Internetportal

Erst chatten, dann treffen

von Marcus Kirzynowski

Die Veranstalter wollen es nicht glauben, 130 Anmeldungen zu einem Minimachane! »Es hat sich dieses Jahr wie ein Lauffeuer verbreitet, dass wir wieder ein Treffen veranstalten wollten«, sagt der Jugend- zentrumsleiter Mark Krasnov von der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden. Doch mit einem solchen Ansturm hatte er nicht gerechnet. Im positiven Sinne schuld daran ist der neue Informationsweg. Neben dem herkömmlichen, die Einladungen per Postweg zu verschicken, hat die Gemeinde zum ersten Mal ein soziales Netzwerk im Internet genutzt, um Teilnehmer zu gewinnen.
Als klar war, dass es wieder eine Jugendfreizeit in der Gemeinde geben würde, hatten die Jugendleiter Anfang Oktober die Idee, eine Gruppe im SchülerVer- zeichnis (SchülerVZ) ins Leben zu rufen. Das SchülerVZ ist ein im Februar vergangenen Jahres gegründeter Ableger des Studentenportals StudiVZ. Die Internetseite dient als Plattform, auf der Schüler aus ganz Deutschland sich austauschen und verabreden sowie private Fotos hochladen können. Etwa 4,5 Millionen Jugendliche ab zwölf Jahren sind dort angemeldet.
»Im SchülerVZ kennt jeder jeden«, sagt Mark Krasnov. So war es nicht verwunderlich, dass neben Kindern und Jugendlichen aus den 25 offiziell eingeladenen Gemeinden auch Teilnehmer zum Machane kamen, die die Wiesbadener gar nicht angeschrieben hatten. Viele Teilnehmer aus dem vergangenen Jahr hatten über das Netzwerk Bekannte zur Freizeit Mitte November eingeladen. Auf diese Weise kamen 130 Schüler, 30 mehr als 2007.
»Die Kinder bekommen einfach mehr Eigenständigkeit, wenn sie im Internet erfahren, wo es ein Machane gibt«, meint der 20-jährige Jugendzentrumsleiter. Viele entscheiden sich mitzufahren, wenn sie im Netz lesen, dass Freunde von ihnen dabei sind.
Die Wiesbadener SchülerVZ-Gruppe zählt bereits 64 Mitglieder. Schüler, die neu in eine Gruppe aufgenommen werden wollen, müssen vorher erst von einem Mitglied bestätigt werden. So kann das Portal nicht missbraucht werden, etwa für antisemitische Äußerungen. Vor dem Treffen konnten die Jugendlichen über die virtuelle Gruppe ihre Erwartungen und Fragen loswerden. Nach dem Machane nutzen sie sie, um Erinnerungen auszutauschen und in Kontakt zu bleiben. Neben der Gruppe zum Machane hat das Wiesbadener Jugendzentrum eine eigene Gruppe für die Gemeindemitglieder eingerichtet. Auch einen Chat gibt es im SchülerVZ. In diesem sogenannten Plauderkasten können sich die Jugendlichen zu einer bestimmten Zeit verabreden und sich dann schreibend miteinander unterhalten.
Auch die Gruppenleiter aus den teilnehmenden Gemeinden haben Internet-Chats genutzt, um sich im Vorfeld über die Programmplanung des Treffens auszutauschen. Teilweise haben sie auch mit dem Programm Skype über das Internet miteinander telefoniert. Schon lange haben die modernen Kommunikationswege, die das Internet ermöglicht, Einzug bei den Wiesbadener Gruppenleiter gehalten. Einmal im Monat schicken sie per E-Mail einen Newsletter an die jugendlichen Gemeindemitglieder, der über Neuigkeiten und Veranstaltungen informiert. Mehrmals im Monat bekommen die Jugendlichen auch SMS-Nachrichten aus dem Wiesbadener Jugendzentrum. Dessen Homepage www.jz-oz.de bietet ein Gästebuch, eine Fotogalerie und einen Chat.
Mark Krasnov von der Wiesbadener Gemeinde ist einer der Betreuer des Fo- rums machane.de. Diese Webseite wurde ursprünglich gestartet, um Fotogalerien vergangener Machanot anzulegen. Inzwischen dient sie auch dazu, künftige Treffen anzukündigen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf den Machanot, die von der Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland (ZWSt) organisiert werden. Die Seite wird jedoch nicht von der ZWSt, sondern von den Madrichim selbst betreut. Ein bis zwei Monate nach einem Machane tauschen die Teilnehmer erfahrungsgemäß in diesem Forum Erinnerungen aus und laden Fotos runter.
»Das Ziel der Internetportale ist immer, die Kommunikation unter jüdischen Jugendlichen zu fördern«, erklärt Mark Krasnov. »Das Internet trägt viel zum Zusammenhalt bei.« Im Gegensatz zu nichtjü- dischen Jugendlichen hielten die jüdischen über das Netz oft den Kontakt zu Altersgenossen in ganz Deutschland. So verpassen sie garantiert nicht, wenn es demnächst in einer anderen Gemeinde wieder ein Machane gibt, auf dem sie ihre Freunde wiedertreffen können.

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