Brasilien

Ende einer Gruselfahrt

von Carl Goerdeler

Ein Berg von Plastik-Leichen und darüber ein tanzender Hitler: So hatte sich »Carnevalesco« Paulo Barros den fünften Prunkwagen der Sambaschule Viradouro unter dem Motto »Es ist zum Gruseln« ausgedacht. Und er konnte nicht glauben, dass sich, sobald der Leichenwagen in der Montagehalle entdeckt worden war, weltweit ein Sturm der Entrüstung erhob. Die Gruselgeschichte fand rechtzeitig vor einer Woche ein Ende: Das Amtsgericht von Rio de Janeiro unter Richterin Juliana Kalichszteim verbot der Sambaschule Viradouro die Zurschaustellung dieses Kadaverwagens im Sambódromo. »Im Karneval darf weder zu Hass und Rassismus aufgerufen, noch sollten Dinge wie die Massenvernichtung der Juden unter Adolf Hitler banalisiert und ironisiert werden«, erklärte das Gericht.
Die einstweilige Verfügung gegen Viradouros Leichenshow wurde von der Jüdischen Föderation in Rio de Janeiro bewirkt. Ihr Präsident, Sergio Niskier, hatte die Sambaschule mehrfach und vergeblich davon abbringen wollen, das Holocaust-Thema unter dem Motto »Es ist zum Gruseln« im Karneval vorzubringen. Als er aber davon erfuhr, dass über dem Leichenberg auf Rädern auch noch ein Adolf Hitler im Samba-Rhythmus tanzen sollte, sah er keinen anderen Weg mehr, als ein Verbot anzustre- ben. Auch das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Buenos Aires bat die brasilianischen Narren, den Genozid an den Juden nicht zu banalisieren. Nicht bloß Organisationen zeigten sich über Viradouros Geschmacklosigkeit empört. Robert Szanieki von der Sambaschule Grande Rio, selbst Enkel von Holocaust-Opfern, war über den Prunkwagen mit Plastikleichen besonders geschockt und versuchte, seinen Kollegen zu erklären, warum.
Doch Paulo Barros, Kreativdirektor von Viradouro, gibt sich uneinsichtig. »Das Verbot basiert auf einem Vorurteil.« Als ob Karneval nur Krach und nackte Haut bedeute. Er habe gerade mit diesem Leichenwagen erschrecken und darüber aufklären wollen, wohin Rassismus und Intoleranz führen können.
Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert: Das Unverständnis von Paulo Barros und manchen anderen brasilianischen Karnevalisten, dass sich nicht alles im Karneval verwursten lässt, ist weit verbreitet. Schon früher gab es ähnliche Konflikte – etwa mit der Zurschaustellung eines mit Maschinenpistole bewaffneten Christus –, was die religiösen Gefühle der mehrheitlich katholischen Brasilianer verletzt haben könnte.
Mit Plastikleichen und einem tanzenden Hitler beim Karneval der Judenvernichtung zu gedenken, ist mehr als Geschmacksverirrung, sondern auch Ausdruck von Infantilität im Umgang mit der Geschichte. Zwar haben die meisten Brasilianer vom Holocaust schon mal gehört – doch was er war, ist den Wenigsten klar. Hat doch Brasilien fast immer weitab vom Weltgeschehen gelebt. »Brasilien hat das historische Gedächnis einer Henne«, heißt ein populärer Spruch.
Der Samba-Skandal hat in den brasilianischen Medien mächtig Wellen geschlagen. Eine nicht zu kleine Minderheit, auch von Intellektuellen in Brasilien, schreit nun »Zensur!« ob der einstweiligen Verfügung des Gerichts.
Trotz des Verbots ist Viradoura am Montagmorgen durch das Sambódromo defiliert. Anstelle des Holocaust-Wagens hatte der Karnevalist Barros einen Gräberberg mit Spaten geschaffen: seiner Meinung nach eine Anspielung auf Verbot und Zensur. Auf einem improvisierten Wagen tanzten weißgekleidete Narren mit Mundknebel, und auf einem Transparent war zu lesen: »Man baut nicht die Zukunft, indem man die Vergangenheit versteckt.«

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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