Offenbarung

Erhaben und unterdrückt

Vom Sonntagabend an wird in den jüdischen Gemeinden Schawuot gefeiert. Sieben Wochen nach Pessach, dem Fest zur Erinnerung an die g’ttliche Befreiung unserer Vorfahren aus dem Sklavenhaus Ägyptens, wird der Offenbarung am Berg Sinai (Sman Matan Toratenu) gehuldigt.

Gemäß unserer Tradition haben unsere Vorfahren am Berge Sinai nicht nur die geschriebene Lehre (Tora Schebichtaw), sondern auch die mündliche Lehre (Tora Schebealpe), eine Art „Gebrauchsanweisung“ der Heiligen Schrift erhalten. Die wesentlichen Elemente jener mündlich überlieferten Tora sind: Halacha und Aggada. Die Halacha befasst sich mit den Grundsätzen und Regeln unseres jüdischen Lebens, sowohl im Alltag wie am Festtag. Die Aggada ist dagegen farbiger. Sie beinhaltet ethische Lehren und Parabeln in unterschiedlichen, literarischen Formen und Gattungen. Am häufigsten verbreitet die Aggada narratives, erzählendes Gut.

Eine Aggada zum Beispiel will für uns ergründen, warum sich der Ewige gerade am Berg Sinai offenbarte: Im 68. Psalm le‐
sen wir: „Warum schaut ihr trüb, ihr hochmütigen Berge …?“ Dieser Vers wurde von Rabbi Jossi HaGalili wie folgt ausgelegt: Als der Ewige Israel Seine Tora geben wollte, meldeten sich viele Berge und Hügel.

Alle wollten, dass dieser g’ttliche Akt auf ihrem Gipfel stattfinden sollte. Ein jeder konnte auch Verdienste für sich aufzählen. Der Berg Tabor in Bet‐Elim, oder der Berg Carmel im Heiligen Land waren ziemlich sicher, dass der g’ttliche Zuspruch ihnen zukommen werde. Darum fragte G‐tt: „Was schaut ihr so trüb hochmütige Berge …? – Ihr seid zwar wahrhaftig schön, erhaben, günstig gelegen, jedoch an einem jeden von euch fanden menschenfeindliche, menschenopfernde, heidnische Zeremonien statt. Nur auf dem Berg Sinai, inmitten der unwegsamen Wüste fand keine götzendienstliche Handlung statt.“ Daher ist dieser Berg, wie der Psalmvers fortfährt, „der Berg den G‐tt zum Sitz begehrt“.

Diese Aggada will uns kundtun, dass es für unsere Weisen unvorstellbar gewesen wäre, die Tora an einem Ort zu erhalten, an dem unlängst noch den Götzen gehuldigt wurde. Es gehört aber zu den Besonderheiten der jüdischen Vorstellungen über die heiligen Orte, dass für uns heute der Berg Sinai keinerlei Heiligkeit mehr besitzt. Seine Heiligkeit war bloß zeitweilig, für den Augenblick, als G‐tt sich damals vor den Scharen der Israeliten offenbarte. Dagegen hat sich die Heiligkeit Jerusalems für uns Juden auf alle Zeiten erstreckt, da hier die beiden wichtigsten Heiligtümer des jüdischen Altertums standen.

Die folgende Aggada bildet einen allegorischen Dialog zwischen Mosche Rabbenu und den himmlischen Boten (Malachei Hascharet), über Sinn und Bedeutung der Offenbarung und darüber, wem die Heiligkeit der g‐ttlichen Worte dient. Die Szene dieses Zwiegesprächs ist in die himmlische, übermenschliche Sphäre „verlegt“.

Der Grund dafür ist, dass es noch menschlicher und alltäglicher wirken kann: Mosche Rabbenu stieg damals zum Sinai empor, um die Tora zu holen. Die Boten des Herrn musterten ihn kritisch und fragten: „Herr der Welt, was sucht dieser Menschensohn hier?“ G‐tt sprach: „Er wird die Tora erhalten!“ Da staunten die Boten noch mehr: „Den größten Schatz, den Du bis zur Erschaffung der Welt verborgen hast, den soll dieser Mensch aus Fleisch und Blut bekommen?“

Der Ewige ermutigte darauf Mosche: „Gib ihnen die passende Antwort!“ „Herr der Welt“, fing Mosche seine Rede nach dem g‐ttlichen Zuspruch an, „was steht denn in Deiner Tora, die Du mir anvertraust? ‚Ich bin der Herr, der dich aus der Unterdrückung Ägyptens herausgeholt hat.‘“ Dann wandte er sich den Boten zu: „Wart ihr denn jemals unterdrückt? Habt ihr denn irgendwann als Sklaven geschuftet? Wozu braucht ihr die Tora? Es steht weiter: ‚Du sollst keine anderen Götter vor Mir haben …‘ Weilt ihr denn unter den Völkern, die den Götzen dienen? Wozu euch dann dies? Und noch weiter steht: ‚Du sollst den Namen des Ewigen nicht zur Unwahrheit missbrauchend aussprechen.‘ Führt ihr denn Handel, schließt ihr Geschäfte mit Menschen ab, so dass dies für euch als Ermahnung einen Sinn haben könnte? Oder braucht ihr den Schabbat und die Feste als Ruhetage? Ihr arbeitet doch ohnehin nicht! Morden, Stehlen, falsches Zeugnis ablegen, Begehren hat für euch keine Relevanz!“

Darauf, so endet die Aggada, sangen die Boten ein Loblied auf den Herrn der Welt. Sie sahen die „irdische“ Notwendigkeit der Tora ein. Und nun sind wir an der Reihe, endlich zu erkennen, dass diese g‐ttliche Offenbarung uns auf Erden so manche Lösungen für etliche unserer Leidenswege zeigen kann.

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