Odessa

Fahrstunden auf dem Friedhof

von Clemens Hoffmann

Ein altersschwacher Lada schaukelt im Schritttempo um die Bäume herum. Die junge Fahrerin versucht krampfhaft, die sandige Spur zu halten. Ein paar Meter hinter ihr folgt schon der nächste Wagen. Hier üben Fahrschüler Kurven. Nichts Ungewöhnliches – fänden die Fahrstunden nicht auf einem Friedhof statt. Dem ehemaligen Zweiten Jüdischen Friedhof in Odessa, heute eine verwilderte Grünfläche an einer vierspurigen Ausfallstraße.
Die Fahrlehrer, die am Rande der „Übungsstrecke“ rauchend an ihren Autos lehnen, geben sich vor ihren Schülern arglos. „Wir machen hier nur Pause“, nuschelt einer. Natürlich wüssten sie, dass hier ein jüdischer Friedhof gewesen sei. Warum sie dann auf dem Gelände Fahrstunden geben? Vielleicht seien die Kollegen nicht aus Odessa, meint einer der Raucher. Dann dreht sich die Gruppe weg. Keine Fotos bitte!
Roman Schwarzman beobachtet die sonderbaren Fahrstunden schon seit längerer Zeit. „Diese Geschichtsvergessenheit ist das Erbe der Sowjetunion“, seufzt der 72‐Jährige. Er hat als Kind das Ghetto von Berschad in Transnistrien überlebt und war, wie er bekennt, „35 Jahre meines Lebens Kommunist“. Schwarzman vertritt die Vereinigung der ukrainischen Ghetto‐ und KZ‐Überlebenden in Odessa. Seit Jahren kämpft er darum, den Friedhof, dessen Reste von den Sowjets in den 70er‐Jahren eingeebnet wurden, zu einem Park umzugestalten. Dort soll der Opfer des Holocausts gedacht werden. Doch selbst für einen einfachen Zaun fehlt dem aus Rentnern bestehenden Grüppchen bisher das Geld. Und wohl auch der politische Wille der Kommune.
Die Tatenlosigkeit ist unverständlich: Denn nur zu gern rühmt sich Odessa seiner jüdischen Vergangenheit. Anfang des 20. Jahrhunderts war die Hafenstadt am Schwarzen Meer eines der wichtigsten Zentren der Haskala. Herz des jüdischen Lebens war die Moldavanka, die legendäre Vorstadt mit ihren Kleingangstern und Überlebenskünstlern, denen Odessas größter Dichter, Isaak Babel, mit seinen Geschichten aus Odessa ein Denkmal setzte.
Zwar gab es auch schon vor dem Holocaust Massenmorde an Odessaer Juden: Sowohl bei der Niederschlagung des Generalstreiks 1905, als auch im Bürgerkrieg 1918–1920 fielen Juden Pogromen zum Opfer. Doch noch zwischen den beiden Weltkriegen war ein Drittel der Einwohner Odessas jüdisch: 150 000 Menschen. Die meisten wurden in den Vernichtungslagern in Transnistrien ermordet. Heute leben wieder rund 50 000 Juden in der Stadt. Es gibt jüdische Kindergärten und Schulen, einen Sozialdienst, ein Waisenhaus und eine Tagesklinik für behinderte Kinder.
Auf dem ehemaligen Friedhof zeigt Schwarzman den tonnenschweren Granitblock, der ein paar Schritte von der Straße entfernt liegt: „Schalom“ steht darauf. Vor dem Gedenkstein liegen verkohlte Holzstücke und ein zersplittertes Glas mit eingelegten Tomaten – Reste einer Grillparty.
Der Stein ist die einzige Erinnerung an die vielen Toten, die immer noch hier liegen. „Die Grabsteine haben damals russische Offiziere mitgenommen, um ihre Datschen auszubauen“, so Schwarzman. Auch heute noch werde der Ort regelmäßig entweiht. Immer wieder kämen nachts Leute, die auf dem Gelände nach Goldzähnen graben.
Doch nicht nur Grabräuber und Fahrschüler stören die Totenruhe. Auch bei Investoren weckt das gut gelegene Grundstück Begehrlichkeiten. Zwei Tankstellen und ein Parkplatz haben das Territorium des Friedhofs schon angenagt.
Selbst Orte der Schoa sind in Odessa nicht vor Spekulanten und Geschäftemachern sicher. Unweit des Friedhofs, auf dem Gelände eines Munitionsdepots, wurden im Oktober 1941 mehr als 25 000 Juden und sowjetische Kriegsgefangene von den deutschen und rumänischen Besatzern zusammengetrieben, erschossen und verbrannt. Auf dem Gelände stehen heute propere Wohnhäuser mit umzäunten Gärten. Roman Schwarzman hat mit seinem Verein dafür gesorgt, dass auch an diesem Schreckensort mit einem Mahnmal an die Opfer erinnert wird.
Im Juli fanden Tiefbauer ganz in der Nähe bei Schachtarbeiten für ein Wohn‐ und Einkaufszentrum Menschenknochen. Als Anwohner die Presse alarmierten, verschwanden die Knochen auf mysteriöse Weise. Wenige Tage später tauchten sie wieder auf. Erst nach Protesten der jüdischen Gemeinde wurden die Bauarbeiten unterbrochen. „Dort weiterzubauen wäre eine Verhöhnung der Opfer“, klagt Odessas Chabad‐Rabbiner Abraham Wolf. Die Ukraine müsse beweisen, dass sie ein zivilisierter Staat ist. „Das Gelände muss den Status eines Massengrabs bekommen“, forderte Wolf schon im Sommer. Sogar Premierministerin Julia Timoschenko bat der Rabbiner um Unterstützung. Seither habe man ein paar Mal mit Leuten von der Regierung telefoniert. Entschieden sei aber noch nichts. Und die Polizei hat die forensische Untersuchung der Knochen auch nach mehreren Monaten immer noch nicht abgeschlossen.
Kann sein, dass die internationale Finanzkrise die Gier der Immobilienentwickler auf die letzten freien Filetstücke in der Innenstadt nun eine Zeit lang bremst. Doch solange niemand in Odessa die Initiative für eine Gedenkstätte aufgreift, wird die Erinnerung unter Autoreifen und Baggerzähnen weiter zu Staub zerrieben.

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