Pessach

Folgerichtig

von Chajm Guski

Im Zentrum der Toralesung an diesem Schabbat steht Mosches Lied am Schilfmeer, Schirat haJam. Es ist in der Tora sehr leicht zu identifizieren, da der Text eine ganz spezifische Aufteilung hat. Ein Teil eines Satzes steht am Anfang der Zeile, der nächste Teil in der Mitte und ein anderer Teil am Ende einer Zeile. Schir haJam schließt sich direkt an den Durchzug der Kinder Israels durch das Schilfmeer an. Auf der Flucht vor dem Pharao spaltete sich das Meer vor den Kindern Israels und erlaubte ihnen die Flucht durch das Meer hindurch. Über den Soldaten des Pharaos schlugen die Wellen wieder zusammen und wurden so zur tödlichen Falle.
Schirat haJam markiert den Höhepunkt der Geschichte des Auszugs aus Ägypten, und so ist es auch die Toralesung für den siebenten Tag des Pessachfestes. In der Tradition heißt es zudem, dass die Spaltung des Schilfmeers eben genau an diesem 21. Nissan stattfand. Zudem ist Schirat haJam Bestandteil des täglichen Morgengebets und wird kurz vor der Amida gesprochen. In manchen moderneren Siddurim ist das Lied so abgedruckt, wie es in der Tora erscheint.
Das „Lied am Schilfmeer“ wird also im Idealfall täglich gelesen und im Zyklus der Toralesung zu zwei Gelegenheiten: einmal als Bestandteil der Parascha Beschalach und zum anderen am siebenten Tag Pessach, der in Israel und vielen nichtorthodoxen Gemeinden zugleich auch der letzte Pessachtag ist.
Zu beiden Gelegenheiten ist dem Schirat haJam eine jeweils andere Haftara zugeordnet. Am Schabbat Beschalach ist es Schirat Dewora (Schoftim 5), an Pessach ist es Schirat David (2. Samuel 22,1–51) – von David „dem Ewigen zu Ehren am Tage, da ihn der Ewige aus der Hand aller seiner Feinde und aus der Hand Schauls rettete“ (22,1). Bemerkenswert ist, dass Schirat David zu großen Teilen Tehillim 18 entspricht. Der große Kommentator Abarbanel (1437–1508) zählt immerhin 74 Unterschiede, kommt aber zu dem Schluss, beide stammen von David.
David schaut hier zurück auf sein Leben, denn der Text steht kurz vor den letzten Worten Davids im zweiten Buch Samuel. David, der mächtige Mann, dem es vergönnt war, auf große militärische Leistungen zurückzublicken, schaut zurück und drückt seine Dankbarkeit Gott gegenüber aus. Wie Schir haJam damit endet, dass Gottes Herrschaft für alle Zeiten Bestand haben wird („Der Herr wird regieren für immer und ewig“, 2. Buch Moses 15,18), so bedankt sich David für Gottes Verpflichtung, ihm selbst und seinen Nachkommen zu helfen („Darum danke ich Dir, Ewiger, unter den Völkern und lobsinge Deinem Namen, Dir, der seines Königs Siegestum ist, der Gnade erweist seinem Gesalbten, David, und seinen Nachkommen in Ewigkeit“ (2. Samuel 22,51). Abarbanel schreibt dazu, dass David hier in allen drei Phasen seines Lebens gemeint ist. David als König, David als gesalbter zukünftiger König und David als einfacher Hirte. Der Dank gilt also der Hilfe in jeder Situation.
Spannen wir den Bogen zu den anderen Liedern, von denen hier die Rede ist. Wir haben festgestellt, dass sie über den Anlass miteinander in Beziehung stehen. Es gibt aber auch gewisse inhaltliche Übereinstimmungen, preisen sie doch Gottes Hilfe in der Geschichte der Menschen. Zu vernachlässigen sind da fast die Ähnlichkeiten in der äußeren Form.
Besonders die Haftara und die Parascha für den siebenten Pessachtag haben viele Gemeinsamkeiten. In beiden Fällen wurden die „Auserwählten“ von Gott vor Feinden beschützt, und in beiden Liedern ist die Rede von der Machtlosigkeit der Menschen angesichts der Macht Gottes.
Die Botschaft steckt aber nicht in den Gemeinsamkeiten, sondern in einem fundamentalen Unterschied zwischen den Liedern. Israel hatte keinen aktiven Anteil an der Teilung des Meeres, stürmte nicht den Truppen des Pharao entgegen, sondern konnte sich ganz auf die Hilfe Gottes verlassen. Bei David ist es anders, er dankt Gott für die Hilfe und die Stärke bei den Aufgaben und Herausforderungen, die er selber meisterte. Dies lenkt unseren Fokus wieder zurück von der einmaligen und unvergleichlichen Tat am Meer, als Gott seine Größe bewies, auf die Tatsache, dass wir uns nicht auf Wunder verlassen sollen. Mit Pessach erlangte das jüdische Volk körperliche und geistige Freiheit und somit auch Verantwortung für sein Tun. David dient hier als Vorbild für jemanden, der sein Tun unter das Banner Gottes stellt, aber sich nicht darauf verlässt, dass sich die Dinge „irgendwie“ regeln. Jeder hat das Potenzial, aktiv zu werden und Großes zu erreichen.

Der Autor ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen und Begründer des egalitären Minjans Etz Ami im Ruhrgebiet.

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