Mischpuche-Tag

Familienbande

von Gisela Bauer

Es ist Sonntagmorgen, auf dem Chemnitzer Kapellenberg herrscht Ruhe. Ab und zu schlägt eine Autotür, Kinderrufe ertönen, eilige Schritte klappern. Die Menschen haben ein gemeinsames Ziel: das Jüdische Gemeindezentrum in der Stollberger Straße. Während kurz vor 11 Uhr ein kleiner Junge lieber im Wasserbecken vor der Synagoge spielen möchte, zieht ihn der Großvater weiter. Alle wollen pünktlich sein beim ersten Familientag der Jüdischen Gemeinde.
Die Bedenken der Gemeindevorsitzenden Ruth Röcher im Vorfeld, ob die Idee denn angenommen werden würde, sind offensichtlich unbegründet, denn die ersten der mehr als hundert Besucher waren lange vor 11 Uhr da. „Es ist ein Experiment“, sagt Röcher dennoch und wird kaum fertig mit Händeschütteln. Der erste Mischpuche‐Tag soll die Möglichkeiten und Angebote des Gemeindezentrums für die Integration, Bildung und Selbstbetätigung aufzeigen, aber auch den Weg zum Judentum öffnen, „damit wir eine größere, bessere Mischpuche in Chemnitz werden“, wie Röcher, die auch Religionslehrerin ist, in ihre Begrüßung einflicht. Die Zahl der Gemeindemitglieder ist seit einigen Jahren stabil, sie bewegt sich um die 600. Wie viele Juden in der Stadt keine Bindung zur Gemeinde haben, wisse sie nicht genau, sagt Röcher. „Es könnte sich nochmal um die gleiche Zahl handeln.“
Im Garten wird schon vor der Eröffnung eifrig das Glücksrad gedreht und über Schachbrettern gebrütet. Zahlreich sind die Begrüßungszeremonien unter Bekannten, Dritte werden vorgestellt und die einzelnen Stationen inspiziert. Kein Wunder, daß da der Zeitplan völlig durcheinander gerät. Doch alle haben Spaß. Irina Kuchinskaja, eine blonde junge Frau, ist mit ihren fünf Sprößlingen gekommen. „Ich kann sonst nicht so oft, wegen der Kinder. Aber es ist wichtig, daß man sich hier trifft“, sagt die alleinerziehende Schneiderin, die auf einen Deutschkurs und anschließend eine Arbeit hofft.
Unübersehbar hat der Sportverein Makkabi sein Schild postiert. Da geht es beim Tischtennis und Blitzschach richtig um Sieg und Platz, auch Basketball wird gespielt und mit Kraftsport‐Seilzügen gegen die Stoppuhr gekämpft. Makkabi‐Vorsitzender Jewgeni Goljand ist noch ziemlich aus dem Häuschen, denn eine Woche zuvor fanden die ersten Makkabi‐Sportspiele in Sachsen seit 1938 statt. Der Gesamtsieg ging an die Leipziger Gastgeber, aber die Chemnitzer waren in einigen Sportarten auch sehr gut. Beim nächsten Mal haben sie die jüdischen Sport‐ vereine aus Leipzig und Dresden zu Besuch. Goljand, der 2001 aus Estland nach Sachsen gekommen ist, hat den Chemnitzer Verein vor vier Jahren wieder aufgebaut. Reichlich 50 Leute treiben regelmäßig Sport – derzeit unter relativ guten Bedingungen, da die Stadt die Anlagen zu günstigen Mieten zur Verfügung stellt. Die Teilnahme am Familientag ist für Goljand kein Problem, doch sonst habe er für die Gemeinde keine Zeit, erklärt der sportliche Siebziger, dem man sein Alter nicht ansieht. Alle Einladungen und Ergebnisberichte müssen zweisprachig ausgefertigt werden, das mache eine Menge Arbeit.
