Soferet

Frauenrolle

von Chajm Guski

Der Talmud sagt im Traktat Sanhedrin, jeder Jude sei verpflichtet, eine Torarolle zu schreiben. Bekanntermaßen ist das eher unrea-
listisch, und so können Gemeindemitglieder diese Mizwa häufig er- füllen, indem sie beispielsweise einen Buchstaben in einer neu entstehenden Tora bezahlen, oder später selber einen Buchstaben der Rolle hinzufügen. Zumeist ist selbst dies heute eine seltene Gelegenheit. Wenige Gemeinden leisten sich den Luxus, wirklich neue Tora-Rollen in Auftrag zu geben.
Der Beauftragte, ein Sofer (ein »Schreiber«), hat also in einem solchen Falle eine große Last zu tragen, er muss die Mizwa des Toraschreibens erfüllen und die vielen halachischen Regeln kennen, die bei dieser wichtigen Aufgabe zu beachten sind. Zumeist lernt man dies von einem Sofer selbst. Dieser führt seinen Schüler ein in die Geheimnisse um die Dokumente die einen Sofer benötigen: Tora, Teffilin und Mesusot. Am Ende des Studiums steht natürlich die Überreichung eines Zertifikats, so dass man sein Können nachweisen kann.
Aviel Barclay aus Vancouver in Kanada ist genau diesen Weg gegangen: Sie studierte bei einem orthodoxen Sofer in Israel und fertigt nun Mesusot, die Pergamente für die Teffilin, repariert und schreibt Torarollen für Gemeinden, die diese in Auftrag geben. Das Ungewöhnliche an Aviel Barclay ist, dass es sich hier um eine Frau handelt, die diesen Weg gegangen ist. Und noch ungewöhnlicher ist unter Umständen, dass sie ihn nicht im Namen einer progressiven Strömung gegangen ist, um eine weitere Männerdomäne zu durchbrechen – sie geht den Weg für die Art von Judentum, das sie lebt, das orthodoxe Judentum.
Begonnen hatte die heute
38-Jährige bereits in ihrer Kindheit, wie sie erzählt. Schon als junges Mädchen hätten sie hebräische Buchstaben fasziniert, dennoch begann sie erst 1994 mit hebräischer Kalligrafie, studierte Kunst und lernte das Binden von Büchern. Später schlug sie sich freiberuflich als Grafikdesignerin durch, dann setzte sie sich wieder intensiver mit »Sofrut« auseinander und fasste einen Beschluss, der durchaus als revolutionär zu bezeichnen ist. Sie wollte selber ein Sofer beziehungsweise eine Soferet werden. Sie wäre die erste auf der Welt gewesen, es gab zuvor keinen Präzedenzfall und das erschwerte die Suche nach einem orthodoxen Lehrer, genau genommen fand sie zunächst keinen: »Heirate und kriege Kinder, damit dienst Du dem jüdischen Volk auf bessere Weise«, war einer der Ratschläge, den sie bekam. Auf ihrer Internetseite bot sie damals schon Judaica und insbesondere Ketubot an. Als sie 29 wurde, meldete sich ein anerkannter Sofer aus Jerusalem bei ihr, der sie einlud, ihre »kalligrafischen Fertigkeiten« zu verbessern. Erst als sie mit ihm sprach, verriet sie ihrem Wunsch, eine Soferet werden zu wollen. Er bildete sie schließlich privat aus und zertifizierte am Ende auch ihr Können.
Sie erzählt das nicht verstimmt oder verbissen, sondern betrachtet die Dinge mit Humor. Auf die Frage, ob auch Frauen verpflichtet seien, eine Tora zu schreiben, antwortet sie: »Das hängt davon ab, wen Du fragst. Ich muss mich mit der Halacha auseinandersetzen, wir haben uns hier in der Gemeinde intensiv mit dieser Problematik beschäftigt. Natürlich dann vorwiegend mit Minderheitenmeinungen.« Stimmen, die dagegen sprechen, hört sie durchaus. Man könnte fast von einem Chor sprechen, der ihr da entgegenruft. Aber gerade ihre Liebe zur Tradition und zum orthodoxen Judentum lässt sie voranschreiten, »den Fortschritt mit der Tradition« zu verbinden, wie sie das ausdrückt. Für ihre eigene Gemeinde »Shaarey Tefilah« in Vancouver wird sie vorerst keine Tora schreiben, dazu sei es noch zu früh, sagt sie. Eine Megillat Ester (Purimrolle) habe sie dagegen schon für die Gemeinde angefertigt. Bisher haben sich aber überwiegend nicht orthodoxe Gemeinden bei ihr gemeldet, um ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. So übernahm die »Jewish Renewal«-Gemeinde Kadima in Seattle einen Teil der Kosten für die Ausbildung in Israel. In erster Linie, weil man es als etwas Besonderes empfand, dass die neue Torarolle der Gemeinde von einer Frau geschrieben werden würde, der »ersten zertifizierten Soferet«, wie sie ihre eigene Gemeinde ankündigt. Berührungsängste hat sie dabei keine: »Ich kann und darf Menschen nicht nach ihrer Observanz beurteilen. Ich weiß, dass man von allen Strömungen lernen kann.« In einer Gemeinde, die keine koschere Küche betreibt, würde sie allerdings auf keinen Fall arbeiten.
Ihre Arbeit sieht sie nicht nur als »Schreiberin« in ihrer Wohnung in Vancouver, sondern als Arbeit mit Menschen, »Die Tora ist lebendig, meine Aufgabe besteht auch darin, Menschen zusammenzubringen, deshalb möchte ich bei meiner Arbeit auch möglichst viele Gemeindemitglieder mit einbinden.« Im September wurde sie von der konservativen Gemeinde »Temple of Aaron« nach St. Paul in Minnesota eingeladen, deren Schriftrolle zu reparieren und umfangreiche Passagen neu zu schreiben. Daraus wurde ein Event, zu dem viele Hundert Menschen kamen. Viele legten ihre Hand auf die der Soferet und schrieben mit ihr gemeinsam einzelne Buchstaben in die Tora.
Workshops zur Kunst des Sofers sieht sie ebenso als Aufgabe. Neuerdings unterweist sie selber Schüler, die das Handwerk erlernen wollen. »Ich unterrichte Frauen und Männer, wobei ich fürchte, dass Männer in erster Linie von anderen Männern lernen wollen. Was die Frauen betrifft: Ich möchte nicht die einzige Soferet bleiben.«
Ihr Terminkalender füllte sich schnell, sie »fliegt viel umher«, und in Kürze wird sie einen Workshop auf dem Londoner Limmud über Sofrut leiten. »Wir haben alle die Pflicht, unsere Fertigkeiten für etwas einzusetzen, was außerhalb von uns selber liegt«, antwortet Aviel Barcley abschließend auf die Frage nach ihrer grundsätzlichen Motivation.

Aviel Barcley im Internet:
www.soferet.com

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