zog. Der Talmud im Traktat Sanhedrin bezeichnet ihn als einen Herrscher über seinen Stab. Dass heißt, dass er nichts anderes besaß als einen unbedeutenden Stab, alles andere ging ihm verloren. Doch der Talmud sagt nicht umsonst, dass er über den Stab herrschte. In seiner Weisheit verstand König Salomo, das er seinen Fall aufhalten musste, sonst würde er alles, sogar den letzten Stab verlieren. Außerdem war ihm bewusst, dass er immer noch derselbe Mensch geblieben war wie zuvor, mit den selben Eigenschaften eines hervorragenden Herrschers. Und deswegen herrschte er auch über das was ihm zu Verfügung stand, nämlich über seinen Stab. Und obwohl er wieder ganz klein anfangen musste, wurde er in kürzester Zeit wieder der König der damaligen Weltmacht Israel.
Vielleicht ist genau das die Bedeutung einer anderen talmudischen Aussage im Traktat Taanit, dass nicht der Ort den Menschen macht, sondern der Mensch macht den Ort. Denn egal in welcher Situation und an welchem Ort ein Mensch sich befindet, er hat immer die Kraft und die Möglichkeit, er selbst zu bleiben und sein Umfeld zu verändern, statt sich der Situation anzupassen. Der Schlüssel dazu ist der mit dem Glauben verbundene starke Wille. Denn »so wie ein Mensch geführt werden möchte, wird er auch geführt« (Talmud, Traktat Makkot).
Lassen wir uns nicht zum Fall, sondern zum Aufstieg führen.

Der Autor ist Assistenzrabbiner der Synagogengemeinde zu Köln.

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