Ausstellung

Familiengeschichte(n)

von Alice Lanzke

»Ich gehe heute mit meiner Familiengeschichte an die Öffentlichkeit«, sagt Mi-
chael Mamlock und fasst damit in einen Satz, was für ihn Ergebnis eines langen Prozesses war. Für die zum vierten Mal stattfindende Ausstellung »Wir waren Nachbarn«, die am Internationalen Holocaust-Gedenktag im Rathaus Schöneberg eröffnet wurde, hat er eines von elf neuen Familienalben beigesteuert, insgesamt sind nun 120 Mappen persönlich gestalteter Familienbiografien zu sehen.
Diese Alben bergen die intimen Erinnerungen von Zeitzeugen und Angehörigen der vielen jüdischen Familien, die in Schöneberg und Tempelhof lebten, darunter auch Prominente wie Helmut Newton oder Carl Zuckmayer. Persönliche Schnappschüsse finden sich ebenso in den Mappen wie Erinnerungen an die alte Grundschule oder Abschiedsbriefe vom Vorabend der Deportation.
Dass Michael Mamlock sich nun »outet«, wie er es nennt, hat persönliche Gründe: »Wären meine Eltern noch am Leben, wäre dieser Schritt undenkbar«, erzählt er. Zu traumatisiert sei sein Vater gewesen, um sich mit dem Geschehenen auseinanderzu- setzen. »Wenn es um irgendetwas Jüdisches ging, rastete er aus«, erinnert sich der 56-jährige Unternehmensberater. »Kindgerechtes Aufwachsen war da nicht möglich.«
Die Teilnahme an der Ausstellung ist nicht nur ein Stück Befreiung für Mamlock, er will auch ein Zeichen setzen: »Den Menschen wurde ihre Würde genommen, ich will sie ihnen ein Stück zurückgeben, sie rehabilitieren und ihnen ein Gesicht geben.« Er hat die Hoffnung, dass sich vor allem junge Menschen durch die persönlichen Geschichten identifizieren: »Ich hoffe, ihnen wird bewusst, dass hier auch ihr Name stehen könnte«, sagt er und tippt auf sein Familienalbum.
Die Ausstellung »Wir waren Nachbarn« im Rathaus Schöneberg, John-F.-Kennedy-Platz, ist noch bis zum 27. April geöffnet: montags bis donnerstags sowie sonnabends und sonntags von 10 bis 18 Uhr. Schwerpunkt des diesjährigen Rahmenprogramms mit Lesungen, Zeitzeugengesprächen und einer Filmvorführung ist das Thema Exil. Der Eintritt für Ausstellung und Rahmenprogramm ist frei.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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