Adi Nes

Erzmütter im Müll

von Felice Naomi Wonnenberg

Über Israel hinaus bekannt geworden ist Adi Nes mit einer Fotoserie, die israelische Soldaten in homoerotischem Kontext darstellte. Die Bilder von dahinschmelzenden Knaben in Zahaluniform waren ein Schlager auf dem internationalen Kunstmarkt. Eines der großformatigen Fotos, das Leonardo da Vincis Letztes Abendmahl nachstellt und vergangenes Jahr in Berlin bei der Ausstellung Die neuen Hebräer im Martin Gropius Bau zu sehen war, wurde im Februar bei Sotheby’s für 264.000 US-Dollar versteigert.
Jetzt hat sich der 1966 in Kirjat Gan geborene Sohn iranischer Einwanderer eines anderen Themas angenommen. In seinem neuen Bilderzyklus widmet sich Nes einem in den internationalen Medien wenig präsenten, aber im israelischen Alltag allgegenwärtigem Phänomen: der Armut im jüdischen Staat. Einerseits ist Israel in den vergangenen Jahren im Schnitt reicher geworden. Die Zahl der Millionäre hat beträchtlich zugenommen. Gleichzeitig aber hat laut offizieller Statistik der Sozialversicherungsbehörde von 2006 das Land die höchste Armutsquote der westlichen Welt. Bei einer Gesamtbevölkerung von 6,5 Millionen leben 1,32 Millionen Menschen, davon 618. 000 Kinder in Armut. Und diese Statistik ist eigentlich geschönt. Die Armutsgrenze liegt offiziell bei umgerechnet 767 € monatlich für eine vierköpfige Familie – in einem Land, in dem die Preise im Supermarkt durchweg deutlich über dem deutschen Niveau liegen. Die verheerenden Zahlen der palästinensischen Gebiete sind in das Zahlenwerk überhaupt nicht eingeflossen.
Nes dokumentiert die wachsende Armut nicht im Stil einer Sozialreportage. Er verfremdet sie künstlerisch, indem er von Schauspielern nachgestellte Obdachlose und Wohlfahrtsempfänger in biblische Rollen versetzt. Israels nationaler Gründungsmythos wird in dem 2003 bis 2006 entstandenen Zyklus »Geschichten der Bibel« zur politischen Anklage. Da liegt Urvater Noah entblößt und verdreckt in dem verschmutzten Eingang einer bekannten Videothek Tel Avivs. Hiob schnappt nach Luft. Es ist Adi Nes’ Onkel, der kurz nach der Aufnahme an Lungenkrebs starb – wie ein Jahr zuvor der Vater des Künstlers. Zwei der insgesamt 14 Bilder umfassenden Serie widmen sich Ruth und Naomi. Nes inszeniert die beiden Erzmütter, die gemeinsam den Urgroßvater König Davids großzogen und dafür traditionell in hohen Ehren gehalten werden, als verelendete Immigrantinnen, die sich ihre Nahrung aus dem Müll heraussammeln. Auch Abraham und Isaak sind vertreten. Der Urvater bringt seinen Sohn auf dem Altar der Armut dar, einem Einkaufswagen, in dem er Pfandflaschen sammelt, darauf gebettet der erschöpfte, barfüßige Junge. »Mich hat die berühmte Plastik Supermarket Shopper der amerikanischen Künstlerin Duane Hanson inspiriert«, erläutert Nes das Bild. »Hier sehen wir einen Mann, der Recyclingflaschen sammelt. Ich dachte an das Recyclen von Mythen. Ich kenne so viele Leute, die ihre Jungs einer Armee opfern, die für ein Land, für Ideale kämpft, die längst nicht mehr existieren.«
Das Land antwortete diesem künstlerischen Statement auf seine Weise. Die Kulturbehörde hat die vier hier gezeigten Bilder erworben. Sie sollen im nationalen Kunsttempel, dem Israel Museum ausgestellt werden.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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