Wie kompliziert es ist, mit einem Anteil von mehr als 90 Prozent russischsprachiger Zuwanderer Gemeindearbeit zu leisten, macht die Tora‐Stunde deutlich. Religionslehrerin Ruth Röcher hat sich das 1. Buch Moses, Kapitel 4, die Verse 1–7 vorgenommen: den Beginn der Geschichte von Kain und Abel. Die Torabände werden ausgeteilt, wahlweise in Deutsch und Russisch. Die Mehrheit des Dutzends Zuhörer greift zu den Büchern mit der kyrillischen Schrift. Den Text zu lesen, ist noch das Einfachste. Eine junge Frau trägt ihn in fließendem Russisch vor. Doch bei der Erörterung ist die aus Israel stammende Lehrerin Ruth Röcher manchmal außen vor, wenn die Disputanten in ihrer Muttersprache um den richtigen Ausdruck ringen, den sie dann zur Übersetzung freigeben. Da jede Frage, jede Antwort erst übersetzt werden muß, bleibt Röcher nichts anderes übrig, als ihre geplante Dreiviertelstunde deutlich zu überziehen.
Derweil geht draußen der Mischpuche‐Tag weiter fröhlich seinen Gang. Da auch das Wetter trotz heftiger Windböen und grauer Wolken noch mitspielt, darf das auf fünf Stunden geplante Fest schon zur Halbzeit als gelungen bezeichnet werden.
Das sehen die Vertreter des Freundeskreises der Jüdischen Gemeinde ebenso. Sie haben diesmal das Glücksrad betreut und dafür kleine Preise wie Süßigkeiten und Kosmetik gespendet, die schnell an die Gewinner gebracht waren. „Den Erlös stellen wir der Gemeinde zur Verfügung“, sagt Siegfried Bayer. Eine große Summe wird es bei 15 Cent pro Drehung nicht sein, aber ein wenig klingelt es in Bayers Gürteltasche schon.
Der Wahl‐Chemnitzer gehört zu den knapp zwei Handvoll Leuten, die sich zunächst relativ lose zusammenfanden, nachdem der Förderverein für den Bau der Chemnitzer Synagoge sich nach deren Fertigstellung satzungsgemäß aufgelöst hatte. Jetzt trifft man sich wieder einmal im Monat und überlegt, wo der Gemeinde gezielt geholfen werden könne. „Es muß nicht immer mit Geld sein“, betont Bayer. Manchmal sei auch organisatorische und logistische Hilfe viel wert. Als nächstes konkretes Projekt stehe die Unterstützung der Gemeinde bei der Wiedernutzbarmachung der Trauerhalle auf dem Jüdischen Friedhof an.
Wie der Freundeskreis will auch der Kunstverein Beseder eine Brücke schlagen. Seit Juni betreibt der Verein eine Galerie, ein Kunststudio, ein Atelier und einen Treffpunkt. Das Studio sei offen für alle und werde zunehmend besser besucht, freut sich Vorsitzender Oleg Momin. Zum Familientag haben er und sein Künstlerkollege Boris Ostrowski – beide sind in den 90er Jahren aus der Ukraine zugewandert – einen Zeichenwettbewerb organisiert. Nach zwei Stunden sitzen die Männer mit einer Freundin über zahlreichen Kinderbildern, um die Preisträger auszuwählen. Keine Frage, der elfjährige Alexander Gerwitz hat den schönsten Clown abgeliefert. Aber ehe über Platz 2 und 3 entschieden ist, wird lange verglichen und diskutiert. Die Künstler hatten die Themen „Jerusalem“ und „Zirkus“ zur Auswahl gestellt. War letzteres für die Kinder eher eine leichte Übung, gab’s zum zweiten Thema nur wenige Arbeiten. „Es ist ein Versuch. Sie sollen einfach malen, was sie sich unter Jerusalem vorstellen“, erläutert Momin. Er ist zwar kein Gemeindemitglied, aber heute versichert er: „Ich helfe hier gern, wenn’s notwendig ist.“

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