Union progressiver Juden

Familienbande

von Heide Sobotka

Jan Mühlstein lässt sich von seinen eigenen Leuten die Erfolge der Union progressiver Juden in Deutschland nicht kleinreden. »Wir haben viel geschafft in den zehn Jahren unseres Bestehens«, beschwört sie ihr Vorsitzender geradezu. Die Union sei in der Mitte der jüdischen Gesellschaft angekommen und werde von der nichtjüdischen wahrgenommen und respektiert. »Wir sitzen bei den Verhandlungen mit am Tisch«, betont Mühlstein eine Tatsache, die man noch vor drei Jahren für unmöglich gehalten habe.
Das weiß auch Dieter Graumann. »Wir wünschen Ihnen wirklich alles Gute und meinen das ernst«, versicherte der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und erntete damit verlegene Lacher. Nicht alle glauben an den Burgfrieden, den Graumann und Mühlstein am Donnerstag im Berliner Centrum Judaicum bei der Jubliäumsveranstaltung der Union, anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens, beschwören.
Man habe sich zwar vor Gericht das Recht erstritten, an Staatsleistungen beteiligt zu werden, doch das fest zugesagte Geld komme nicht immer in den Gemeinden an, bemängeln Gemeindevertreter am nächsten Tag bei der Jahrestagung der Union. Und wie Graumann bei den liberalen Juden den »Hunger verspürt hat, als Teil der jüdischen Gesellschaft anerkannt zu sein«, so fordern diese nun mit unterschiedlicher Vehemenz – teilweise auch per Gericht – mitfinanziert zu werden. Die liberalen jüdischen Gemeinden brauchen Geld, das steht für alle ganz außer Frage.
»Wir haben eine gute Arbeit geleistet, und die wird jetzt auch honoriert«, sagt Mühlstein. Jüngstes Beispiel sei die liberale Gemeinde in Bad Segeberg. Ihr Vorsitzender Walter Blender freut sich wie ein kleiner Junge über das neue Gemeindehaus. Er juchzt und reckt den Arm in die Höhe, als auf der Festveranstaltung in einem Essay über zehn Jahre Union in Deutschland Bilder von der Einweihung der Synagoge in seiner Heimatgemeinde gezeigt werden. Der Erfolg ist nicht zuletzt Resultat eines stetigen Engagements, das Blender bis in die Familie hinein wirken lässt. »Jüdischkeit vorleben«, sagt der Vater von drei erwachsenen Töchtern. Bei der diesjährigen Jahrestagung der Union sind sie alle dabei. »Es gibt am Schabbat auch eine Alternative zur Disco«, sagt er seinen Kindern und lebt ihnen Judentum vor. »Es hat gewirkt«, sagt er mit einem breiten Lächeln, als seine Tochter Mascha mal gerade nicht zuhört.
Claudia Marx-Rosenstein aus Stuttgart findet in ihrer Stadt kein liberales Vorbild. Die Brasilianerin hat durch Zufall aus der Zeitung vom Treffen der Union in Berlin-Spandau gehört, sich mit der Geschäftsführerin Irith Michelsohn in Verbindung gesetzt und sich für die Tagung angemeldet. Sie habe sich in dem nach orthodoxem Ritus gehaltenen Stuttgarter Gottesdienst nicht wohlgefühlt, sagt Marx- Rosenstein und ist erstaunt, in Berlin so viele Gleichgesinnte aus anderen Gemeinden zu finden. »Ich lerne liberale Religiosität und lerne Menschen kennen«, freut sie sich über die Tage in Spandau. Mit einem Augenzwinkern fügt sie hinzu: »Vielleicht lässt sich ja auch in Stuttgart etwas aufbauen.«
Sabine Stucke aus Bad Oeynhausen und Silvia Großmann aus Enger bei Bielefeld nehmen schon zum zweiten und dritten Mal an der Jahrestagung der Union teil und sind begeistert von dem jungen Münchner Rabbiner Tom Kucera, den sie zum ersten Mal erleben. Gerade haben sie an seinem Workshop über die Seele teilgenommen und nehmen ganz neue Erkenntnisse mit nach Hause.
Lernen und Kennenlernen sind für die meisten der rund 250 Teilnehmer der Jahrestagung Hauptgründe, sich im Johannesstift im Spandauer Forst einzumieten. Erfreulich für die Organisatoren: Es sind viele Altersklassen vertreten, sogar einige junge Familien. Die liberale Gemeinschaft wächst, sagt Irith Michelsohn. Das hoffen auch die Rabbiner Jonah Sievers aus Braunschweig und Andreas Nachama aus Berlin. Sie schreiben derzeit an einem neuen Gebetbuch, das vor allem liberal-progressive wie konservative Gottesdienstriten berücksichtigt und berufen sich dabei auf ein altes Berliner Gebetbuch aus dem Jahr 1928. Kein leichtes Unterfangen, wie sie bei ihrem Workshop erleben müssen. Die Gemeinden wollen an der Ausgestaltung beteiligt werden. Kontrovers geht es zu, da nicht alles möglich ist, was man sich wünscht.
Das vielfältige bunte jüdische Leben, das es heute in Deutschland gebe, sei ein Wunder, hat Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble bei seinem Grußwort für die Geburtstagsfeier der Union gesagt. Dass liberale und orthodoxe Rabbiner in der Vergangenheit durchaus über den beiderseitigen Tellerrand blicken konnten, betonte Ernst Ludwig Ehrlich in seiner Dankesrede für die Verleihung des Israel-Jacobson-Preises, stellvertretend für die ebenfalls geehrten Rabbiner Henry G. Brandt und William Wolff.
Für ein solches Einvernehmen müsse man und wolle man an einem Strang ziehen, beteuern Dieter Graumann und Jan Mühlstein. Und beide wissen, dass es noch genug Arbeit für die Zukunft geben wird. Sie sitzen bereits am nächsten Tag mit dem Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, an einem Tisch, um bei der Bundesregierung für die Aufstockung des Staatsvertrages zu plädieren. »Wir kämpfen zusammen«, sagt Jan Mühlstein »und das ist außerordentlich positiv«. Gleichzeitig zügelt er überbordende Erwartungen. »Das Geld ist ausschließlich für Integrationsprojekte bestimmt.« Wieder Enttäuschung bei einigen, die auf finanzielle Unterstützung für die Gemeinde hoffen. »Aber was sind zehn Jahre angesichts zweihundert Jahren liberalen Judentums in Deutschland und dreieinhalbtausend Jahren Judentums überhaupt?«, fragt Michael Lawton aus Köln. »Wenig, aber sie sind ein guter Anfang«, sagen Graumann und Mühlstein.

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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