Bücherverbrennung

Erst brannten Bücher, dann Menschen

Nach der Machtübernahme 1933 ließen die Nationalsozialisten die Bücher ungeliebter Autoren wie Erich Kästner verbrennen. Foto: picture alliance / dpa

»Sie werden unsere Bücher verbrennen und uns damit meinen«, ahnte Joseph Roth bereits 1932. Die Vermutung des Schriftstellers wurde ein Jahr später bittere Wahrheit: Im Land der Dichter und Denker prasselten im Frühjahr 1933 Scheiterhaufen für Bücher missliebiger Autoren und Autorinnen. Ihren Höhepunkt erreichte die von der NS-Studentenschaft organisierte »Aktion wider den undeutschen Geist« am 10. Mai.

Für Margit Ketterle, die beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Interessengemeinschaft (IG) Meinungsfreiheit leitet, ist der Gedanke an die NS-Bücherverbrennungen »bestürzend«. Die Sachbuch-Expertin beim Verlag Droemer Knaur beschreibt im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) ihre Gefühle, wenn sie über die NS-Bücherverbrennungen vor 90 Jahren nachdenkt: »Das Feuer ist Vernichtung in einer Art und Weise, die Auslöschung bedeutet. Ich kann nicht umhin, den Holocaust zu assoziieren«, sagt Ketterle.

Angst vor Gedankenfreiheit Sie verweist auf die Worte von Heinrich Heine aus den 1820er-Jahren, die im Zusammenhang mit den NS-Bücherverbrennungen oft zitiert werden: »Das war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.« »Dieses Zitat ist von grausamer, erschreckender Voraussicht«, unterstreicht sie. Zugleich macht sie deutlich: »Bücher können die Welt verändern, sonst würde man sie nicht verbrennen.« Und Ketterle findet es »erschreckend, wie groß die Angst der Mächtigen ist vor Gedanken- und Meinungsfreiheit«.

Die Germanistin und Bibliothekarin Andrea Voß kümmert sich in der Universitätsbibliothek Augsburg um die »Bibliothek der verbrannten Bücher - Sammlung Georg Salzmann«, eine über Jahrzehnte hinweg vom Namensgeber zusammengetragene Sammlung der von den Nazis verfemten Literatur. Seit Erfindung des Buchdrucks haben Bücherverbrennungen nach Voß‘ Worten »eine große symbolische Wirkung«. Sie spricht von einem »Spektakel des Feuers«, einem »einschüchternden, demonstrativen Vernichtungsakt«, der Angst und Schrecken verbreiten solle. Viele Literaten verließen Deutschland und gingen ins Exil.

Die NS-Machthaber begannen gleich in den ersten Wochen ihrer Herrschaft, Listen zu verbrennender Bücher und ihrer Autoren zu erstellen. Es waren vor allem Werke jüdischer, linksgerichteter und pazifistischer Autoren. Joseph Roth fand sich ebenso auf der Liste wie Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Irmgard Keun, Karl Marx, Kurt Tucholsky, Stefan Zweig, Anna Seghers, Alfred Kerr, Erich Maria Remarque, Egon Erwin Kisch, Franz Werfel.

Dokumentation Auch Bücher von Erich Kästner gingen in Flammen auf - in seinem Beisein, denn er gilt als einziger von den Nazis verunglimpfter Autor, der die Verbrennung seiner Bücher selbst beobachtet hat. Für Jan Schenck war sein Interesse für den Kinderbuchautor der Grund, sich näher mit den NS-Bücherverbrennungen zu befassen. Der Macher des Erinnerungsprojektes »Verbrannte Orte« sagte dem epd, er sei ein Buchliebhaber und »schon immer ein politischer Mensch« gewesen. Schenck hat »Verbrannte Orte« zum 80. Jahrestag der NS-Bücherverbrennungen maßgeblich angestoßen und arbeitet seitdem mit einem Netzwerk von Ehrenamtlichen an der Dokumentation von NS-Bücherverbrennungen.

