Erinnerungen

Fliehkräfte

von Christian Böhme

Der Haß ist gelb. Er sieht aus wie ein Stern. Ein Stück Stoff, das man deutlich sichtbar an der Kleidung tragen muß. Ein Zeichen der Ausgestoßenen, der Entrechteten, der Verfolgten, der Todgeweihten. Anna Degen weiß das. Deshalb handelt sie instinktiv, ohne zu zögern und reißt ihrem elfjährigen Sohn Michael und sich selbst ganz pragmatisch den gelben Stern von der Jacke. Ein befreiender Akt. Mit ihm beginnt für beide die Flucht ins Ungewisse, die nur ein Ziel hat: überleben. Denn die Nazis machen Jagd auf sie. Berlin soll im Jahr 1943 »judenfrei« werden. So beginnt ein Leben in ständiger Angst vor Entdeckung und Verrat – und die verzweifelte Suche nach Hilfe.
Nicht alle waren Mörder. Der Titel des Films, der am 1. November in der ARD zur besten Sendezeit läuft, ist Programm. Er handelt nach den gleichnamigen Erinnerungen des Schauspielers Michael Degen von klitzekleinen Lichtblicken in finsteren Zeiten. Von Menschen, die ihr eigenes Leben riskieren, weil sie Juden Unterschlupf gewähren. Von Zivilcourage im Alltag. All diese Helfer sind keine moralischen Übermenschen. Ganz und gar nicht. Den meisten liegt Selbstlosigkeit fern. Sie helfen, nicht zuletzt, um sich selbst zu helfen. Die einen lassen sich bezahlen, die anderen versprechen sich von ihrer Tat ein bißchen Trost für ihre Seele.
Regisseur Jo Baier hat zu Recht keine Helden aus ihnen gemacht. Frei von Pathos zeigt er sie mit all ihren Schwächen. Da ist zum Beispiel Ludmilla Dimitrieff (Hannelore Elsener), eine russische Adlige. Sie nimmt Mutter und Sohn als erste auf – gegen Bares und das Versprechen, unsichtbar zu bleiben, wenn die feine Dame Parteigrößen zum Hauskonzert begrüßt. Und sie hat eine Vorliebe für kleine Jungs. In einsamen Nächten muß Michael mit ihr das große Bett teilen.
Auch Oma Teuber (Katharina Thalbach) denkt gerne zuerst an sich und ihre Familie. Eine geschäftstüchtige Frau mit großer Berliner Schnauze, die gerne nach Geld fragt, aber nicht nach Moral. Sie vermietet ihre Töchter an sexsuchende Männer und zwei Sofas an die Degens.
Dann ist da noch Erwin Redlich (Axel Prahl). Ein mürrischer Typ, der viel trinkt, weil er verdrängen will. Als Lokführer hat er jahrelang Juden nach Polen in die Vernichtungslager gefahren und gesehen, wie sie vergast wurden. Ein Schuldiger, der sich durch seine Hilfe entlasten will. Doch das bleibt ihm verwährt. Redlichs Sohn wird durch eine Granate sterben. Michael, der jüdische Junge auf der Flucht, wird wie seine Mutter überleben.
Diese kleinen Skizzen menschlichen Versagens einerseits und zuweilen unfreiwilliger Größe andererseits machen die besondere Qualität von Nicht alle waren Mörder aus. Doch zu einem Ereignis werden die gut 90 Minuten dank der Schauspieler. Jo Baier hat ein großartiges Ensemble vor der Kamera versammelt. Jede Figur bekommt ihr eigenes Gewicht. Das gilt vor allem für Anna Degen. Nadja Uhl spielt die jüdische Mutter mit beeindruckender Intensität. Mal ganz patent, mal in Tränen aufgelöst. Mal ängstlich und verzweifelt, mal selbstbewußt und voller Lebenswillen. Zittern, zetern, zweifeln – im Film zwei unendlich lange Jahre lang. Überzeugend auch Aaron Altaras als junger Michael Degen, dem die Nazis seine Kindheit verwehren.
Noch etwas zeichnet den Film aus: Er ist kein Alibi für die zahllosen Täter und Mitläufer. Da wird nichts beschönigt, nichts historisch in die falsche Richtung gezurrt. Bei allem Respekt vor dem Mut Einzelner: Ein paar »stille Helfer« machen aus den Deutschen noch kein Volk des Widerstands.

Die ARD zeigt »Nicht alle waren Mörder« am 1. November um 20.15 Uhr.

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