Würzburg

Familienbande

Beide Eltern hießen Rindsberg. Schon vor der Heirat. »Sie waren aber nicht miteinander verwandt«, davon war ihr Sohn Walter Ried überzeugt. Dass er sich dabei irrte, konnte ihm Michael Schneeberger vom Würzburger »Ephraim Gustav Hoenlein Genealogie‐Projekt« beweisen. Der 1891 geborene Siegfried Rindsberg und die 1893 geborene Ricka Rindsberg hatten nämlich einen gemeinsamen Ur‐Ur‐Urgroßvater: den um 1740 geborenen Feist Rindsberg.
Seit fast 25 Jahren betreibt Schneeberger Ahnenforschung. Es begann 1985, als er von einem vierjährigen Israel‐Aufenthalt nach Deutschland zurückkehrte. Israelische Freunde beauftragten ihn, ihre familiären Wurzeln in der alten Heimat aufzuspüren. Das tat Schneeberger. Und er tat es so gut, dass immer mehr Menschen auf ihn zukamen, die einen Stammbaum haben wollten.
Im Jahr 2000 besuchten Mitglieder der Ronald S. Lauder Foundation die Israelitische Kultusgemeinde Würzburg und lernten Schneeberger kennen. Dessen akribische Forschungsarbeit begeisterte sie. Sie wollten den Genealogen unterstützen. Zwei Jahre später wurde das »Ephraim Gustav Hoenlein Genealogie‐Projekt« als deutschlandweit einmalige Einrichtung im neu errichteten »Shalom Europa« der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg etabliert.
Walter Ried, der vor seiner Einwanderung nach Amerika Werner Rindsberg hieß, war einer der ersten, die sich an das Projekt wandten. Der heute über 80 Jahre alte Chicagoer hatte als Einziger seiner Familie den Holocaust überlebt. Zuerst wurde er nach Belgien gebracht, danach konnte er in ein Kinderheim in einem Schloss in den Pyrenäen fliehen. Mit 17 Jahren gelangte er nach Amerika. Nie mehr, schwor er sich, wollte er etwas mit Deutschland zu tun haben. Dann kam die Einladung zum Wiedersehen all jener, die den Holocaust in dem Pyrenäenschloss überlebt hatten. Alle sollten sie über sich und ihre Familie berichten. Da fiel Walter Ried seine Großmutter ein. Was war aus ihr geworden?
»Sie starb noch vor der Deportation«, fand Michael Schneeberger heraus. Er spürte das Grab der Großmutter auf einem jüdischen Friedhof auf, machte ein Foto und schickte es Ried in die USA. Womit der Kontakt zwischen den beiden keineswegs beendet war. Bis heute haben Ried und Schneeberger Kontakt. Meist sehen sie sich einmal im Jahr – entweder in den USA oder in Würzburg. Seine internationalen Kontakte sind denn auch das Geheimnis des 60 Jahre alten Ahnenforschers, der seinen Auftraggebern Material liefern kann, das sie wahrscheinlich nirgendwo sonst bekommen. Material vor allem aus seinem großen Archiv im Kopf, in dem viele Namen von Menschen versammelt sind, die irgendwo auf der Welt ein Wissen haben, das nur anzapfen kann, wer sie persönlich kennt.
Neben Menschen, die einen Stammbaum erstellt haben möchten, wenden sich auch Forscher an das Projekt. Vor wenigen Wochen schloss Schneeberger zum Beispiel eine Auftragsarbeit für Martin Ritter aus Obersulm bei Stuttgart ab. Ritter, der sich im Museum Synagoge Obersulm‐Affaltrach engagiert, stieß bei seinen historischen Recherchen auf den Namen Sophie Löwenstein. Während der NS‐Zeit lebte die Frau einige Tage in einem jüdischen Altersheim in Stuttgart. Wer war sie?
Wieder halfen Schneebergers internationale Kontakte: Der inzwischen verstorbene Dr. Nissan Friedmann, den Schneeberger Anfang der 90er‐Jahre in Zürich kennengelernt hatte, war ein Cousin von Sophie Löwenstein. Von Friedmann hatte Schneeberger seinerzeit Forschungsmaterial erhalten, das auch Sophie Löwenstein betraf. Sie war, wie der Geneaologe herausfand, die Tochter des 1926 verstorbenen Friedhofsverwalters Levi Jehuda ben Mordechai Oppenheim aus Rödelsee in Unterfranken. Der wiederum war ein Amtsnachfolger von Abraham Kissinger, dem Großvater Henry Kissingers, der das um 1850 begründete Rödelseer Friedhofsregister, eine wichtige genealogische Recherchequelle, begründete. In Rödelsee befindet sich noch heute das Kindergrab der kurz nach ihrer Geburt gestorbenen Ruth Löwenstein.
Rund 500 Anfragen aus der ganzen Welt, vor allem aus Israel und den USA, konnte Michael Schneeberger seit Projektbeginn beantworten. Manche Nachforschungen dauern nur wenige Stunden, große Projekte nehmen ein ganzes Jahr in Anspruch. Zu einer seiner größten Ahnenforschungsarbeiten zählt die Aufarbeitung der Geschichte der Familie Mosbacher. Etwa 350 Seiten umfasst der Band mit zahlreichen Fotografien und Dokumenten, der zwischen 2002 und 2003 entstand.
Wie es 2010 mit dem Genealogie‐Projekt weitergeht, ist unklar. Die Lauder Foundation will sich aus der Finanzierung zurückziehen: »Wohl wegen der Wirtschaftskrise«, vermutet Schneeberger. Er will aber auf jeden Fall weitermachen. Nur wird er es in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr kostenlos tun können. Pat Christ

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