Entstanden ist auf diese Weise vor allem eine Webseite mit einem interaktiven Online-Atlas, wo es überall Bücherverbrennungen gegeben hat und ob sie zur »Aktion wider den undeutschen Geist« oder zu anderen Verbrennungsaktionen gehörten. Dem Erinnerungsprojekt des gelernten Fotografen geht es aber auch um Sichtbarkeit der Orte von Bücherverbrennungen im Alltag: Wie sehen die Orte heute aus und welchem Zweck dienen sie? Gibt es sichtbare Zeichen der Erinnerung?

»Ich glaube, eigentlich darf man sich in so einer Erinnerung nicht auf die Jahrestage konzentrieren, sondern müsste tatsächlich eine kontinuierliche Erinnerung schaffen«, sagt Schenck. Gleichwohl nutze sein Netzwerk »die Aufmerksamkeit der 90. Jahrestage«, um noch stärker als bislang öffentlich in Erscheinung zu treten. Zusammen mit der Deutschen Nationalbibliothek hat »Verbrannte Orte« Material für Schulen erarbeitet und tourt im laufenden Jahr mit einer Wanderausstellung durch viele Städte.

Allein für das Jahr 1933 kann »Verbrannte Orte« 160 Verbrennungsaktionen nachweisen. 70 davon hat das Netzwerk in dem Jahrzehnt seines Bestehens in Archiven entdeckt. »Es gibt immer noch eine hohe Dunkelziffer an Taten, abgesehen von den bekannten studentischen Verbrennungen«, sagt Schenck.

In eigener Sache

Wir suchen Verstärkung

Wir suchen zum 1. Juli 2026 einen Politik-Redakteur (m/w/d) in Vollzeit

 07.05.2026

Jerusalem

Israel fordert von Großbritannien mehr Einsatz gegen Antisemitismus

Nach einem weiteren Terrorangriff auf Juden wirft Jerusalem London vor, die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Präsident Herzog: »Es ist an der Zeit, dass die Welt aufwacht.«

 30.04.2026

Polen

Israel fordert Konsequenzen nach Eklat mit Hakenkreuz-Flagge

Im Parlament hatte ein rechtsradikaler Abgeordneter eine israelische Flagge mit einem Hakenkreuz an Stelle des Magen David gezeigt

 22.04.2026

Brüssel

Deutschland und Italien bremsen EU-Vorstoß gegen Israels Assoziierungsabkommen

Spanien, Slowenien und Irland fordern eine Debatte über das Abkommen. Außenminister Wadephul bezeichnet den Vorstoß als »unangemessen«

 22.04.2026

Berlin

Urteil zu Angriff auf Lahav Shapira erwartet

Nach einem antisemitischen Angriff auf einen jüdischen Studenten in Berlin ist der Fall neu vor Gericht verhandelt worden. Im Mittelpunkt des Berufungsverfahrens steht die Höhe der Strafe. Ein Urteil wird am Montag erwartet

 13.04.2026 Aktualisiert

Fussball

Kopfball mit Kippa

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Jan Feldmann  01.04.2026

Podcast

»Arbeiten im Krieg ist eine große Herausforderung«

Zwischen Bomben und Bunker: Wie unsere Korrespondentin in Tel Aviv ihren Alltag erlebt

von Jan Feldmann, Sabine Brandes  01.04.2026

Video

Zwischen Matzen und Kneidlach: Stimmen aus einem koscheren Supermarkt

Kurz vor Pessach: Vorbereitungen auf den Feiertag – Stimmen aus »Kosherlife«

von Jan Feldmann  01.04.2026

Wirtschaft

Iran-Krieg treibt Inflation auf höchsten Stand seit 2024

Teurer Sprit, steigende Preise für Strom und Gas: Die Kämpfe im Nahen Osten haben schon im ersten Kriegsmonat die Verbraucherpreise angeheizt. Bald könnten auch andere Warengruppen betroffen sein

von Alexander Sturm und Christian Ebner  30.03.2026